Hast Du ein Smartphone-Problem?

Dieses Sachbuch ist sehr hilfreich, um festzustellen, ob die Verwendung des Smartphones und aller Apps wie Facebook und Co im täglichen Gebrauch schon so suchtartige Züge angenommen hat, dass sie das eigne Wohlbefinden und die Lebensqualität verringert, ohne dass es einem selbst auffällt. Lasst Euch auch nicht vom plakativen Titel Likest Du noch oder lebst Du schon? täuschen und abhalten, den Ratgeber zu lesen, denn er ist nicht wie vermutet, mit moralisch erhobenem Zeigefinger geschrieben, sondern sehr sachlich ausgearbeitet. Zudem liefert dieses Werk tatsächlich ein paar Gegenstrategien, Tips & Tricks für den Alltag, um seine Psyche und die ungesunden Gewohnheiten zu überlisten, die mir in Summe aber zu wenig waren.

Eigentlich bin ich gar nicht der Typ für solche Ratgeber, denn erstens mag ich dieses Selbstoptimierungs- Lebensberatungsgenre überhaupt nicht, und zweitens ist der Umgang mit dem Handy und auch die Nutzung von Social Media wie Facebook, Instagram und Co mein Job, denn ich halte Vorträge zu diesem Thema, meinte also, ich bin ohnehin umfassend informiert, einen selbstreflektierten, verantwortungsvollen Umgang mit den Medien und Kanälen zu pflegen. Ich kann sie ja ohnehin in der Arbeit nicht umgehen.

Dieses Selbstbild wurde aber von mir, beziehungsweise von meinen angelernten schlechten Gewohnheiten völlig zertrümmert. Als mein Mann und ich Ende Dezember einmal den Akku unserer Handys tauschen ließen und zwei Stunden auf das Teil verzichten mussten, habe ich mich viermal dabei selbst erwischt, wie ich instinktiv und ohne wirklichen Vorsatz, das Smartphone zu verwenden, in die leere Manteltasche gegriffen habe, um es herauszufischen. Mein Mann wollte die Öffnungszeiten eines Restaurants zum anschließenden Mittagessen herausfinden und war dann auch konsterniert, dass dies in unserem gewohnten Prozessablauf ohne Mobiltelefon nicht so einfach möglich war. Da war bei mir der Punkt erreicht, dass ich reif war für so ein Selbsthilfebuch.

Wie schon erwähnt, gibt sich die Autorin viel Mühe mit der IST-Zustands-Analyse. Sie stempelt nicht alle als Süchtige ab, die ein Problem haben, das sie unbedingt lösen müssen, sondern sie schildert neutral Situationen, die sie bei sich selbst erlebt und bei anderen beobachtet hat. Diese bewertet sie psychologisch, geht aber nicht davon aus, dass es bei jedem genauso ist. Mittels einfacher Fragen in Checkboxen am Ende jedes Kapitels kann man sich dann selbst einschätzen, zum Beispiel: Welcher Umstand lässt mich zum Handy greifen, was lässt mich klicken und liken? Beeinträchtigt mich mein Kommunikationsverhalten negativ und wenn ja in welchen Situationen und wie? Wird mein Selbstbewusstsein negativ beeinflusst, versuche ich Langeweile und Beschäftigung mit mir selbst durch Gebrauch von Sozialen Medien zu vermeiden, unterdrücke ich notwendige Ruhephasen für Körper und Geist, ist mein Zeitaufwand für Soziale Medien zu hoch, unterbrechen sie mich in meiner Arbeit und Konzentration auf andere Aufgaben? … etc.

Solche Verhaltensschilderungen und -analysen werden sehr umfassend, auch unterfüttert mit wissenschaftlichen, biologischen und psychologischen Erklärungen geliefert, denn vieles spielt sich im Unterbewusstsein ab und adressiert direkt unser Belohnungssystem im Gehirn, das evolutionär noch aus der Zeit der Affen stammt und sich nicht verändert hat. Dieses Konzept der Autorin hat mir ausnehmend gut gefallen und sticht auch aus dem ganzen wirren, übergriffigen, missionarischen, esoterischen Achtsamkeitsblabla heraus, mit dem ich in letzter Zeit viel zu viel konfrontiert bin, obwohl ich nie um Rat gebeten habe.

Der Ehrlichkeit halber, mach ich mich nun vor Euch psychologisch nackig und präsentiere meine eigene Analyse. Jetzt weiß ich auch genau, warum ich trotz Selbstreflexion vorher nie ein Problem verortet habe. Irgendwie bin ich nicht ganz die beschriebene Internet addicted Zielgruppe, die Probleme hat, und das aus einigen Gründen, aber dann doch irgendwie. Zudem bin ich im Zuge der Lektüre auf ein anderes Problem, das schon vor dem Internet bei mir bestand, wieder aufmerksam gemacht worden und habe einige biologische Erklärungsansätze gelernt. Wem meine persönliche Analyse zu langweilig ist, der springe zum nächsten Absatz nach der Aufzählung. Die Liste zeigt aber, wie genau die Autorin die Leserschaft dazu bringt, sich selbst zu reflektieren.

  1. Ich checke keine Mails auf dem Handy, sondern nur täglich am Computer, im Gegenteil, ich sage sogar jedem, dass ich gar kein Mailprogramm habe, was nur bedingt stimmt, denn ich mache es einfach nicht auf.
  2. Ich nutze den Whatsapp Messenger aus Sicherheitsgründen überhaupt nicht.
  3. Es gibt von mir keine Selbstdarstellungen in Instagram und Twitter, im Gegenteil, es existiert in beiden Netzwerken kein einziges Foto von mir. Niemand, der mich nicht persönlich kennt, weiß, wie ich aussehe, denn mein Avatar ist ein Krokodil. Die meisten Leute wissen nicht einmal mein Geschlecht, das ist vor allem bei Fachdiskussionen sehr hilfreich, denn eindeutig identifizierte Frauen werden viel mehr beleidigt, gehatet und gecancelled. In den beruflichen Netzwerden wie Xing und LinkedIn zeige ich natürlich im Profilfoto mein Gesicht und gebe meinen ganzen Namen bekannt, ebenso wie in Facebook, da gibt es maximal einmal im Jahr ein Foto, meist zu Weihnachten mit Glückwünschen an meine persönlichen Freunde. Im Gegenzug sind mir auch alle die optimierten Selbstdarsteller und Influencer viel zu lästig, ich folge nur ein paar von denen, zu Demonstrationszwecken in meinen Lehrveranstaltungen. Diese komischen Menschen verursachen bei mir aber sicher keinen Einbruch im Selbstbewusstsein oder eine aufkommende Unzufriedenheit, denn ihre Selbstdarstellung ist so fernab meiner Realität, dass ich mich gar nicht mit ihnen und ihrem Lebensstil vergleichen kann.
  4. Ich präsentiere mich selbst so gut wie gar nicht, sondern nur das, was ich sehe oder lese oder koche, oder diskutiere. Ich habe sehr viel Austausch und Kommunikation über Hobbys und Fachdiskussionen in den unterschiedlichen Netzwerken. Ich poste auch schöne Fotos von Urlauben oder Ausflügen (Landschaften und Gebäude) sehr oft zeitversetzt, damit niemand draufkommt, wann ich wirklich außer Haus bin. Manche mögen mich für paranoid halten, ich nenne es die Verteidigung meiner Privacy, die ich ja trotz intensiver beruflicher Social-Media-Nutzung durchsetzen möchte.
  5. Wenn mir langweilig ist und ich warten muss, habe ich seit jeher immer ein Buch in meiner Handtasche, da brauch ich kein Smartphone zur Ablenkung, da bin ich total analog.
  6. Es gibt bei mir fixe Buch-Lesezeiten und es gab auch früher fixe Social-Media-Zeiten, die ich mittlerweile aber nur mehr während der Berufstätigkeit einhalte und nicht mehr in der Freizeit. Wenn ich arbeite und mich stark konzentriere, lasse ich mich oft nicht einmal durch das Telefon abhalten. Ich wurde als Kind zum Anti-Multlitasking erzogen, sich immer auf eine Aufgabe voll zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen. Ich kann sogar so lange und konzertiert arbeiten, dass dies schlecht für meinen Bewegungsapparat ist, weil ich meine Muskeln zu wenig entspanne. Genau an diesem Punkt habe ich in der Analyse dann auch zwei Probleme bei mir erkannt: Die suchtartige Nutzung des Smartphones am Wochenende und in der Freizeit und die zu starke Konzentration auf Arbeitsaufgaben.
  7. Das Problem der mangelnden Entspannung, das die ständige Beschäftigung mit dem Smartphone verursacht, hatte ich schon vor der Zeit, als es überhaupt das Internet gab. Ich war immer beschäftigt und abgelenkt mit Büchern oder anderem, schon als Kind hatte ich oder durfte ich nie Langeweile zeigen oder unbeschäftigt sein, mein Symphatikus ist immer on, der Parasymphatikus quasi ausgeschaltet. Dazu habe ich auf meiner Bandscheibenkur 2018 schon die dementsprechenden Entspannungstechniken gelernt, die mich mein innerer Schweinehund aber wieder verdrängen ließ und die dieses Buch wieder in den Vordergrund meiner Aufmerksamkeit gerückt hat.

Am Ende der Analyse, wenn man die Fragen in den Checkboxen ehrlich beantwortet und sie sich durch den Kopf gehen lässt, hat die Leserschaft wahrscheinlich genau wie ich dargelegt habe, eine ebenso detaillierte Beschreibung, eine Problemverortung und eine psychologisch fundierte Erklärung, warum das eigene Verhalten so ist wie es ist. Das kann man als eigentliche Stärke des Ratgebers bezeichnen.

Ein paar Schwächen gibt es aber auch. Manchmal entgleitet der Autorin die Ausführlichkeit der Analyse und es entstehen Redundanzen, die ich in einem Sachbuch immer anprangern muss. Zum Beispiel kommt das Thema: Multitasking und Konzentration auf eine Aufgabe mehrmals vor und nervt dann auch in der Wiederholung.

Die größte Schwäche, die ich verortet habe, sind aber die mangelnden Problemlösungsvorschläge und der Maßnahmenbaukasten, der nach der Analyse und der Sichtbarmachung des Problems kommen muss. Ganze 130 Seiten sind der Verhaltensanalyse gewidmet und 25 Seiten bieten ein paar lahme Problemlösungsstrategien und Tricks, aber kaum ein nachhaltiges Konzept zur Verhaltensänderung. Mir kommt es fast vor, dass sich die Autorin davongemacht hat und die Leser*Innen mitten im Projekt – nämlich bei der Umsetzung – völlig im Stich gelassen hat. Das geht wirklich besser!

Fazit: Bedingte Leseempfehlung, Für eine sachliche Ist-Zustandsanalyse, ob tatsächlich ein Problem besteht, ist der Ratgeber ausgezeichnet geeignet, die Problemlösungsansätze sind anschließend aber zu wenig im Fokus und viel zu dünn ausgearbeitet. Als Start aber ein sehr nützliches Sachbuch.

Likest Du noch oder lebst Du schon? von Christina Feirer ist 2022 im Verlag Kremayr und Scheriau als flexibler Einband erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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