Blick in den Kopf des langweiligsten Nazi-Verbrechers

Dieser Roman und ich, wir haben uns schon von Anfang an auf dem falschen Fuß erwischt, und meine Probleme mit der Geschichte wurden auch im Anschluss nicht besser.

Im ersten Drittel des Werks suchte ich vergeblich den auf dem Buchrücken angekündigten beißenden Spott, denn wenn ich Spott und Ironie nicht diametral entgegengesetzt gegenüber dem Rest des Universums verstehe, fand sich für mich kein Fünkchen davon zwischen den Buchseiten, Im Gegenteil, Adolf Eichmann agiert in seinem argentinischen Universum genauso ernsthaft, teilweise roboterhaft technokratisch, wie ich ihn diese Woche im Film die Wannseekonferenz bewundern durfte.

Ein unverbesserlicher Eichmann (aka Klement) stolpert also durch Argentinien, und in der ganzen Geschichte fand sich kein Wortwitz, keine satirische Szene, kein einziger Spott, nur Nazi pur, eben nicht unter den Fittichen Adolf Hitlers, sondern halt im Universum Juan Perons. Natürlich suchte ich den Fehler zuerst bei mir, und las erstmals schon während meiner Lektüre andere Rezensionen, um zu eruieren, ob ich falsch lag, denn Ironie und Spott sind ja bekanntlich immer sehr individuell, aber ich habe mich nicht getäuscht. Da war wirklich nix zu merken.  Ich frage mich noch immer, warum der Verlag den Roman derart anpreisen musste, wenn er doch ein realistisches Psychogramm aus Eichmanns Sicht, gekoppelt mit einer fiktiven Biografie über das Leben in Argentinien darstellt. Ohne diesen Etikettenschwindel hätte ich realistischere Erwartungen gehabt und den verschwurbelten Stil nicht dem Unvermögen des Autors, sondern der authentischen Darstellung der Figur zugeschrieben.

Als ich ab der Hälfte der Geschichte meine Unsicherheit ausgeräumt hatte, wurde es aber für mich persönlich leider auch nicht besser, denn die Handlung konnte mich überhaupt nicht fesseln, obwohl der Charakter Adolf Eichmann sogar sehr gut getroffen ist. Wahrscheinlich weil das Vorbild so ein fader, blasser Protagonist ist – quasi ein unscheinbarer, langweiliger Mörder – der ein so spießiges Leben führt, dass ihm auch überhaupt nichts Spannendes passiert. Das wird auch der Grund sein, warum Eichmann sich so lange vor der Strafjustiz der Alliierten und dem Mossad verstecken konnte, er war als Person nahezu unsichtbar. Aber ist so eine Figur es dann überhaupt wert, eine Geschichte in seinem Duktus und aus seiner Sicht zu erzählen? Das ist die Frage, die ich für mich bedauerlicherweise mit nein beantworten muss, denn sie verstößt gegen mein erstes und wichtigstes literarisches Gebot „Du sollst nicht langweilen.“ Dabei geht es eben nicht um die Figur des Protagonisten und dass im Bereich des Plots sehr wenig passiert, sondern vor allem darum, dass der Autor diesen umständlichen verschwurbelten Stil und das langweilige nervtötende Herumgelaber von Eichmann übernommen hat, was mich permanent beim Lesen fast in Narkolepsie katapultierte.

Die zwei größten Highlights abgesehen von der Verhaftung im Finale waren ein Mittagessen mit Josef Mengele (aka Doktor Helmut Gregor) und eine doch recht schräge anale Sexpraktik mit einer großen Mohrrübe, die mich aber nicht schockierte, da ich schon einiges über Adolf Hitlers abweichendes Sexualleben gelesen habe.

Ich verstehe durchaus die Intention hinter dem Werk, einige dieser Nazi-Monster und Mitläufer als das darzustellen, was sie wirklich waren: kleine, armselige, spießige, selbstmitleidige, schwache Charaktere, die ihr Leben mit Frau und Kindern genauso leben wie Du und ich.  Nichts von ihrer Menschenverachtung dringt nach außen, es sei denn, sie wähnen sich in Gesellschaft von Gleichgesinnten. Nachträglich ist man immer wieder erstaunt, welche Abgründe in den Taten von solchen braven Bürgern und Nachbarn schlummern. Zu ebendiesen Nazi-Monstern hätte ich dann doch lieber ein Sachbuch mit vielen Blickwinkeln und historischen Bezügen gelesen, anstatt diese lähmende Innenschau. Da hat mir das fiktive Konzept von Timur Vermes und Walter Moers, Adolf Hitler mit Humor und Satire zu begegnen, weitaus besser zugesagt.

Fazit: Konzept nicht uninnovativ, aber definitiv kein Roman für mich. Ich fürchte, an dieser Stelle kann ich weder eine Warnung noch eine Empfehlung abgeben. Da müsst Ihr selbst entscheiden, ob das Buch mit seinem ungewöhnlichen Blickwinkel etwas für Euch sein könnte.

Das zweite Leben des Adolf Eichmann von Ariel Magnus ist 2021 im Verlag Kiepenheuer&Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Blick in den Kopf des langweiligsten Nazi-Verbrechers

  1. @soerenheim Oha – wusste ich gar nicht, dass es quasi ein ähnliches Konzept schon bei Josef Mengele in einem Roman von 2018 gab. Danke für die Info

    Gefällt mir

  2. Wirkt wie genauso eine Fingerübung in „Zeigen das Nazis Nazis sind“ wie das ähnlich gelagerte, ebenso langweilige Mengele-Buch. Vom Content-Fixierten Feuilleton mit Schulterklopf-Sehnsucht wird sowas dann natürlich bejubelt und verbreitet. Sehr in Vergessenheit gerät dabei, wie zurecht fragwürdig die Shoa dieses spießbürgerliche Was-passiert-als-Nächstes-Schreiben mal machte. Stattdessen begibt sich solche Literatur auf Spiegel-Niveau – „Sagen was ist“ (bzw. war). Dafür gibts aber schon Wikipedia.

    Wie ich zum Mengele „Roman“ schrieb:

    „Es ist sicher richtig, das berühmte sogenannte Diktum Adornos eher als Herausforderung denn als stehendes Gebot zu begreifen. Anders hielt es ja letztlich auch Adorno nicht.

    Die Lektüre eines Roman wie Das Verschwinden des Josef Mengele stößt allerdings auch wieder darauf, wie viel Einsicht in dem Satz steckt. Und dabei geht es weniger um eine moralische als um eine ästhetische Frage. Wie, wo der Mensch das Kunstschaffen doch so wenig lassen kann wie das Atmen, über die größte Barbarei der Menschheitsgeschichte schreiben? Ein Text, der darauf keine Antwort findet, droht nicht nur den Nationalsozialismus zu verharmlosen oder gar zu erheben, es knirscht vor allem auch ästhetisch im Gebälk: Der Text funktioniert höchstwahrscheinlich einfach nicht richtig.

    (…)

    Es ist nicht zwingend barbarisch, über Auschwitz zu schreiben. Doch man sollte jeden Text erstmal angehen, als sei er das. Das Verschwinden des Josef Mengele macht daraus eine Routineaufgabe. Das liest sich ganz in Ordnung, höhere Weihen verdient es aber nicht.“

    https://diekolumnisten.de/2018/08/26/ueber-mengele-schreiben-wie/

    Gefällt 1 Person

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