Golden Girl

Melanie steht mitten im Leben – zumindest von außen betrachtet. Obwohl jung Mutter geworden, hat sie sich mit Hilfe der eigenen Mutter eine journalistische Karriere aufgebaut, die sich sehen lassen kann. Die Feier zu ihrem fünfzigsten Geburtstag ist glamourös, der neue Kollege irgendwie attraktiv und die Dinge nehmen ihren Lauf. Dass diese äußere Fassade langsam spröde wird und Melanie selbst nichts wirklich so im Griff hat, wie sie es gerne möchte oder glaubt, zu haben müssen, das zeigt schon der Einstieg in Caroline Rosales Roman „Das Leben keiner Frau“, der mich gefordert, kurzzeitig etwas geärgert, über die ganze Strecke aber begeistert hat. Was genau da im Leben von Melanie los ist und weshalb diese Geschichte für mich nicht nur ein Roman darüber ist, wie man sich im Lauf der Lebensjahre und gerade um die so viel beschworene Zahl 50 verändert, ohne dass man es beeinflussen kann, sondern auch darum, was es heißt, in unserer Gesellschaft, heute eine Frau zu sein, das versuche ich im Folgenden klar zu machen …

Caroline Rosales hatte mich von Anfang an mit ein paar Punkten gepackt: Ihr Stil ist frisch, liest sich weg wie nichts und bleibt überaschend, ihre Hauptfigur Melanie ist nicht unbedingt sympathisch, aber das muss sie ja auch nicht sein – mir allerdings wurde sie während der Lektüre immer vertrauter und am Ende des Buches mochte ich sie. Die Kapitel haben Überschriften! Und was für welche. Wann hat das eigentlich aufgehört, dass man sich für einzelne Kapitel passende Überschriften ausgedacht hat? Egal, schön, dass Rosales dieses kleine aber feine Detail eingebaut hat.

Melanies Geschichte beginnt mit einem Prolog in deren Badezimmer, von der Party zum 50.Geburtstag wissen wir noch nichts, wohl aber davon, dass nicht alles so gut gelaufen ist in letzter Zeit und dass Melanie den „Early Check-out“ gewählt hat, sprich sie versucht mit Tabletten und auf die ihr am angenehmsten scheinende Weise Schluss zu machen. Im Hintergrund läuft „Goodbye yellow brick road“ von Elton John – sie will und sie kann einfach nicht mehr, alles ist zu viel und gleichzeitig ist da dieses Nichts und nichts mehr selbstzuoptimieren.

Die Ironie eines Lebens als Autorin – im letzten Moment habe ich Ladehemmungen, ich werde ohne Schlüsselsatz gehen. […] Zum Stichwort Freitod spuckt Google keine Wikihow aus. Selbstmord bleibt ein selbstoptimierungsfreier Raum. Deshalb ist wahre Recherche gefragt. Das Ergebnis: Ich nehme Tabletten und lasse elektrische Geräte weg. […] Ich habe Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich nie wieder glücklich sein werde. Seitdem durfte sich jeder in mein Nichts stürzen, sie wussten, dass ich es zulassen würde. Aber das ist jetzt unwichtig.

Im Rückblick steigt die Geschichte just am Abend besagter Feier ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Melanie hatte selten Glück mit Männern, sie war ihrerseits glücklich verheiratet, doch leider ist das auch schon wieder 10 Jahre her. Seitdem lebt sie in der schönen Wohnung mit Terasse, in der die glamouröse Feier stattfinden wird. Viele KollegInnen sind da, ihre schwangere Tochter Mona wird kommen und Melanie wird zwischen den Gästen hin und her springen, dabei zu viel trinken und am Ende auch noch mit August, dem neuen Kollegen, ins Bett gehen. Frau muss ja sehen, wo sie bleibt – dass August allerdings doch so ein Reinfall werden würde, konnte man vorher ja nicht ahnen, die Nachwirkungen allerdings erinnern daran. Der nächste Tag wird anstrengend, der Kater ist präsent, ebenso wie die Unterleibschmerzen, ein Kommentar muss bis 14 Uhr abgegeben werden, Melanies Haushaltshilfe Maricel kümmert sich um das Aufräumen und Melanie muss noch zu ihrer Mutter. Das Verhältnis der beiden ist ein schwieriges. Nicht nur weil die Zeit für ihre Mutter irgendwann stehen geblieben ist:

Sie konserviert die Vergangenheit, sie denkt nicht mehr an die Zukunft. Sie lebt in einer Kathedrale aus kompostierten Emotionen, einem Gemischtwarenladen aus Selbstbetrug – die gerahmten Bilder, die Milchkanne aus ihrer Kindheit, das Silberbesteck aus ihrer gescheiterten Ehe sind tägliche Erinnerungshilfen an das Gewesene. […] Bei der Auswahl ihrer Fotos, die es in einen Rahmen oder an den Kühlschrank schaffen, ist es wichtig, dass sie es ist, die gut aussieht, nicht ich. Nicht die anderen.
Sie hat ihren Ballast an mich weitergegeben, ihre Willkür, ihren Neid auf meine Jugend, vielleicht gebe ich jetzt meinen an Mona weiter, aber wer weiß das schon. Bei Frauen geht es nicht wie beim Theweleit’schen Soldatenkörper darum, dass ein Mann die Schläge seines Vaters an seinen Sohn weitergibt. Es ist die Missbilligung, das Kleinmachen, das von einer Frauengeneration zur nächsten wie durch eine feuchte Zimmerdecke trieft.

Frauensolidarität – auch darum geht es in diesem klugen Roman. Sei es nun die eigene Mutter, die ja selbst ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten hat und mit der man für das eigene Wohl, so gut es geht, Frieden schließen sollte oder die Schwiegermutter, die dem eigenen Sohn eine andere Frau gewünscht hätte (Ich könnte von Szenen berichten, die durchaus mehr als skurril waren und denen ich dank meines Mannes immer unbeschadet entkommen bin)  – sie alle haben ein Bündel zu tragen. Über die Geschichte von Melanies Mutter wird klar: auch sie hätte sich ein anderes Leben gewünscht. Nicht nur für sich, sondern für ihre beiden Töchter. Als sie notgedrungen ins Pflegeheim umziehen muss bricht eine Welt für sie zusammen und Melanie fühlt sich schuldig. Rosales gelingt es meisterhaft, die unterschiedlichen Gefühlszustände, die alle gleichzeitig auf uns einwirken können, darzustellen. Und Melanie kommentiert das Ganze analytisch scharf, ohne Blatt vor dem Mund, manchmal derb, man möchte fast sagen: wie ein Kerl. Einfach ungeschönt.

Mit dem Fortgang der Lektüre wird klar: Die so mühsam aufrecht erhaltene Hülle bekommt langsam Risse. Was im Grunde eigentlich gar nicht so schlecht ist, wenn man sich eingestehen kann, dass nichts perfekt sein kann und locker lässt. Locker lässt Melanie selbst auch, aber nicht in Bezug auf ihre Ansprüche an sich oder die anderen, sondern in Bezug auf Alkohol. Sei es, weil sie funktionieren muss, wie es ihr von ihrer Mutter anerzogen wurde oder sei es, weil sie noch nicht dafür bereit ist, all die Veränderungen, die da so plötzlich auf sie einstürmen zuzulassen. Doch als alles ganz schlimm zu werden droht, ist da ein Lichtstreif am Horizont – Oskar. Er ist kultiviert und offensichtlich richtig verliebt in Melanie. Sie selbst wünscht sich so sehr endlich einen Menschen, der sie ohne wenn und aber liebt, dass sie sich auch von sich selbst nicht von ihm abbringen lässt. Doch auch Oskar hat seine Geheimnisse und als diese auffliegen, mischt sich Rosales mit der Charakterisierung ihrer Figur als Beispiel für die normative Erziehung typisch ein, durchbricht damit die durchgängie Erzählung aus Melanies Sicht und bringt die ganze Geschichte präzise auf den Punkt:

[…] Für Frauen wie Melanie wird das aber nie genug sein, alle Schätze und geliebten Menschen dieser Welt würden nicht ausreichen, wenn da nicht der Eine ist, ihren Alterungsprozess zu begleiten und sie nach außen vor allen anderen als eine weiterhin attraktive, geistreiche Frau zu definieren. Es braucht einen Mann wie eine Trophäe, der es Melanie erlaubt, der Welt in jedem Moment zu zeigen, dass sie begehrt, gevögelt und bedient wird.

Rosales Roman ist spannend konzipiert und rund aufgebaut. Der Anfang schließt an das mit „Auftauchen“ betitelte letzte Kapitel an und ich verrate sicher nicht zuviel, wenn ich sage, dass Melanie doch noch Einsichten bekommt. Vielleicht nicht sofort und nicht an allen Stellen, aber wie sagte Leonard Cohen so schön:

„There is a crack in everything. That’s how the light gets in“

„Das Leben keiner Frau“ ist meine überraschendste Lektüre dieses Jahr und sei heiß empfohlen. Erschienen ist der Roman Ende August 2021 als Hardcover in den Ullstein Verlagen. Für mehr Info zum Buch wie immer über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

Ein Gedanke zu “Golden Girl

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