In Suburbia

Ein anderer Planet von Tracey Thorn

Wer Tracey Thorn kennt und mag – aufgepasst! Die britische Sängerin und Songwriterin – den meisten wohl bekannt als Frontfrau von „Everything but the girl“ – hat wieder ein Buch geschrieben, das Ende April 2021 auch bei uns in Deutschland herauskam.

Als leidenschaftlicher Großbritannienfan interessierte mich das Buch sehr, nachdem ich eine Buchbesprechung im Radio gehört hatte, die das Buch in den höchsten Tönen lobte.

Thorn beschreibt in dem Buch, das im Englischen wie auch im Deutschen mit „Ein anderer Planet“ betitelt wurde, ihre Jugend in Brookmans Park in der Grafschaft Hertfordshire – einem der typischen Vororte Londons, die weder Fisch noch Fleisch sind. Sie fühlen sich weder an, wie einer der verträumten britischen Örtchen auf dem Land, die ein eigenes Dorfzentrum und ein eigenes Leben haben, auch wenn sie irgendwo im Nirgendwo liegen, noch fühlen sie sich wirklich wie Großstadt, wie London an.

Was also ist das vorherrschende Gefühl hier? Nun, bei den Jugendlichen Langweile. Ständig wird Ausschau gehalten nach neuen Unterhaltungsmöglichkeiten, schießt ein neuer Laden aus dem Boden – wird er ausgekundschaftet. Thorn teilt mit uns ihre kindlichen und dann schließlich deutlich teenagermäßigen Einträge in ihr Tagebuch – und sie sind lustigerweise genau wie meine von damals: absolut banal und langweilig 🙂

Ich habe damals minutiös davon berichtet, dass ich bei meiner Freundin war, die direkt in der Wohnung unter uns wohnte, dass wir neue Klamotten für die Monchichis (!) gebastelt haben, dass wir geredet haben, die – damals noch SWF3 – Hitparade angehört und teilweise auf Kassette aufgenommen haben und so weiter. Als wir größer wurden, wurden die Einträge etwas ausführlicher, etwas thematisch anders gelagert (keine Monchichis mehr), aber im Grunde ähnlich langweilig. Ich fürchte, erst mit 15, 16 wurde es lesenswert, ich reflektierte mehr und traute mich auch, dies aufzuschreiben.

Genauso ehrlich banal und offensichtlich originalgetreu wiedergegeben sind die Einschübe aus Thorns Tagebüchern. Das finde ich entwaffnend und mutig. Eingebettet sind sie in die Beobachtungen und Reflektionen der erwachsenen Tracey Thorn von heute, die nach unendlich vielen Jahren mal wieder in ihre alte Heimat zurückkehrt. Mit offenen Augen und wachem Geist erörtert sie Gefühle, die sie überkommen, kommentiert Tagebucheinträge aus heutiger Sicht und gewährt Einblicke in ihr frühes Privatleben und Erwachsenwerden.

Für mich als Großbritannien- und Londonfan finden sich hier Schilderungen und Beschreibungen, die Bilder vor meinem inneren Auge entstehen lassen, manchmal sogar Gerüche oder Emotionen erwecken können, die ich selbst bei längeren oder kürzeren Aufenthalten auf der Insel erlebte. An den besten Stellen war es wie ein Kurztrip, ohne selbst loszufahren.

In Summe jedoch fehlt mir der Mehrwert dieser Aufschriebe. Es erklärt sich mir nicht ganz, weshalb eine FAZ oder ein Kulturradiosender sich derart begeistert über dieses Büchlein äußern. Hätte ich das geschrieben, mit schönen Grüßen von der Schwäbischen Alb der 80er- und 90er-Jahre, keinen Menschen hätte es interessiert.

Und so muss man auch dieses Büchlein ehrlicherweise bewerten, wie ich finde: Seitenweise zu lesen, dass Tracey Thorn knutschen wollte/ es tat/ es nicht tat oder, dass sie Lippenstifte kaufte, die sie zu Hause dann doch doof / gut / so mittel fand, lassen mich zwar erahnen, dass alle nur Menschen sind, seien es nun Rock-, Punk- und Pop-Stars oder das kleine Teeniegirl aus der Provinz Baden-Württembergs, aber das wusste ich auch schon vor der Lektüre.

Vielleicht gibt es einen Level, der sich mir beim einmaligen, nach einigen Seiten auch eher oberflächlichen Weglesen nicht erschlossen hat, aber den müsste mir dann erst noch jemand zeigen.

Fazit: Frau Thorn macht gute Musik und kann mit Worten umgehen. Dieses Buch jedoch ist sicher ein schönes Geschenk für ihre Freunde und Familie, der Rest der Welt jedoch – so finde ich – braucht es nicht.

„Ein anderer Planet. Eine Jugend in Suburbia“ von Tracey Thorn ist Ende April 2021 im Heyne Hardcore Verlag erschienen. Mehr Infos zu Buch und Verlag beim Klick auf das Cover oder auf den Verlagsnamen.

4 Gedanken zu “In Suburbia

  1. Heute daheimgeblieben, krank, aber nicht ausreichend bettlägrig. Das Homeoffice des studierenden Ältesten ist ein wenig enervierend. Er antwortet nicht auf meine Nachfragen, will mich auch nicht in die kamera winken lassen. Wäsche gewaschen, festgestellt, dass die Waschmasch müffelt. Gegoogelt, Youtube hilft, das 1. Mal in meinem Leben das Flusensieb, entdeckt und , thanks an YT gereinigt, dabei 1Euro 20 gefunden, fühle mich bereichert. Hoffe jetzt dass die Waschmaschdichtungen die Zitronensäure wirklich vertragen … Der Grund weshalb ich es trotz mehrmaliger Versuche nie geschafft habe Tagebuchschreiben durchzuhalten, egal wie sehr es dich grad mitnimmt, es ist nie literarisch wie gewünscht und immer viel banaler als anfangs gedacht. 😉

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  2. Liebe Scherbensammlerin, ich bin irgendwo in der Mitte der Radiobesprechung reingerutscht und kann mich auch an den Wochentag nicht mehr erinnern 😉 Aber an den positiven Eindruck, den sie hinterließ und den unbedingten Wunsch, dieses Buch lesen zu wollen.
    Es ist sicher nicht schlecht, aber mich hat das „Nature writing“ und „Suburbia writing“ einfach nicht mitgezogen – manches ist sehr anrührend, aber vielleicht bin ich auch nicht Thorn-Fan genug, um all das wertzuschätzen …

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  3. Ich habe die Radiosendung auch gehört. War es ein Sonntag? Und wurde Neugierig. Nun kommt es mir vor, dass es sich um zwei ganz unterscheidliche Bücher gehandelt haben muss.
    Hat der Moderator nicht etwas von einer Punkrock-Freundin Thorns erzählt, die auch in dem Buch vorkommt? Oder bezog der sich auf eine andere Lektüre?
    Danke, erspart mir den Kauf. Aber die Musik von everything but the girl war schon toll! Ist.

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