Wir waren so jung oder denn sie wussten nicht, was sie taten

Kat und Easy sind äußerlich so verschieden, wie man es sich nur vorstellen kann – das zumindest denkt Kat von sich und ihrer Freundin. Man schreibt das Jahr 1973 und die beiden sind 16 Jahre alt. Sie haben sich heimlich ins örtliche Jugendzentrum geschlichen, um dort – und nicht, wie sie den Eltern erzählt haben bei einem Klassenkameraden – Silvester zu feiern. Im Jugendzentrum kann man Alkohol erwerben und natürlich wird dort auch geraucht. Nicht wirklich anders, als bei der Privatparty des Klassenkameraden, wie man sich vorstellen kann. Einen Unterschied allerdings gibt es schon: Im Jugendzentrum regiert Fripp. Fripp heißt eigentlich Robert und hat das Zentrum mit aufgebaut, weshalb er auch aufpasst, dass die noch nicht volljährigen Besucher sich hier nicht die Kante geben. Für Lothar, den Kat und Easy an diesem Silvesterabend kennenlernen, ist Fripp „Gott“. Easy empfindet Fripp, das wird im Verlauf der Geschichte klar, so etwas wie eine Herausforderung oder Mutprobe und ziemlich lebensbestimmend. Und Kat teilt mit Fripp etwas, was sie selbst und auch die namenlose Erzählerin, die hin und wieder auftaucht, „Macht“ nennt. Hier scheint eine tiefere Verbindung, eine Wellenlänge zu bestehen, die das Leben von Kat und Easy und vor allem ihre Freundschaft durcheinander wirbeln wird …

Susann Pásztor „Geschichte von Kat und Easy“ ist kein gewöhnlicher coming-of-age-Roman. Erst einmal stehen zwei junge Frauen im Mittelpunkt des Geschehens, üblicherweise sind es junge Männer, deren Weg aus der Pubertät in das junge Erwachsenenleben in diesem Genre nachgezeichnet wird. Und dann wirkt das, was die beiden Freundinnen verband und gleichzeitig trennte, bis in die erzählte Gegenwart nach und wird es dann gelöst. Die parallele Erzählzeit baut dabei den Spannungsbogen auf und hält ihn ebenso wie die glaubhaft gezeichneten Figuren, die ihre Geheimnisse erst nach und nach preisgeben. Nicht nur einander verschweigen sie einiges. Auch die Leserinnen können nicht genau sagen, wer von den beiden nun welche Rolle in der Geschichte inne hatte.

Eine Figur allerdings trieb mich persönlich ein wenig an den Rand meiner Geduld. Anfänglich erschien mir Fripp wie ein durchaus ehrlicher junger Mann, der keine Spielchen zu treiben nötig hat. Doch mit der Zeit dachte ich immer häufiger, „Mann, ist das ein Idiot“. Klar, auch er ist noch sehr jung, aber er nutzt die Schwärmerei der beiden Mädchen knall hart aus, wobei er vorgibt, immer ehrlich zu sein und nichts zu tun, was Kat oder Easy nicht wollen. Dass die beiden jedoch erst 16 Jahre alt und damit extrem verletzlich sind, scheint er trotz der vor sich hergetragenen „Weltläufigkeit“ nicht zu überreißen. Er lässt sich von seinen Gefühlen oder eher von seiner Lust treiben – alles in allem eine ganz schön verfahrene Sache, die er da anstößt.

Kommunikation ist in keinem Alter einfach, aber als Teenager tut man sich damit noch schwerer und so wäre es für mich Fripp, der als vermeintlicher „Erwachsener“, als den er sich ja gerne gibt, wäre derjenige gewesen, der hier die führende Rolle hätte übernehmen können. Susann Pásztor allerdings legt solche Maßstäbe nicht wertend an. Ihr ist es wichtig, das Verhalten junger Menschen nicht zu werten und somit etwas mehr Verständnis für Menschen diesen Lebensalters zu erwirken. Das ist ihr auch in der Geschichte um Kat und Easy wieder gelungen. Ein schöner Roman, der zeigt, wie sehr doch Innen- und Außendarstellung differieren können und das nicht nur bei Teenagern.

Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor ist im Mai 2021 als Hardcover im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Für mehr Information zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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