Die unglaubliche Reise der Pflanzen

Mal wieder ein Sachbuch zum haltlosen Inhalieren. Vorausgesetzt Pflanzen, ihre Geschichte, Biologie und Botanik interessieren die LeserInnen.

Stefano Manuscos „Die unglaubliche Reise der Pflanzen“ hat mich in Erstaunen und Begeisterung versetzt, brachte mich zum Lachen und Grübeln.

Nur das Sahnehäubchen in Form passender Zeichnungen fehlte, so dass, wer sich für das Aussehen der teils weniger bekannten Protagonisten interessiert, das Internet durchforsten muss um Bilder zu finden. Das fand ich ein wenig bedauerlich, darüber konnten auch die hübsch anzusehenden aber informativ nutzlosen Aquarelle von Grisha Fisher nicht hinwegtrösten.

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Inhaltlich waren die Pflanzenreisen und die Geschichten drumherum ein absoluter Hochgenuss.

Stefano Manuscos „ … Geschichten über Pioniere, Flüchtlinge, Heimkehrer, Kämpfer, Einsiedler und Zeitreisende …“ sind leicht verständlich geschrieben, in fröhlichem Plauderton vorgebracht, haben es aber in sich.

Tief berührt hat mich der Bericht über die „Hibaku jumoku“ die Heimkehrer von Hiroshima. Bäume die rund um das Epizentrum wuchsen und die Bombe überlebten, wieder neu ausschlugen und die von den Japanern zu Recht hochverehrt werden.

Manusco, Professor für Pflanzenkunde an der Universität von Florenz und weitgereister Forscher hat nicht nur das botanische und historische Wissen, er kann es auch so lebendig, amüsant und anregend vermitteln, dass jede Seite gierig verschlungen wird.

So hat das Felsengreiskraut vom Ätna aus Großbritannien erobert. Das afrikanische Lampenputzergras, eine aus der Subsahara stammende Pflanze, eroberte sich von Palermo aus ganz Sizilien.

Ein wenig unschöner ist die Geschichte der Wasserhyazinthe, einer ursprünglich im Amazonasgebiet heimischen Wasserpflanze, die mittlerweile auf fünf Kontinenten in mehr als 50 Ländern verbreitet ist, und das amerikanische Verteidigungsministerium auf die Idee brachte, die von ihr befallenen Wasserläufe, die unbefahrbar werden, zu reinigen, indem sie planten, die Pflanze mit Öl zu übergiessen und anzuzünden. (Das war 1897. Die Pflanze hat bisher gewonnen.;))

Besser gefiel mir da der, nur an einer Stimme im Kongressausschuss, gescheiterte Antrag von Major Frederick Russell Burnham, der die Pflanzen mittels eingebrachten Flusspferden bekämpfen wollte, die dann gleich noch als Fleischlieferanten dienen könnten.

Das Mysterium des Ursprungs der Kokospalme kann Manusco nicht lüften, gibt aber interessante Einblicke in ihre Verbreitungstechniken.

Die ausgestorbene Megafauna riss beinah die Avocado mit sich, die, als die Spanier Amerika erreichten, fast schon verschwunden war. Wie sich die Avocado erhielt war fast schon unglaublich zu lesen. Manusco hat es aber gut begründet.

Sehr berührend war das Kapitel über die Einsiedler wie der Fichte von Campbell Island, und der unfassbar idiotische (natürlich auf menschliches Versagen zurückzuführende) Tod der Akazie der Ténéré. Der auf Mauritius immer seltener werdende Doddobaum ist Ursprung einer interessanten, wenn auch nicht verifizierten Theorie, die aber wiederum die Komplexität unserer Ökosysteme verdeutlicht.

Erfreulich, dass es mittlerweile gelungen ist eine 39 000 Jahre alte permagefrostete Pflanze wieder zum Leben zu erwecken. Es gibt Hoffnung und es erstaunt und beglückt mich immer wieder auf’s Neue welche Schönheit und Wunder sich auf dieser Erde befinden die wir so gierig am Zerstören sind.

Manchmal wäre es wohl besser diese verdammten nackten Langnasenaffen würden sich endlich selbst ausrotten, bevor der Planet völlig kahl und leer ist.

Kein schönes Fazit für ein Buch voller bezaubernder kleiner Wunder, ich weiß. Ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen. Eine sachlichere Besprechung findet ihr hier.

 

Die unglaubliche Reise der Pflanzen von Stefano Manusco ist 2020 als Hardcover bei Klett-Cotta erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

10 Gedanken zu “Die unglaubliche Reise der Pflanzen

  1. Pingback: Die unglaubliche Reise der Pflanzen – Produkt Tests und Berichte

  2. Vielen Dank für Deinen Kommentar.
    Es stimmt schon, es gibt so viel begründeten Anlass zu Sorge und Pessimismus. Deine Buchbesprechung habe ich durchaus auch als Hoffnungszeichen gelesen und war dann etwas überrascht über die Wendung zum Schluss.
    Nachrichtenfasten kann wohltun. Während der Golfkriege und der Jugoslawienkriege verzichtete ich die phasenweise auf die Fernsehbilder.
    Ja, alleine werden die Graswurzeln die Probleme nicht beheben können. Sie zeigen diese auf, entwickeln alternative Modelle, und so mag ich sie gegenüber und in den Institutionen auch kommunikativ unterstützen.
    Gute Wünsche und herzliche Grüße

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  3. Das freut mich. Und um es klar auszudrücken, ich möchte die Menschheit nicht aussterben sehen. Ich würde mir wünschen, dass sie sehr schnell etliche Entwicklungsstufen weiter geht und sich, die Natur, die Mitbewohner jeglicher Art schützt. Das geistige Potential wäre da, evolutionär sind wir leider noch sehr in altem Denken verwurzelt. Bildung hilft, nur auch hier haben nur einige Zugang.

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  4. Lieben Dank für deine Worte. Womöglich sehe ich gerade alles etwas grau und mein Glaube an die Menschheit ist erschüttert. Tatsächlich habe ich mir vorgenommen nach der US- Wahl ein Nachrichtenfasten einzulegen.
    Ja, es gibt viele Initiativen und Bemühungen aber dort, wo sie etwas bewegen könnten, also ein Umdenken in der Politik weltweit bezüglich Wirtschaftssystem sehe ich keine Chance bisher. Das ist frustrierend. Graswurzelbewegungen alleine können die vielfältigen Problem nicht beheben.

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  5. Vielen Dank fürs Verlinken 🙂 Mir gefällt Mancusos Buch über die Intelligenz der Pflanzen immer noch am besten von allen seinen Büchern. Dieses neue Buch ist zwar auch interessant, hat aber für meinen Geschmack zu wenig Sachinformation und zu viele Anekdoten. Die Aufmachung finde ich allerdings einfach zauberhaft!
    Liebe Grüße, Petra

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  6. Ein Buch. das ich mir gerne besorgen, sicher mit Begeisterung lesen und dann an meine ebenso pflanzenbegeisterte Tochter weitergeben werde. Danke für den Tipp. Über das freiwillige oder auch nicht freiwillige Aussterben der Menschheit denke ich auch manchmal nach. Der Planet hätte noch Zeit neues intelligentes Leben hervorzubringen. Aber ob das dann besseres Leben wäre? Ich fürchte, dass die Gesetzte der Evolution dagegenstehen. Die Delphine wissen schon, warum sie im Meer geblieben sind. Und auch sie fressen die kleinen Fische.

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  7. Hallo!
    Oh das klingt nach einem sehr interessanten Buch, das muss notiert werden. Ich mag solche Sachbücher auch immer sehr gerne, auch wenn ich jetzt schon dein Bedauern über die fehlenden Zeichnungen teile.
    Im übrigen kann ich auch nur nicken bei deinem Fazit, da kann man auch nichts schön reden. Danke dir für die Vorstellung dieses Buches!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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  8. Danke für die Vorstellung des Buches, seiner Themen und Protagonistinnen.
    Dem Schlusswort widerspreche ich ausdrücklich! Aus verschiedenen Gründen – nicht zuletzt deshalb, weil Deine Lesegemeinde und ich, würde es so kommen, gar nix mehr von Dir lesen könnten.
    Gibt es nicht so viele Ideen und Inititativen, wie Pflanzen, Tiere und Menschen den Planeten teilen und gemeinsam bewohnen können?
    Gute Gedanken, Wünsche und Grüße

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