Krankenhaus ohne Corona

imageMitten in der Corona-Zeit ploppte der erste Roman des jungen Hamburger „Literatur Quickie Verlags“ auf den Markt – und kaum einer bemerkte das. Dabei ist dies für den Verlag, wie er auf seiner Homepage so charmant bekannt gibt, der Versuch, „erwachsen“ zu werden. Alle anderen Veröffentlichungen sind nämlich Kurzgeschichten und auch noch in einem besonders kleinen Format. Ich zitiere dazu (ausnahmsweise) von der Verlagsseite, weil es sich so nett liest:

„Pixi-Bücher für Erwachsene“, sagte einst die Financial Times Deutschland.
Das sagen wir natürlich nicht. Obwohl es mittlerweile ein Ranking von „Sprüchen“ gibt.
Platz 1: „Pixi-Bücher für Erwachsene!“. Platz 2: „Da sind ja keine Bilder drin!“ Platz 3: „Haben Sie die alle selbst geschrieben?“ Platz 4: „Gute Idee.“ Platz 5: „Da kommt man ja auf Gedanken. Hihihi.“ Platz 6: “ Juli Zeh kenne ich, glaube ich.“ Platz 7: “ Sind das Zusammenfassungen von Büchern?“. Platz 8:“ Kennt man die Autoren?“ Platz 9: “ Was ist das?“  Platz 10, geschenkt. Eigentlich sind wir nur der Literatur Quickie Verlag aus Hamburg und bieten seit dem Oktober 2009 allen mit unseren „Pixi-Büchern für Erwachsene“, die wir übrigens booklits nennen, endlich eine lesenswerte Alternative an, um die kleinen Wartezeiten im Leben zu überbrücken.“

Ich kannte den Verlag bis dato nicht, stolperte lediglich in unserer Buchhandlung über das knallige Cover des Buchs und hörte die Empfehlung einer Kundin … Kleinen Verlagen muss man helfen, vor allem in diesen verrückten Zeiten, daher die kurzen Infos zum Unternehmen. Nun aber zum Buch!

Wie einstiegs gesagt, der Zeitpunkt, vom alternativen Kleinformat zu einem klassischen Buchformat in Romanlänge zu wechseln, war denkbar ungut, da alle Lesungen und medialen Ereignisse zur Bewerbung des Büchleins logischerweise aufgrund der Pandemie entfielen – und doch ist es eigentlich, wenn man es näher betrachtet genau der RICHTIGE Zeitpunkt für genau dieses Buch. Selten standen das Gesundheitswesen, die Kliniken, die Ärzte und alle, die in Pflegeberufen standen, derart im Zentrum des medialen Interesses wie jetzt. Und hier ist nun der Roman zum Thema der Zeit: Der Krankenhausroman, der uns nicht mit der Pandemie „nerven“ kann, weil man „Covid-19“ noch nicht kannte, als der Plot geschrieben wurde.

Worum geht es denn? Nun, wir begleiten als Leser vor allem zwei Protagonisten – zum einen Hagen Burbeis, den jungen, nicht unbedingt begabten, dafür aber gutaussehenden (das Leben in der Literatur kann ja so schön einfach sein!) Arzt, der sich auf eine Assistenzarzt-Stelle im (erfundenen) ostdeutschen Örtchen Punzlau bewirbt, und zum anderen den Geschäftsführer der Dubio-Kliniken mit Namen Hans-Jürgen Doberer, der ein gewagtes, moralisch anzweifelbares Doppelleben führt.

Während der deutlich sympathischere Protagonist Hagen Burbeis immer nur als Hagen betitelt wird, bleibt der zwielichtige Geschäftsführer einfach immer „Doberer“.

Hagen versucht Fuß zu fassen in dieser Provinzklinik, schnell merkt er, was von ihm verlangt wird: Ein Tennisspiel hier mit dem Chefarzt, demütig bleiben bei der selbstbewussten Frau Dr. von Haderer, ein wenig fachliches Input holen von den erfahrenen und abgeklärten (oder resignierten?) Kollegen Fenyak und Kosloff und für die Kamera posieren mit der schönen Philomena …

Fenyak gibt Hagen gleich zu Beginn das nötige Input, damit dieser ahnt, wo der Hase langläuft in den Dubio-Kliniken:

[…] Das Wichtigste, das absolut Wichtigste für Mickersen, für Doberer und für die Dubio ist die Grenzverweildauer. Merk dir das Wort. Lerne, es flüssig auszusprechen. Mehr dazu später.

Dass Hagen nicht auf den Kopf gefallen ist, auch wenn er fachlich nicht brillieren kann, weil Anfänger, zeigt er kurz darauf im Gespräch mit dem Geschäftsführer der Klinik:

[…] Er sagt, dass er Hagen einschwören möchte auf einen Überlebenskampf, der Spaß mache. Es gehe vorrangig um Krankheit gegen Patient, aber auch um Krankenkasse gegen Dubio-Kliniken Und wenn man aufseiten der Patienten stehe, dann stehe man auch aufseiten der Kliniken, das wolle er Hagen gleich mit auf den Weg geben.

„Stichwort Grenzverweildauer“, sagt Hagen.

Sein Gegenüber hält einen Moment inne. „Sie begreifen schnell“, sagt er dann und blickt zu Mickersen.

Während Hagen sich so durchwurschtelt im Klinikalltag, hat sein Vorgesetzter Doberer ein ganz anderes Problem. Er kann, außer an „Grenzverweildauer“, fast nur noch an Sex denken. Es nimmt überhand. Schon wenn er seine mittelattraktive Sekretärin länger anschaut, kommen ihm die absurdesten erotischen Phantasien. Sein Heilmittel dagegen: Thaimassage im Instrustriegebiet. Mit der Angst im Nacken, die ihn aber nicht davon abhält, immer öfter dort hinzupilgern, macht er sich regelmäßig auf den Weg zu den asiatischen Massagegöttinnen. Massage mit happy End – herrlich! Danach fühlt sich Doberer wie der Chef der Welt. Zu Hause sitzt seine kranke Frau, an die mag er kaum denken, dann drückt das schlechte Gewissen noch mehr – aber bevor es zu schlimm ist, fährt er eben einfach wieder ins Industriegebiet. Der teuflische Kreislauf ist längst sein Alltag geworden …

Keiner dieser Personen kommt man emotional näher, das ist aber auch gar nicht beabsichtigt, denn dies ist, im Gegensatz zu „Die Reisenden“, von meiner Mitstreiterin thursdaynext vor zwei Tagen hier rezensiert, kein Buch mit Tiefgang oder besonderer literarischer Qualität. Aber es ist abgrundtief sarkastisch und voll von bösem Humor gepaart mit großartig überzeichneter Liebe zum schwarzhumorigen Detail. Das ist seine hervorstechendste Eigenschaft.

Eines Tages scheint Hagen der berufliche Aufstieg zum Greifen nah, als der ehrgeizige Chefarzt Mickersen ihn darum bittet, eine Doktorarbeit mit ihm als Doktorvater zu beginnen. Er soll eine neue Untersuchungsmethode ausprobieren. Dafür bekommt die Klinik ein Leihgerät der produzierenden Firma für die „Speckling-Untersuchung“ und los geht’s. Hagen muss seine Untersuchungsergebnisse protokollieren, denn benötigt werden klinische Daten. Hagen wird von Mickersen immer mehr psychologisch unter Druck gesetzt und merkt: Mit echten Zahlen kommt er nicht weit. Die Zahlen müssen passend gemacht werden – und während Doberer sich immer mehr in die Thaimassage-Thematik hineinsteigert, strebt Hagen unbewusst dem beruflichen Niedergang entgegen …

Fazit: Ein schnelles, bitterböses Lesevergnügen – nicht nur, aber doch auch für medizinaffine Leute. Wer aber glaubt, dass er nach der Lektüre beruhigt das Buch aus der Hand legt und sich freut, für ein paar Stunden dem Coronavirus-Thema entronnen zu sein, der täuscht sich. Das Buch macht Angst, Angst davor, dass es an den Kliniken bereits und in der Zukunft wirklich so zugeht: Rendite vor Herzlichkeit, feststehende, vorgegebene Behandlungsleitfäden vor tatsächlich sinnvollen, individuellen patientenbezogenen Methoden und Zeitdruck vor liebevollem Miteinander. Denn die Wirklichkeit, das wissen wir, ist bitterer als jede literarische Schablone.

Unter Kitteln von Alexander Rösler (selbst Chefarzt einer Hamburger Klinik) ist im Mai 2020  im Literatur Quickie Verlag, Hamburg erschienen. Weitere Infos zum Titel und Verlag über Klick auf das Buchcover oder den Verlagsnamen.

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