Ein Funken Hoffnung

Wer kennt das nicht? – Das Gefühl, daß alles demnächst den Bach runtergehen wird und man daher schleunigst das Weite suchen sollte. Der Protagonist Joe Haak in John Ironmongers Buch „Der Wal und das Ende der Welt“, schon einige Schritte weiter, findet sich an den Strand des kleinen Ortes St. Piran in Cornwall gespült wieder. Wenn auch nur körperlich.
Es war eine unkonventionelle Anreise.“* weiß Jeremy Melon, der ortsansässige Naturalist zu berichten. Der geheimnisvolle Fremde wird aufgepäppelt und trifft, wieder hergestellt, auf freundliche, offene und hilfsbereite Menschen.

In dem 307 Seelen starken Ort ist Joe ein Fremder, der es früher gewohnt war, stundenlang auf Bildschirme zu starren und nach Unternehmen zu fahnden, die plötzlich aufgrund globaler Verkettungen in eine Schieflage gerieten, während eine ganze Abteilung Händler auf seine Eingabe wartete. Als Mathematiker entwickelte Joe Haak eine vergleichende Software, die sämtliche Nachrichten aus Politik und Wirtschaft samt aller Kommentare vergleicht, um daraus Prognosen zu erstellen.

Leider kommt das Programm zu dem Schluß, daß zwei zusammenfallende Faktoren die Zivilisation innerhalb von wenigen Wochen an den Rand des Zusammenbruchs bringen könnten. Doch diese Aussicht war nicht der Grund für seine überstürzte Flucht aus der britischen Finanzmetropole.

Zunächst widerfahren ihm in St. Piran gleich zwei beinahe schon mythisch zu nennende Erlebnisse, denn tief im Inneren weiß Joe, daß ein Wal ihn vor dem sicheren Ertrinken gerettet hat, der nun einige Tage später selbst am Strand von St. Piran strandet. Und es wird im Allgemeinen als Joes Heldentat angesehen, daß der ausgewachsene Finnwal mit Hilfe von hundert Dorfbewohnern aller Altersgruppen wieder zurück ins Meer bugsiert werden konnte.

Nun ist Joe jemand im Dorf. Nämlich der, der den Wal rettete. Der gestresste Mathematiker findet langsam Ruhe und fügt sich fasziniert in den gemächlichen Takt des Dorflebens ein. Doch nach und nach treffen beunruhigende Nachrichten ein, die von einer verheerenden asiatischen Grippewelle sprechen, während sich im Golf von Baran ein Konflikt globalen Ausmaßes zusammenbraut.

Diese alarmierenden Neuigkeiten reaktivieren seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen und langsam reift in ihm der Plan, einen gewaltigen Lebensmittelvorrat für den schlimmsten Fall im Dorf anzulegen. Er geht soweit, seine angesparten 52.000 Pfund Sterling in dieses Vorhaben zu investieren. Doch natürlich kann er ein solches Unterfangen nicht lange vor den neugierigen Dorfbewohnern geheim halten.

Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger ist ein Hoffnungsschimmer im kälter werdenden Miteinander, denn das Buch geht der Frage nach, wie sich die Menschen im Falle eines Zusammenbruchs verhalten werden. Würde tatsächlich der brutale Egoismus das Zepter übernehmen? Oder würden die Menschen sich gegenseitig helfen und zur Seite stehen? Sich neu organisieren und jeder übernimmt einen notwendigen Teil der Arbeit, damit alle Anwesenden etwas zu essen haben?

Während die Geschichte dieser Frage nachgeht, besticht das Buch mit seinem englischen Charme und den liebenswerten Eigenheiten der Dorfbewohner, die von Naivität über Genügsamkeit bis hin zur offenen Ruppigkeit reichen können. Dabei gelingt dem Autoren ein Höchstmaß an Authentizität und Glaubwürdigkeit der Geschehnisse sicherzustellen, indem er die Geschichte bereits in der Erinnerung der Ortsansässigen ansiedelt. Als schließlich die Lichter im Dorf ausgehen, hält dort niemand mehr den jungen, gut aussehenden Mann für plemplem.

Der Wal und das Ende der Welt“ bekommt einen Ehrenplatz in meiner Meeres-/Küstenbibliothek. Direkt neben Annie L. Proulx‘s „Schiffsmeldungen“, denn auf seine Weise ist es diesem ebenbürtig.

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger  ist 2019 im S. Fischer Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

*Seite 10

Eine Besprechung des Hörbuches ist hier auf dem Blog bereits von awogfli erschienen.

 

5 Gedanken zu “Ein Funken Hoffnung

  1. Tja, und wir in der 3,7 Mill Einwaohner Stadt….uns fehlt schlichtweg der Raum für echte Lagerhaltung. Wir träumen von einer Kartoffelmiede. 😉 – Da sind alle aufm Land klar im Vorteil.

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  2. @geruede Da mein Mann und ich von 15. Februar bis 28.2. zu Hause in Quarantäne weilten, weil mein Mann bis 14.2 beruflich in Mailand war, bin ich diesbezüglich sehr senisbilisiert. Seit 29.2. bin ich wieder in der Öffentlichkeit und auf der Uni, weil das Semester angefangen hat. Am Samstag mit einer Prüfung da musste ich mich dann ans Ende des Raumes und der Kommission setzen und ich passe eben auf, dass ich niemandem zu nahe komme und in potenziell anstecke. Seit heute sind wir 21 Tagen symptomfrei und auch aus der verlängerten Quarantänezeit heraus und können niemanden mehr anstecken. Schon wirds wieder ungemütlich wir versuchen nun heute abzubiegen, dass mein Mann den Rest der Woche zum Kunden nach Tschechien geschickt wird, obwohl er auch alles am Computer erledigen könnte. *kopftisch

    By the way Vorräte haben wir schon seit Jahren genug. Wir wohnen aufm Land da hat jeder einen gut gefüllten (Wein)Keller und ein Lebensmittellager, wenn uns das Wasser ausgeht können wir noch 2 Wochen Wein und Spriituosen trinken 😉

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  3. Tatsächlich Zufall. Ich hatte von Boyle „Ein Freund der Erde“ und im Anschluß daran Edward Abbey’s „Monkey Wrench Gang“ aus dem Jahr 1975 gelesen. Beide Bücher bewegen sich im Bereich des Ökoterrorismus. Da ich selbst den Zusammenbruch der Ökosphäre mehr als alles andere fürchte, kam ich aus dieser Richtung und dachte daran, was sich nun im Anschluß daran anböte…und da fiel mir sofort Ironmonger’s „Der Wal und das Ende der Welt ein“. Genau zwei Wochen davor ist mir nämlich ganz nebenbei der Anfang für die Rezi eingefallen und ich mußte zum Bedauern feststellen, daß unsere Ausgabe verliehen ist. Also hab ich es mir kurzerhand aus der Bibliothek geholt und nochmals reingesaugt und die oben stehende Buchbesprechung verfasst. Auch als Übung, um wieder ins Schreiben zu kommen und um meine herrlich Geehelichte damit zu entlasten. 😉
    Grüsslis

    P.S. Wir kaufen stets Barilla Nudeln, wenn sie im Angebot sind. Von daher hatten wir schon einen guten Vorrat in der Wohnung, bevor Corona überhaupt Weltbekanntheit erfuhr. von Mehl und Haferbrei/Müsli sind auch immer ein paar Kilo vorhanden. Einfach weil wir oft auch mal größere Mengen an Restposten bestellen. Salz reicht auch noch ne Zeit. Wasser nutzen wir eh aus der Leitung. Wir haben noch so viele Aufstriche und eingemachte Marmeladen, daß wir jederzeit spielend einige Tage überbrücken können. Das haben wir von unseren Eltern gelernt und es heißt „Vorratshaltung“. 🙂

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  4. Gar kein direkter Hinweis beziehungsweise aktueller Bezug, wie wir uns eigentlich genau in diesen Tagen verhalten sollten? 😉 ich hab mir gedacht, dass Du mit diesem Timing etwas bezweckst – auch wenn es sehr subtil und indirekt ist – das Buch ausgerechnet diese Woche in Zeiten von Deinfektionsmitteldiebstahl in Krankenhäusern, Pfelgeheimen und der Polizei und den aberwitzigen Hamsterkäufen erneut zu besprechen. Oder war das tatsächlich Zufall? 🙂

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