Berliner Stadtblatt Nr. 28

JohnQube @ pixabay

Britta kocht, obwohl es noch gar nicht Zeit für das Abendessen ist.

Sie kocht innerlich.

Aber es ist auch zum aus der Haut fahren! Immer dasselbe!

„Bla rief an und wir gehen noch auf ein Bier wohin.“ Oder: „Heute ist doch die Sitzung des örtlichen Laiengremiums. Und danach wollte ich noch zum Stammtisch der Löffelbieger. Ich hab‘s Paul versprochen …“

Die Initiative gegen Kaugummi Kauen (IgKK). – Allein das „g“ in das Kürzel aufzunehmen, hatte schon drei Abendsitzungen erfordert.-

Dann der Vorsitz im örtlichen Legoclub. Der Elternbeirat, Fußballverein und Fahrgastbeirat.

Man kann durchaus zu dem Schluß gelangen, daß Heiko keinerlei Vertrauen in seine Mitmenschen besitzt, das Eine oder Andere auch ohne sein Dazutun weiterzuentwickeln.

Nur für seine Ehe mit Britta scheint er keine Zeit erübrigen zu können.

Warum auch immer.

So jedenfalls geht es nicht weiter. All seine Zusicherungen offenbaren sich schon wieder als nichts als leere Worthülsen. Denn die Wäsche liegt ja noch immer als gigantisches Knäuel vor der Waschmaschine, während sich auf ihrem Raucherbalkon nachwievor das Altglas der letzten Feier munter stapelt.

Den Abwasch erledigt Britta noch mißmutig. Immerhin will sie später von einem sauberen Teller essen.

Dann trocknet sie sich die Hände ab und greift nach dem Telefon, um ihre beste Freundin Karin anzurufen.

Karins Mann Holger ist ein erfolgreicher Unternehmer, was bedeutet, daß er ebenfalls rund 300 Stunden die Woche abwesend ist.

„Hey, Karin. Hast Du Lust um die Häuser zu ziehen? Mir fällt die Decke auf den Kopf.“

Nur gut, daß sie keine Kinder haben. So bleibt ihr wenigstens noch diese vorübergehende Flucht, die sich auch mühelos zu einem Dauerzustand ausweiten läßt.

„Na, rettet Heiko wieder die Welt?“, fragt Karin schnippisch.

„Wie Deiner.“, entgegnet Britta routiniert.

„Ne, meiner rettet die Welt doch nicht. Er schwatzt ihr nur alles Mögliche auf.“

„Doch nur, damit Du möglichst angenehm leben kannst, Karin.“, wirft Britta gespielt wohlwollend ein.

„Das schon auch. Aber in erster Linie geht es doch wohl um ihn. Also: Wo gehen wir heute hin?“, wechselt sie abrupt das Thema.

„Ich weiß nicht. Es ist alles auch immer dasselbe. Kneipe, Restaurant, Kino. Gibt es denn nichts anderes?“, Britta geht gerade jeder Schwung ab.

„Aha! Der Dame schwebt also etwas ganz Besonderes vor.“, stellt Karin grinsend fest. Darüber denkt Britta kurz nach und ist sich dann sicher: „Genau das will ich.“

„Wie steht es denn mit einem Theaterbesuch? Nein? Oder wir schauen nach Konzerten.“, schlägt Karin munter vor.

„Ich weiß nicht.“

„Also,“, fährt Karin ungerührt fort: „wir haben die Wahl zwischen japanischem Metall, finnischen Brusttongesang oder spanischem Mainstream. Klingt alles nicht sonderlich verlockend.“

„Ich hab‘s! Wir fahren nach Hamburg und stellen uns an den Hafen.“

„Was? Wozu das denn?“, erkundigt sich Karin ungläubig. Ein Biergarten würde ihr schon reichen.

„Na, vielleicht kommt ja ein Schiff vorbei, daß mich mitnimmt. Da würde Heiko Augen machen.“, entgegnet Britta halb im Scherz.

„Heiko? Welcher Heiko?“, stellt sich Karin blöd.

„Mein Mann!“, faucht sie Britta da an.

„Ach, der. Der würde das doch bei all seiner Beschäftigung überhaupt nicht merken.“, ist sich Karin plötzlich ernsthaft sicher.

„Na, Genau, wie Deiner.“, antwortet Britta verletzt.

„Stimmt.“, räumt Karin nach einem kurzen Moment ein. „Also, gut. Wir fahren nach Hamburg!“

Mehr weiß ich allerdings auch nicht.

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