Flashback in die Zukunft

Und nun eine weitere Dystopie, die sich gerade, wen wundert es, auf dem Buchmarkt ausbreiten. Dan Simmons ist einer meiner liebsten Science-Fiction Autoren, er hat mit Hyperion eines der umfangreichsten und besten Science-Fiction Bücher geschrieben, die ich kenne. Vergleichbar mit Tad Williams Otherland Saga. Wie macht sich das neue Werk von Dan Simmons? Nun, den vielzitierten Satz von Stephen King: „Dan Simmons schreibt wie ein Gott„, der auf jedem seiner Bücher auf der Rückseite prangt, kann ich hier nur bedingt nachvollziehen. Das vorliegende Buch ist flüssig und spannend geschrieben, strotzt aber auch vor unterschwelligen rassistischen Ressentiments. Auch ist Simmons Hang zu Kampfszenen und Militarismus, die in dem Buch Das Schlangenhaupt noch ausdrücklicher sichtbar sind, auch in diesem Buch vorhanden. Waffen und Actionszenen sind sehr ausführlich geschildert, was diese sehr viel plastischer erscheinen lässt, aber sie auch auf Gewalt und Blut reduziert.

Das Zukunftsszenario ist sehr düster geschildert. Israel ist durch einen Atomwaffenangriff der Arabischen Liga zerstört. Amerika und die Welt schauten zu, und ließen es geschehen, damit kein dritter Weltkrieg aufflammt. Überhaupt Amerika. Von marodierenden Horden aus Mittelamerika überrollt, hat das Land die südlichen Staaten verloren. Texas hat sich selbstständig gemacht, die glorreiche Armee verdient ihr Geld auf anderen Kriegsschauplätzen in der Welt. Das Sozialsystem ist zusammengebrochen, weil jedem geholfen werden muss. Simmons schildert nicht nur nüchtern die nahe Zukunft, ich als Leser spüre, dass es auch seine persönliche Meinung ist, da viele Beschreibungen sehr negativ gefärbt sind.

Amerika 2036. Flashback ist eine Droge, die es dem Benutzer erlaubt, Momente seiner Vergangenheit wieder zu erleben. Je nach Stärke kann dies 10 Minuten oder auch einige Stunden betragen. Durch die Droge hat sich Amerika in eine in die Vergangenheit gerichtete Gesellschaft verwandelt. Jugendliche Gruppen inszenieren Vergewaltigungen oder gewalttätige Szenen, um diese Situationen im Nachhinein immer wieder zu erleben. Nick Bottom ist ein ehemaliger Cop, der nach dem Tod seiner geliebten Frau Dara, flashbacksüchtig wurde, und seine Zeit damit zubringt, die glücklichen Momente seiner Ehe immer wieder aufleben zu lassen. Er wird engagiert, um den Tod des reichen japanischen Sohnes von Berater Nakamura aufzuklären. Bei dem Fall war er vor sechs Jahren der Hauptermittler und kann sich durch Flashback an die längst vernichteten Akten und Zeugenvernehmungen erinnern.

Ihm an die Seite wird der Sicherheitsberater Sato gestellt, der die notwendigen Türen zu den noch lebenden Zeugen öffnet und hilft, durch die unsichere USA zu reisen. Dabei stellt sich heraus, dass der Tod von Nicks Frau Dara etwas mit diesem Fall zu tun hat und Dan Simmons führt die Fäden dieses Cop Thrillers geschickt und logisch zusammen. Die Wahrheit ist eine tödliche Gefahr für Nick.

Dan Simmons hat hier einen spannenden und auch atmosphärischen Who-Dunnit Thriller geschaffen, den er mit allerlei netten Kleinigkeiten spickt, die die Zukunft aufleben lässt. Nick Bottoms Elektroauto lässt ihn derart verzweifeln (es bleibt 5 Meter vor dem Ladegerät stehen), dass er ihm 12 Kugeln in den Motorraum jagt. Da es ein japanisches Produkt ist, funktioniert es trotzdem weiter. Im Gegensatz zu dem unvollständigen Produkt gibt es die elektrischen japanischen Hubschrauber, auch Flüsterlibellen genannt, das höchste der Weiterentwicklung, für Amerika allerdings unerschwinglich. Die Beschreibung der politischen und wirtschaftlichen Zustände ist allerdings grenzwertig reaktionär. Schon die lapidare Bemerkung, dass durch die Zerstörung Israels jetzt auch sechs Millionen Juden wie im zweiten Weltkrieg getötet wurden, hat mich innerlich zusammen zucken lassen. Auch die Schuld des amerikanischen Niedergangs alleine beim Sozialsystem und der Präsidentschaft Obamas zu sehen, zeigt Simmons republikanische Sicht. Und natürlich die erwähnten militaristischen Orgien im Buch.

Jeder mag das natürlich sehen wie er will, mit diesen Abstrichen wurde ich doch gut und spannend unterhalten, das Ende und die Aufklärung sind doch überraschend gelungen.

Flashback von Dan Simmons ist im Juni 2019 bei Heyne als Taschenbuch erschienen. Weitere Informationen durch einen Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

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