Liebe geht durch den Magen

der-koch-9783257239997Martin Suter, den ich vor allem für seine Krimiserie mit der Hauptfigur Allmen und sein grandioses Projekt Song book verehre, hat auch noch andere, mir bis vor Kurzem unbekannte Perlen verfasst. Eine liebe Freundin schenkte mir zum Geburtstag im Frühjahr dieses schöne Buch, an dem ich bislang tatsächlich offensichtlich immer vorbeigestolpert bin. News, Wien schrieb dazu: „Schlicht atemberaubend.“ Ich mag solche knackigen Statements, übrigens sehr cool vom Diogenes Verlag in Szene gesetzt dadurch, dass dieser O-Ton der Einzige auf der U4 des Buches ist.

„Der Koch“ heißt der Roman, der 2010 herausgebracht wurde und folglich gar nicht mehr so neu ist. Trotzdem ist die Thematik eine immer aktuelle: Es geht um einen jungen Tamilen namens Maravan, der in die Schweiz kommt,  in der Hoffnung, dort eine neue Heimat zu finden. Zumindest, bis es in seiner ursprünglichen Heimat wieder politisch entspannt genug ist, um zurückzukehren. Er darf aufgrund seines Status nur Hilfsarbeiten annehmen – als er als Küchenhilfe bei einem Fünf-Sterne-Restaurant fliegt, weil er sich ein Küchengerät für seine privaten Kochexperimente ausgeliehen hat, steht er vor dem Aus. Der passionierte Koch hat keine Chance, seinen von seiner geliebten Tante Nangay erlernten Beruf legal in der Schweiz auszuüben und so kommt ihm der wagemutige Vorschlag seiner äußerst attraktiven Ex-Kollegin Andrea aus dem Sternelokal gerade recht, die eine Kooperation mit ihm eingehen möchte.

Ihre Idee hat etwas prekäre Wurzeln: Als Andrea sich vor versammelter Küchenbesetzung für Maravan einsetzte, lud sie sich selbst bei ihm zum Curry-Essen ein, um den anderen zu beweisen, wie sehr sie an sein Talent als Koch glaubt. Als sie dann wirklich bei ihm auftauchte, kochte er liebevoll nach den traditionellen ayurvedischen Rezepten seiner Lieblingstante. Der Clou an der Sache: Die besondere Art der Würzung und Zubereitung hatte eindeutig aphrodisierende Wirkung auf Andrea, denn sie landete tatsächlich mit Maravan im Bett. Äußerst ungeplant und völlig unglaublich, denn Andrea steht eigentlich absolut nicht auf Männer, sondern ausschließlich auf Frauen 😉

Nachdem der erste Ärger, die erste Verwunderung verraucht sind, klärt sie Maravan eines Abends bei einer Stippvisite über ihre erotischen Vorlieben auf und erstickt somit alle aufkeimenden amourösen Gefühle des jungen Mannes. Das tut ihm zwar weh, doch als nach kurzer Zeit Andrea die zündende Idee hat, mit ihm zusammenarbeiten zu wollen, ist er schon wieder halbwegs versöhnt. Sie, die attraktive, geübte Kellnerin – er der umwerfend begabte Koch mit exotischem Repertoire. „Love Food“ will sie das nennen und gekocht werden soll für eine Paartherapeutin, deren Patienten auf der Suche nach neuer Stimulation für ihre nicht mehr so knackfrische Beziehung sind.

Das alles ist zwar illegal, denn Andrea dürfte als Schweizerin zwar ihr eigenes Geschäft anmelden, doch nicht mit einem tamilischen Koch als Partner, der nur Ayslbewerberstatus trägt, doch dieses Detail findet Andrea im Endeffekt eher spannend als angsteinflößend. Und so stürzen sich die beiden in ein Abenteuer der besonderen Art: Kochen mit Liebe für die Liebe.

Das Essen zündet im wahrsten Sinne des Wortes, die Kunden sind glücklich über das herrliche Mahl und die aphrodisierende Wirkung schlägt immer durch. Andrea und Maravan kommen zu einem ordentlichen Einkommen, das stetig ansteigt. Doch dann fällt die Hauptkundin, die Therapeutin weg, und alles droht zu scheitern. Einzig, wenn Maravan und Andrea flexibel bleiben und das Klientel wechselten, kämen sie zu neuen Aufträgen. Halbseidenen politisch motivierten Treffen mit gutaussehenden dazubuchbaren Damen fehlt noch das I-Tüpfelchen … ein gutes Essen, gern mit stimulierender Wirkung. Ein harter innerer Kampf entbrennt in Maravans Seele, doch schließlich weiß er, was er tun muss. Und so geschehen Dinge, die weder er noch Andrea vorhersehen konnten.

Martin Suter gelingt es, wie immer in seinen Büchern, auf elegant-distanzierte Art so herzlich zu schreiben, dass es eine wahre Freude ist. Was wie ein Widerspruch klingt, wird bei ihm erlebbar. Die Distanz ist dahingehend vorhanden, als dass ich bei der Lektüre seiner Bücher nie das Gefühl habe, in die Charaktere einzutauchen oder mich mit ihnen zu identifizieren. Dazu wahrt Suter zu viel Abstand zu den Personen – das hat bei ihm meiner Meinung nach mit Respekt zu tun. Seit ich ihn bei dem grandiosen Hamburger Abend von „Song book“ auf der Bühne erlebt habe, ist mir völlig klar, dass dieser Herr viel zu fein ist, als dass er sich erdreisten würde, so zu tun, als wisse er, was in der Psyche/Seele einer anderen – und sei sie noch so erfundenen – Person vor sich geht. Er beschreibt Seelenzustände, die „erahnbar“ sind, versteigt sich aber nicht in tiefenpsychologischen Deutungen – ansatzmäßig verständlich, was ich meine?

Suter bringt dem Leser seine Protagonisten nahe, sie fühlen sich vielschichtig an, voller Leben – doch nicht, als wären es meine neuen besten Freunde, die ich nun auf fast 300 Seiten begleitet habe. Wenn ich ein Suter-Buch zuschlage, habe ich brillante Lektüre hinter mir und werde immer gut unterhalten, doch mir fehlen die Figuren nicht im wirklichen Leben. Bei manch anderem Buch ist mir das durchaus so gegangen, dass ich mir gewünscht hätte, genau so jemanden zu kennen.

Das schadet Suters Protagonisten jedoch nicht – es ist lediglich ein anderer Stil, denn die Personen wirken dennoch echt und natürlich. Und so liegt genau hierin der besondere Zauber der Suter-Bücher, dass man Menschen in einer Situation ihres Lebens begleitet, ihre Gespräche mitbekommt, Zuschauer ist, sie dann aber wieder in ihr Privatsphäre zurückgleiten lässt – so wie es Herr Suter wohl im wirklichen Leben auch machen würde. Sich elegant verneigen, lächeln und weiterziehen.

Ein äußerst lesenswertes Buch mit der wunderbaren Dreingabe eines Rezepte-Anhangs!

„Der Koch“ von Martin Suter ist 2010 im Diogenes Verlag, Zürich erschienen. Weitere Informationen über einen Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

7 Gedanken zu “Liebe geht durch den Magen

  1. @raggle, meine allerbeste Freundin findet die Allmen Reihe großartig, ich komme nicht ran. Der Koch gefiel mir auch sehr gut, gerade wegen der vermischten Thematik, Gesellschaftskritig etc. Die Zeit, die Zeit ist klasse. Aber ein perfekter Freund ist mein Liebling von Suter. Ich finde es erstaunlich, wie vielseitig Suter schreibt. Von daher muss man nicht alles mögen, aber es ist für jede/n was dabei. LG

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  2. Ja, vielleicht. 🙂

    Vielleicht gebe ich Allmen irgendwann nochmal eine Chance …

    Auf die Verfilmung werde ich allerdings dankend verzichten, weil ich nicht das Geringste mit Heino Ferch anfangen kann. 😉 Er hat mir nichts getan, aber immer, wenn ich an Heino Ferch denke, fühle ich mich gleichzeitig an „Sat.1 FilmFilm“ erinnert – und dann schüttelt es mich … 😉

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  3. Ich weiß nicht, was mit mir nicht stimmt, aber zur Allmen-Reihe von Suter habe ich irgendwie nie Bezug gefunden. Irgendwie klingen diese Bücher so ganz anders als seine anderen.

    „Der Koch“ allerdings hat mir seinerzeit auch wirklich richtig gut gefallen.

    Nur „Lila, lila“ gefiel mir noch besser und hat bis heute einen besonderen Platz in meinem Leserherzen. Auch weil ich Suters Abstand zu den Figuren gerade in „Lila, lila“ als nicht so groß empfand. Vielleicht habe ich es aber auch einfach nur in der passenden Lebenssituation gelesen. 😉

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