Ausbruch

Unorthodox – das ist das Leben von Deborah Feldman lange Zeit nicht. Im Gegenteil, denn sie wächst in der ultraorthodoxen chassidischen Satmar Gemeinde in Williamsburg (New York) auf, einer Gemeinschaft, in die man von außen nicht reinkommt und die sich aus Gründen abschottet. Sogar vor anderen jüdischen Gemeinden. Ziel ist ein gottgefälliges Leben, denn die Satmar sehen den Holocaust als Strafe Gottes. Wie streng ein solches Leben sein kann, kann man sich, ist man nicht mit solch fundamentalistischen Glaubenssätzen aufgewachsen und hat man das Privileg, sich aus allerlei spirituellen Strömungen die geeignete aussuchen zu können, nicht ansatzweise vorstellen. Doch glücklicherweise hat Deborah Feldman es gewagt und ihre Erlebnisse innerhalb dieser Gemeinschaft zu Papier gebracht und sich ein freies, selbst bestimmtes Leben aufgebaut. Mit großem, ungebrochenen Erfolg.

Deborah Feldman beginnt ihr Buch mit ihrer Kindheit bei den Großeltern in Williamsburg. Der Vater scheint sich nicht gebührend um die Tochter kümmern zu können, ihre Mutter hat die Gemeinde vor langer Zeit verlassen. Schon in frühester Kindheit wird Deborah mit Regeln zugeschüttet. Infrage stellt sie diese zunächst nicht, wie auch, sie kennt ja kein anderes Leben. Bildung wird nur ansatzweise vermittelt, Bücher gibt es quasi nicht. Doch sie schafft es, sich einen Bibliotheksausweis erstellen zu lassen und versteckt die ausgeliehenen Bücher nachts unter ihrer Matratze. Natürlich besucht sie eine entsprechende Mädchenschule – denn Mädchen und Jungen haben keinerlei Berührungspunkte zu haben – an der sie, nachdem sie sie erfolgreich abgeschlossen hat, auch unterrichtet. Ein wenig erinnert Deborah Feldman an Eve Harris und deren Roman „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ – was jedoch nicht weiter verwundert, wenn man weiß, dass auch Eve Harris aus einem chassidischen Umfeld stammt.

Sowohl Feldman als auch Harris sind Nachfahren von Holocaust Überlebenden.Beide zeigen die weibliche Sicht des ultra-orthodoxen Glaubens, der Frauen nicht gerade auf Rosen bettet. Allerdings zieht Feldman striktere Konsequenzen daraus. Sowohl Harris Protagonistin als auch Feldman selbst gehen in arrangierte Ehen. Feldman allerdings ist erst 17 Jahre alt und die Welt, die sie hier beschreibt, ist so weit von der Welt entfernt, in der die meisten ihrer Lesser*innen wohl leben, dass die Lektüre zu einer atemlosen, ungläubigen wird. Nicht, dass man sagen wollte, meine Güte, wie gut haben wir es doch in einigermaßen aufgeklärten, in Ansätzen teilweise gleichberechtigten Gesellschaften. Nein, im Gegenteil. Wie schrecklich unmenschlich – denn das sind die Regeln der Satmar – müssen die Gemeindemitglieder solcher Gemeinschaften zum Teil leben. Das lässt sprachlos zurück.

Feldman gelingt es, auszubrechen und sich ein freies Leben aufzubauen. Es kostet sie einiges, doch der Preis ist gemessen an den neuen Möglichkeiten gering. Ihre Schilderungen sind präzise, detailiert, sachlich aber dennoch nicht emotionslos. Sie muss viel über sich und ihre Welt nachgedacht haben, ein äußerst reflektierter Mensch sein und vermag es großartig, anderen Menschen dies mitzuteilen. Hut ab vor dieser Kraft, die Beschämungen und Einschränkungen verarbeitet hat und ein Aufbrechen möglich machte.

Eindeutige Leseempfehlung, dennoch die Warnung: die Schilderungen sind teilweise nichts für zarte Gemüter.

Unorthodox von Deborah Feldman ist am 19. Juni 2017 als Taschenbuch bei btb erschienen. Weitere Information zum Buch über Klick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

10 Gedanken zu “Ausbruch

  1. Gerne. Ich habe auch große Respekt vor ihr und ihren Entscheidungen, ihrer Stärke, ihrem Mut. Aber ich denke, auch bei ihr hat die Mutterschaft noch einen kleinen Boost gegeben, der sie schlussendlich in die richtige eigene Richtung gedrängt hat. Was ich wirklich sehr faszinierend finde ist, dass sie jetzt ja sogar in Berlin lebt. Also komplette Veränderung. LG

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  2. Danke für deine Leseempfehlung! Mich hat das Buch und die Lebensgeschichte von Deborah Feldmann auch nachhaltig beeindruckt… Gerade lese ich die Fortsetzung „Exodus“ (die deutsche Übersetzung heißt: Überbitten). Ich finde es faszinierend, wie Deborah sich selbst findet, welche Herausforderungen die neugewonnene Freiheit mit sich bringt und wie sie ihr jetziges Leben immer wieder vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in Williamsburg reflektiert. Sie macht Mut, zu sich und seinen Überzeugungen zu stehen!

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  3. ja, eindringlich ist das richtige Wort. Es ist zum Teil so unglaublich, was sie beschreibt, da sitzt man nur mit offenem Mund und schütteldem Kopf da. Oh, ja das glaube ich, eine tolle Frau. LG

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  4. Das habe ich auch sehr eindringlich in Erinnerung. Es lohnt sich auch, eine Lesung mit der Autorin zu besuchen, eine sympathische, starke junge Frau, die wirklich sehr mutig war, ich glaube, das können wir uns nur ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, so eine Gemeinschaft zu verlassen mit allem, was dazu gehört.

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  5. naja, mitleiden meinte ich nicht als Auswirkung des Leids auf die Frauen, sondern als eigenes, driektes .aber sicherlich weniger als die Frauen, das ist klar.

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  6. Sicher, bei allen Religionen leiden die Männer mit, sobald das andere Geschlecht unterdrückt wird und die Rollen rigide aufgeteilt sind, aber sie tun mir weniger leid. 😉

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  7. naja, ganz so kann man das jetzt nicht sagen. Diese Abschottung ist ja durchaus aus einem Trauma heraus entstanden und auch dieses extrem nach den Schriften leben wollen … es ist furchtbar, welche Auswirkungen das hat. Dazu muss man sagen, dass die Satmar Gruppierung 1905 gegründet und nach dem zweiten WK wieder gegründet wurde. Sie hat schon etwas sektenhaftes …
    Das muss man wohl ein wenig differenziert betrachten.

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  8. ja, es ist krass. Vor allem dachte ich immer, geraade in dieser Religion wäre es anders. Aber auch die Männer haben da zu leiden. Das ist eher ein bisschen wie im Kastendenken. Wobei die Frauen schon sehr eingeengt sind. Aber wie gesagt, das ist eine ultraorthodoxe Richtung.

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  9. Puhh, ich schaff ja die härtesten Thriller, aber das reale Leben setzt da noch immer einen drauf, so neugierig ich auch bin, ich schätze mal dieses Buch ist nichts für meine Tarantinoerprobte Seele. Ernsthaft, solche Berichte hinterlassen fassungslose Wut, besonders, weil es Frauen sind, immer Frauen, die die härtesten Repressalien ertragen müssen, im Namen der Religion. Wir haben 2019, wann hört der Scheiß endlich auf!!!?

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