Brüssler Potpourri: Politik, Humor, Intrigen, Visionen und Kultur

Drei wesentliche, kurze, knackige Fragen zu diesem Buch, die ich erstmals von der Rezension einer Goodreads-Freundin „entnommen“ – man könnte auch sagen geklaut habe, möchte ich sofort beantworten:
Hält es, was der Hype verspricht? – Ja.
Ist es das beste Buch, das Du 2017 gelesen hast? – Nein.
Ist es das beste 2017 erschienene deutschsprachige Buch, das Du gelesen hast? – Es ist unter den besten.

Versteht mich nicht falsch, das ist ein wirklich ausgezeichneter, extrem innovativer Roman über die EU und deren Politik, den die Welt tatsächlich unbedingt gebraucht hat, insofern ist die Auszeichnung mit dem deutschen Buchpreis meiner Meinung nach absolut gerechtfertigt, aber fast scheint es so, als hätte Robert Menasse dieses Werk ganz gezielt für die Jury des Wettbewerbes geschrieben. In Anbetracht der Tatsache, dass Juroren oft nur etwa 50-100 Seiten der zu bewertenden Romane wirklich lesen und den Rest durchblättern, brennt der Autor in diesem Bereich ein Feuerwerk an Ideen, Humor, rasantem Erzähltempo, unterschiedlichen Romanausrichtungen und vielfältigen Handlungssträngen ab, die er am Ende des Werkes einfach nicht ganz zusammenführen und auf allen Ebenen gleichzeitig qualitativ auf diesem Eingangsniveau finalisieren kann.

Die Geschichte beginnt mit einer bahnbrechenden wundervollen Idee: Ein irgendwo ausgebüxstes Schwein läuft offensichtlich an fast allen Protagonisten des Romans vorbei und gibt dem Autor dadurch die Gelegenheit, diese und ihre Reaktion auf den Vorfall – respektive auf das Schwein – kurz vorzustellen. Dazu gibt es noch einen mysteriösen Kriminalfall und grandiose ironische politische Ränkespiele, die dem Leser zeigen, wie die Institutionen der europäischen Union funktionieren, beziehungsweise eben nicht funktionieren: Da wird das Ressort für Kultur und Bildung mit der Arche Noahs verglichen, der europäische Schweinezüchterverband steht erbittert im Namenskonflikt mit der europäischen Volkspartei, beide mit dem Akronym EPP, aber aus derselben Bauernlobby. Die ganzen politischen Entscheidungsprozesse, beziehungsweise die Verschleppung derselben durch Ränkespiele und schlussendlich diese babylonische Sprach- und Kulturverwirrung durch die unterschiedlichen, teilweise einander doch sehr fremden Nationalitäten, die ja irgendwie konstruktiv zusammenarbeiten sollten, werden genial thematisiert.

Intern nannten Mitarbeiter Ihr Ressort [Bildung und Kultur] die „Arche Noah“ oder kurz die „Arche“. Warum? Eine Arche hat kein Ziel. Sie schlingert über die Strömungen, schaukelt auf den Wogen, trotzt den Stürmen und will nur eins: sich selbst und das, was sie an Bord führt retten […]. Im Apparat sagte man einfach „die Kultur“ wenn man von dieser Generaldirektion sprach, die „Bildung“ wurde unterschlagen, obwohl im Bildungsbereich bemerkenswerte Erfolge erzielt worden waren, etwa die Entwicklung und Durchsetzung des ERASMUS Programms.

Auch sprachlich formuliert Menasse so witzige knackige Aussagen, dass es für mich eine Freude war.

An allen Ecken und Enden dieser Stadt waren Häuserwände und Brandmauern bis hinauf zu den Dachfirsten mit Comicbildern bemalt, mit Kopien und Variationen der Zeichnungen von Hergé oder Morris, den Tieren von Bonom oder Werken von den Jungen, die sich für die Nachfolger dieser Künstler hielten. Wenn Brüssel ein offenes Buch war, dann war es ein Comicband.

Die Figuren, die durch die vielen Handlungsstränge sehr zahlreich sind, wurden vom Autor sehr liebevoll entwickelt diesmal auch inklusive des kulturellen Hintergrundes, der ja im Schmelztiegel EU bei der Zusammenarbeit und Interaktion in den politischen Netzwerken und in der fiktiven Geschichte eine wesentliche Rolle spielt. Am besten gefielen mir persönlich die ehrgeizige griechische Zypriotin Fenia Xenopoulou, die Familie Susmann, mit dem kleinen Beamten Martin und seinem Bruder dem Schweinezüchter, der österreichische Volkswirt Professor Ehrhard, der die Idee der Nationalökonomie ablehnt und der offensichtlich letzte belgische Überlebende des Holocaust Martin de Vriend.

Durch diese sehr tief und detailreich entwickelten Figuren ackert Menasse auch prinzipielle europäische Ideen, Visionen und Konzepte in dieser Geschichte durch, mit denen sich jeder mündige Europäer einmal intensiv befassen sollte: die derzeitige europäische Wirtschaftspolitik, die sich eben durch den Nationalismus in der Ökonomie selbst im Weg steht, die Ablehnung der Austerität und die Auswirkungen auf die Menschen in Griechenland, die mangelnde Solidarität der Länder untereinander, die mangelnde Solidarität der Eliten mit den ärmeren Bevölkerungsschichten. Den ursprünglichen europäischen Gedanken, – diese Vision eines friedlichen Miteinanders ohne Nationalismus, der auf den Baracken von Ausschwitz durch die Aussage „Never forget, never again“ aufgebaut wurde und den offensichtlich fast alle Akteure nicht mehr nachvollziehen können, da er im politischen Ränkespiel untergegangen ist. Der Multi-Kulti-Lebensstil an den Schalthebeln der Macht Brüssels, der manche ihre nationale Identität vergessen lässt, aber auch etwas abgehoben die Protagonisten vom Leben eines „Normalbürgers“ entfremdet ….
Wie gesagt wundervolle Ideen, neuartige Sichtweisen und grandios recherchiert, wie die EU tatsächlich funktioniert.

Aber was ist nun der kleine Wermutstropfen im Roman, den ich eingangs erwähnt habe? Da ist erstens der Kriminalfall, der so gar nicht zu der Geschichte passt. Er bringt das zentrale Thema nicht voran und versickert unaufgeklärt bezüglich der wahren Hintergründe der Tat im Sand. Die Figur des Täters ist meiner Meinung nach – weil er sich als Auftragskiller ohnehin von Anfang an dem Leser klar offenbart – komplett entbehrlich, den Polizeikommissar, dessen Familie für die Geschichte relevant ist, könnte man auch in der Jagd nach dem Schwein einbauen, muss man aber nicht unbedingt. Immer wenn Menasse sich in einem Handlungsstrang vergaloppiert hat, er mit der agierenden Hauptfigur nichts mehr anzufangen weiß, und durch die Abschweifungen die Kerngeschichte droht, zu zerfransen, neutralisiert er den Protagonisten der Nebenhandlung durch Unfalltod wie beispielsweise den Täter des Kriminalfalles, bei dem es mich am meisten gestört hat, da die Krimihandlung so unnötig in dieser Geschichte plaziert ist. Oder der Autor verdammt die Figur durch einen schweren Autounfall zur Inaktivität. Das ist einmal in Ordnung, wirkt aber bei drei Nebenhandlungen zu konstruiert. Da hätte Menasse am Anfang eben nicht so viele Geschichten beginnen dürfen, wenn er sie dann nicht mehr qualifiziert in den Hauptplot zurückführen kann. Zudem beeinflussen sie kaum den Nukleus und die Substanz dieses großartigen Werkes über die EU.

Fazit: Ein wichtiges, unterhaltsames, sehr kluges Buch über die EU, das ich jedem Europäer absolut empfehlen möchte.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 11. September 2017
  • Verlag: Suhrkamp
  • ISBN:  978-3-518-42758-3
  • Hardcover: 459 Seiten

6 Gedanken zu “Brüssler Potpourri: Politik, Humor, Intrigen, Visionen und Kultur

  1. Bitte – ja diese Konstruiertheit der Nebenstränge war auch bei mir nur ein kleiner Kritikpunkt, der meinen Lesegenuss wenig geschmälert hat. Den wollte ich aber dennoch anführen, denn wenn ich einem mehrfach preisgekrönten und vom Feuilleton begeistert besprochenen Werk keine 5 Sterne geben kann, möchte ich schon anführen, was meine Kritikpunkte sind, auch wenn sie nicht sehr gravierend ins Gewicht fallen.

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  2. Ja damals in den 90ern war er ja auch noch sehr jung und möglicherweise wirklich von seinem Erfolg überfordert, was sich offensichlich in Überheblichkeit gegen und Bashing der Kollegen ausdrückte. Wenn er heutzutage bösartig im Boulevard über jemanden ablästert, dann ist es die FPÖ und ihre deutschnationalen Burschenschaftsrecken. Das finde ich sehr sympathisch und auch korrekt, denn über eine Regierung darf sich jeder Österreicher das Maul zerreißen, schließlich leiden wir ja auch jetzt 5 Jahre unter ihr.

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  3. Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Dann sehe ich doch zu, dass ich demnächst die literarische Bekanntschaft von Herrn Menasse mache. – Das mit der Überheblichkeit würde ich ihm nachsehen. Überhebliche (zumindest zeitweise) kenne ich einige – manche sogar von Angesicht. Bin nicht sicher, ob mir das nicht auch passieren könnte, wenn Kritiker mich hochjubelten – was sie allerdings bekanntermaßen unterlassen. Darauf kann ich mir aber nichts einbilden.

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  4. Das ist eine wirklich sehr gute Frage… lass mich mal nachdenken, ob ich sie überhaupt qualifiziert beantworten kann. In den 90er Jahren habe ich Menasse aus Protest nicht gelesen, weil er nach dem Erfolg mit dem Roman Schubumkehr ein „bisserl“ (ist vielleicht stark untertrieben) überheblich wurde und meinte, ständig seine Kollegen kritisieren zu müssen. Deshalb kann ich seinen großen Wurf Schubumkehr gar nicht beurteilen, weil ich nur Nacherzählungen kenne und mir nie selbst ein Bild gemacht habe.

    Erst nach den 2000ern, als Menasse wieder stiller wurde, habe ich die Vertreibung aus der Hölle gelesen. Die Hauptstadt ist um Klassen besser als die Vertreibung aus der Hölle, obwohl ich diese auch nicht schlecht, sondern eben nur so mittel finde. Ich würde sagen: „Greif zu in der Buchhandlung, wenn Du die Hauptstadt siehst!“ Bei mir steht das Buch klar auf 4 von 5 Sternen, wenn ich halbe Sterne vergeben kann, sogar auf 4,5 Sternen. Ob er den Erfolg der Anfänge übertroffen hat, kann ich also nicht sagen, aber seit der Jahrtausendwende hat er sich definitv selbst übertroffen.

    P.S: Seine Halbschwester Eva Menasse schreibt auch sehr gut 😉

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  5. Ich habe noch nie etwas von Robert Menasse gelesen, habe deswegen gerade mal in den Wikipedia-Eintrag geschaut und festgestellt, dass es da ja eine ganze Menge an Titeln und etwa ebenso viele Auszeichnungen gibt. Meine persönliche „kurze knackige“ Frage wäre also: Hat er sich mit diesem Buch selbst übertroffen? – Die Erfahrungen der jüngsten Zeit haben mich gelehrt, dass, wenn eine Autor so ein Feuerwerk an Ideen und geistreichem Humor abbrennt, man später erscheinende Werke nicht mit allzu hohen Erwartungen in die Hand nehmen sollte. Den Hinweis auf dieses Buch aber nehme ich dankend an. Gut möglich, dass ich zugreife, wenn es mir in einer Buchhandlung unter die Augen kommt.

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