Fuck the Fake

Dieses Sachbuch von Simon Hadler sollte man unbedingt in den Schulen in einem eigenen Fach Medienkunde durcharbeiten. Es ist ein klug gemachtes, sehr sachliches, witzig präsentiertes, gut recherchiertes Werk mit vielen praktischen Beispielen, wie man zwischen Fakt und Fake unterscheiden lernen kann, aber auch wie Fakten derart tendenziös grafisch präsentiert werden können, dass sie zu einer verzerrten Aussage führen. Wundervoll bereichert wird der Inhalt durch die unzähligen großartigen Grafiken gezeichnet von Stefan Rauter.

Schon auf der ersten Seite stößt man auf ein Bild von Marvin, dem depressiven Roboter und ein Zitat von Slartibartfaß aus Douglas Adams The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy und genauso informativ, fundiert, humorvoll und augenzwinkernd wird der Leser durch das Universum der Medien, Fakten und Fakemeldungen geführt. Dabei wird auch nicht mit guten Tipps gespart, wie man Quellen recherchiert, und wie man entspannt mit Informationen aus alten und neuen Medien umgeht.

Zusammenfassend: Eine Meldung ist entweder offensichtlicher Bullshit oder nicht. Eine Meldung betrifft mich oder nicht. Ist sie Bullshit oder betrifft sie mich nicht, kann ich sie geflissentlich ignorieren. Ist sie kein offensichtlicher Bullshit, betrifft oder bewegt sie mich, dann schaue ich sie mir näher an. Ich checke die Quelle und setze etwaige Zahlen in Relation. Meist nehmen die Schritte kaum zehn Minuten in Anspruch und verhindern, wie man in der Theaterstadt Wien sagt, dass man sich in einen Pseudokrieg „hineintheatern“ lässt. Wenn sich freilich nach all diesen Schritten die Empörung nicht gelegt hat und sich der Anlass der Aufregung als solcher bestätigt, dann kann man nur mit Stéphane Hessel sagen: Okay, dann empört euch – aber nicht vorher, weil unser Leben für unnötige Empörung zu schade ist. Und wenn ihr euch schon empört, dann – noch einmal Hessel – „engagiert euch!“ Ansonsten und das ist jetzt nicht mehr Hessel: „Entspannt Euch!“

Genial werden zu Beginn postfaktische Mechanismen sowohl philosophisch als auch in ihrer Wirkung auf die menschliche Wahrnehmung und das Verhalten sozialpsychologisch analysiert – so habe ich das noch nie gesehen – weiters wird das Ganze in einen historischen Kontext gesetzt. Früher war eben nicht alles besser oder weniger postfaktisch, früher herrschte auch nicht weniger Gewalt, im Gegenteil, nur die Medien haben heute einen größeren Verstärkereffekt.

Ab Seite 75 werden dann praktische Fake-News Beispiele mit den oben erwähnten grandiosen Grafiken detailliert analysiert. Vieles ist natürlich sonnenklar, wenn ein denkender Mensch es in diesem Kontext im Rahmen des Buchs serviert bekommt, aber es macht den aufmerksamen Beobachter auch sehr sensibel für jegliches Hinterfragen, wenn man in freier Wildbahn auf Fakes oder Empörung über Fakes trifft.

Über den kuriosen Hintergrund einer der populärsten internationalen Falschmeldungen der letzten Jahre habe ich mich sehr überraschend amüsieren können: Dass harte Austeritätspolitik in der Krise weil zyklisch totaler Quatsch ist, weiß ich seit ich Volkswirtschaft 1990 bei Prof Schneider/Schuster in Linz studierte. Aber dass diese unsägliche Politik aufgrund eines kapitalen Rechenfehlers in der Excel-Tabelle der US-Ökonomen Reinhard/Rogoff von allen eingeführt wurde, wusste ich nicht. Was für Dilettanten!! Nicht nur die Amis sondern auch die deutschen Steuerberater in der Regierung, die sich als Volkswirte ausgeben und von Makropolitik und offensichtlich auch von Excel keine Ahnung haben.

Was sich mir nicht so ganz erschloss, war die Einteilung der praktischen Beispiele in Kapitel, die war nicht so ganz logisch strukturiert, und das Ende hat mir wieder mal gar nicht gefallen, weil es abrupt mit dem letzten Beispiel aufhört: keine Zusammenfassung, keine Conclusio, kein Ausblick, nix. Ist es nun Mode, dass man auch bei einem Sachbuch einfach die Tastatur fallen lässt? Ist sowas jetzt chic wie vor Jahren die abgeschnittenen Portraitfotos in allen Foldern? Also diesbezüglich bin ich sehr altmodisch und traditionell, so etwas muss ich einfach kritisieren.

Fazit: Ein sehr wichtiges grandioses Sachbuch, das ich sowohl jedem Schüler als auch deren Eltern, eigentlich jedermann, der nicht von der Umwelt und den Medien abgeschieden auf einem einsamen Berg wohnt, empfehlen möchte.

Buchdetails

15 Gedanken zu “Fuck the Fake

  1. Kurze Rückmeldung: der Herr Hadler macht sein Geschäft tatsächlich so fein wie von dir beschrieben. Ich amüsiere und informiere mich grad. Ich such dir noch zwei Bücher ähnlichen Inhalts die auch sehr empfehlenswert sind raus, sobald Rechner gegen Tablet getauscht.

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  2. Ah! Vielen Dank! Ich hatte – wegen der von Dir erwähnten Marvin-Abbildung, nur die Seiten nachgeschlagen, auf denen er „dabei“ ist, obwohl man von Marvin natürlich nie behaupten kann, er wäre wirklich dabei gewesen.
    Ich bin übrigens gerade nicht ganz sicher, was mich mehr nervt, das bewusste Faken oder die so simple wie ungeheuerliche Schlamperei im Umgang mit Daten und Fakten, die überall anzutreffen ist. Vielleicht sollte man einfach jede Erkenntnis als ungesichert deklarieren – ganz im Sinne von Slartibartfaß.

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  3. Nä, gibt es nicht, habe es auf Amazon angeschaut und auch bemerkt da muss Print her. Grafiken sind so schlecht verbal einzufangen *G* Bin gespannt, wie es bei den Söhnen und mir ankommt. Ich liebe gute Grafiken.

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  4. 😂😎🤖 voila
    Arthur: Mein ganzes Leben hatte ich das komische, unerklärliche Gefühl, irgendwas ginge vor in der Welt, irgendwas Gewaltiges, vielleicht sogar Böses, und niemand könnte mir sagen, was das sei.
    Slartibartfaß: Nein das ist nur ganz normale Paranoia, die hat jeder im Universum
    Arthur: Jeder? Na wenn das jeder hat, Vielleicht bedeutet es irgendwas [..]
    Slartibartfaß: Vielleicht. Wen kümmerts, Vielleicht bin ich zu alt und zu müde, aber ich glaube halt, dass die Chancen herauszufinden, was wirklich vor sich geht, so lächerlich klein sind, dass man sich boß sagen kann: Schlag’s dir aus dem Sinn und sieh zu, dass Du was Nützliches tust

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  5. Ein Zitat von Slartibartfaß und ein Bild von Marvin. Über meinem Schreibtisch stehen sämtliche Anhalter-Romane im Regal, aber ich stelle nicht fest, dass Slartibartfaß etwas besonders Zitierenswertes gesägt hätte, bevor er und Arthur Marvin in dem Krater auf Magratea zurücklassen.

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  6. Diesmal bin ich tatsächlich klar für das Print-Ex, denn sonst entgehen Dir diese wundervollen Grafiken, die mehr als die Hälfte des Werkes ausmachen und eigentlich den Nukleus bilden. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es das Buch als Hörbuch gibt, wenn ja, ist wäre es eine seehhhrrr schlechte Idee 😉

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  7. Bitte – Ja ich möchte sogar sagen, das ist das zweitbeste Sachbuch , das ich 2017 gelesen habe (und auch nur ganz knapp Platz 2 in einem Buchjahr, das bisher alle übrigen Jahre bezüglich der Qualität meiner gelesenen Bücher in den Schatten gestellt hat).

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