Broken Dreams

S. 161 „Es war eine Qual, und er sehnte sich danach, sie endlich los zu sein.“

Obiges, natürlich komplett aus dem Kontext gerissenes, Zitat entspricht exakt meinem Gefühl beim Lesen. Dabei ist Fat City, gekonnt und atmosphärisch beklemmend, eine meisterliche Milieu – Studie aus Kalifornien in den 1950er Jahren, die Blumenbar in frischem, überraschendem Outfit neu aufgelegt präsentiert.

Tagelöhner sind beide Protagonisten. Billy, der ältere, der bereits erfolgreich geboxt hatte und nah dran, wenn nicht mittendrin in und an Fat City war und Ernie, jung, unerfahren doch talentiert, frisch verheiratet auf der Suche nach Lebensglück. Unvermittelt wird man in ihre Leben geworfen. Mit einem Vorspiel hält der Autor seine Leser nicht auf.

„Wenn jemand sagt, er geht jetzt nach FAT CITY, heißt das er stürzt sich jetzt in das pralle Leben. Der Titel ist natürlich ironisch: Fat City ist das bekloppte Ziel, das niemand je erreichen wird.“

Leonard Gardner

Gardner hat seine Tagelöhner Boxer samt Lebensumständen und dem vernebelten Ziel – Fat City – in kurzen knappen Sätzen und Ausrissen meisterlich, doch distanziert in Szene gesetzt. Harte pointierte Dialoge spiegeln die Zeit, den Unterschichtenmachismo, die tief gegriffenen kleinen Träume vom besseren Leben in einer längst vergangenen Zeit. Dennoch erscheint Fat City gar nicht so fern, sieht man sich in den innerstädtischen Brennpunktvierteln um. So ist immerhin eine Zutat zum Klassiker in Fat City vorhanden. Melancholisch, trostlos, grau und staubig kommt der kurze Roman daher. Suff, Sex, Tristesse, keinerlei hehre Interessen, woher auch. So verliert sich der Roman und nimmt die Existenzen dieser beiden vom Aufstieg träumenden verwundeten Seelen mit.

Großartig empfand ich die Schilderungen der Boxkämpfe. Prinzipiell schaue ich nur Schwergewicht, ich vermute das rührt von einer feministischen Sehnsucht nach Ausgleich für 2000 Jahre andauerndes Patriarchat. Es ist ein Genuß, zwei muskelbepackte Kolosse zunehmend müder und kaputter aufeinander eindreschen zu sehen, ohne Rücksicht auf etwaige Verluste, und die klare Brot und Spiele Show zu genießen. Hat was von Sandkastendisputen ums Schäufelchen ohne eingreifende Mütter oder Frauen.

Der Autor verzichtet auf Showbiz und Rummel, lüftet den Vorhang, zeigt die Boxer verletzlich, verwirrt, ihre Gedanken während der Kämpfe, den Trainern und Managern ausgeliefert, sind sie nicht die Helden, sie sind die Ware, sie müssen liefern und es ist ihnen bewusst.

Anteilnahme für die Protagonisten bleibt aufgrund der Distanz, die Gardner durch seine Erzählperspektive schafft, aus. So ging es mir jedenfalls. Der Sog, den die Beobachtung dieser traurigen Gestalten und ihres Milieus verursacht, ist dennoch gewaltig. Beinahe umwerfend deprimierend. Geneigten Lesern, die sich an diesem Kunststückchen versuchen, empfehle ich daher durchzulesen. Es ist weniger hart, als immer wieder in Gardners grauschattierte Schilderung dieser deprimierenden Welt einzutauchen. So bleibt ein beachtenswerter Roman, sperrig und doch zugleich leicht und flüssig zu lesen, ein optisches Buchschätzchen, auch wenn ich ihn nicht mochte und den im Klappentext lockenden Humor zwar orten, aber nicht goutieren konnte.  Es ist ein sehr „kühler“ männlich geprägter Humor und Roman, wie auch die Welt in der er spielt. Eine untergegangene Welt, die die Stimme der working poor von damals zu Gehör bringt. Man kann darin bereits die Stimmen der Hoffnungslosen von heute und morgen erahnen. In den USA ist der Abbau der Mittelschicht bereits in vollem Gange, Millionen geflüchtete oder emigrationswillige Menschen, die versuchen sich eine neue Existenz aufzubauen, eine Perspektive, ein Stück Glück suchen … der Weg nach Fat City ist weit … für viele eine Fata Morgana … Illusion.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : April 2017
  • Verlag : Blumenbar
  • ISBN: 9783351050399
  • Fester Einband 224 Seiten

3 Gedanken zu “Broken Dreams

  1. Gerne, danke dir. Ich war nach Beendigung nicht so davon angetan, hatte zuvor die Hillbilly Elegie gelesen, die zwar nicht so poetisch künstlerisch, dafür mit aktuellem Bezug auf das mich befremdende Wahlverhalten in USA aufwartete. Im Nachhinein fing och an Fat City höher zu schätzen.

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