Spücktüten, Vampire, Drachen … und Lyrik

nich-caveNick Caves Musik ist wahre Kunst und über Kunst lässt sich trefflich streiten. Man muss sie nicht mögen und man muss sie nicht verstehen, um sie zu mögen. Meist etwas düster ist diese Kunst im Falle Caves, Rahmen sprengend und auf sein immenses mystisches, mythologisches Wissen und Verständnis verweisend. Das gefällt oder eben nicht. Spannend und unterhaltsam ist es allerdings.

Wer so aus dem Vollen schöpfen kann ist häufig auch recht umtriebig und gedanklich rege, will sich beschäftigen. Nick Cave verarbeitet diese gedankliche Beschäftigung, die auch oder vor allem mit persönlichem einher geht, auf dem Material das er zu Verfügung hat. Jüngere Musiker würden vielleicht Twitter oder Instagram nutzen, einen Blog über die Tour mit der Band schreiben. Cave macht sich auf den Spücktüten, die in Flugzeugen für alle Eventualitäten ausliegen, Notizen, die er dann später zu Songtexten, Gedichten oder Prosa verarbeiten wird.

Dabei hält er auch die Route fest, die Nick Cave & The Bad Seeds auf ihrer Tour durch Nordamerika abgrasen. Gedanken, Bilder die wie Träume oder Visionen wirken und später zu Songtexten werden, die mehr als nur Texte sind. Lyrik ist hier der korrekte Begriff. Die Entstehung selbst bleibt ein wenig im Dunkeln, denn bei Nick Cave hat alles eine mystische Aura. Wenn man als Leser dazu keinen Draht hat, kann man mit den auf Spücktüten verschiedener Airlines aufgezeichneten Versatzstücken nicht viel anfangen. Klar wird aber auf jeden Fall, dass auch Cave nicht frei ist von Ängsten, die vor allem uns Normalsterblichen bekannt sind. Wenn man jemanden erreichen möchte und das nicht schafft, dann geht das Gedankenkarussel los … und dreht sich munter weiter, bis geklärt ist, weshalb kein Kontakt zustande kommen konnte.

So wird das, was als Notizen-Gekritzel begann mit der Zeit zu einer Suche nach den Wurzeln des Seins: Liebe, Inspiration, Sinn. Und er selbst erschrickt laut eines New York Times Artikels selbst , als er merkt, dass aus seinem ursprünglichen Plan, Versatzstücke eines Songs auf dem nächst greifbaren Stück Papier zu fixieren etwas anderes wurde: ein episches Gedicht. Erschrocken deshalb, weil er Poesie immer für erhabener hielt, als das was er tut. Das wiederum mag für einige Fans – sei es musikalisch oder literarisch, immerhin gibt es bereits zwei Romane aus seiner Feder – überraschend sein. Denn was an Nick Cave schon immer fasziniert hat, ist seine künstlerische, man könnte sagen tief poetische, Ader. Erstaunlich wie unterschiedlich die Innen- und Aussenwahrnehmung in diesem Fall differiert und damit spannende Einsichten liefert.

Zur Deutung des unterhaltsamen Werkes, das deutscher Übersetzung mit englischer Originalversion vorliegt, könnte – neben dem Blättern zwischen den beiden Versionen – dieses Video mit dem Künstler beitragen. Und auch wenn das nicht der Fall sein sollte, so stimmt das Gesamtkonzept des Buches auf alle Fälle. Ein Muss für jeden Fan und ein literarisches Abenteuer für den Leser, dem sich Türen öffnen werden, wie sie sich dem Künstler während des Schreibens öffneten: unverhofft und überraschend.

Wieder entdeckt habe ich Cave musikalisch erst kürzlich über den Titelsong der Peaky Blinders und frage mich ernsthaft, weshalb ich so lange nichts mehr von ihm angehört habe … Kunst eben – sie gefällt oder gefällt nicht. Mir jedenfalls gefällt sie im Moment verdammt gut … und das Buch wird ja durchaus schon auf dem Einband ausdrücklich für Fälle von „gefühlsbedingtem Unwohlsein“ empfohlen … also nix wie los zum Buchhändler des Vertrauens.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe:
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04862-9
  • Zweisprachig, gebunden: 228 Seiten

 

2 Gedanken zu “Spücktüten, Vampire, Drachen … und Lyrik

  1. Ach geh Birgit, jetzt wirds langsam unheimlich – auch noch Nick Cave … ;))) Schön. Dann musst Du das wohl selbst lesen. Es ist ein Kunstwerk und am besten ist es, man sieht sich das Interview dazu an. LG

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