Das Leben des Gonzo Lubitsch

die_geloeschte_welt-9783492267045_xlDie Gelöschte Welt ist ein in zweifachem Sinne phantastischer Roman, der sich in keine Schublade zwängen lässt.
Harkaway spielt souverän mit den Genres Dystopie, Familienroman, Entwicklungsgeschichte und Science Fiction. Erschafft eine phantastische Welt in der realen. Entlarvt die Trivialität des Bösen und singt das Hohelied der Liebe, in welcher Form auch immer sie sich manifestiert. So ist es nicht verwunderlich, dass er mit seinem Erstling „The Gone-Away World“ – wie der Originaltitel lautet – 2009 für den Locus Award in der Kategorie Erstlingsroman und den British Science Fiction Association Award in der Kategorie Roman nominiert wurde.
Der Name Nick Harkaway ist ein Pseudonym, der vierte Sohn des Bestsellerautors John le Carré, der in Cambridge Philosophie, Soziologie und Politik studierte, liebt Geschichten, wie er auf seiner Website verrät und das merkt man seinen vor bester Erzähllaune sprühenden, grandiosen Romanen an.
Wer ebenfalls Geschichten liebt, besonders wenn sie handwerklich so raffiniert und ausgefeilt sind wie jene Harkaways und großes Kopfkino schätzt, wird von der Gelöschten Welt begeistert sein. Der Goldene Schwarm“ war bereits ein Lesehighlight 2015 für mich und in seinem Debüt erinnert Harkaway, auch wenn die Geschichte völlig anders ist, von der Erzählweise und der genüßlichen Ignoranz sämtlicher Genregrenzen her an David Mitchells Knochenuhren , die zu lesen ich unlängst das Vergnügen hatte.

Die Geschichte beginnt nach der  – von einer Handvoll begabter Vollpfosten ausgelösten – Fast Apokalypse.
Gonzo Lubitschs namenloser Freund erzählt sie. Dabei springt er von der Gegenwart in die Vergangenheit, schildert ihr erstes Kennenlernen, die gemeinsam verbrachte Kindheit und Jugend dieser beiden sich so trefflich ergänzenden bestfriends. Nach etlichen Seiten war ich ein wenig irritiert, denn seltsamerweise hat Gonzo Lubitschs Freund keinen Namen.

Dem ist so, ein Kunstgriff des Autors, der erst viel später in der Erzählung logisch nachvollziehbar wird. Die Figuren – darunter ein skurril verschmitzter Zenmeister der Kampfkunst und eine Schulleiterin, die nicht unbedingt so ist wie sie zu sein scheint – und die mit ihnen verknüpften losen Fäden greifen ineinander wie ein perfekt gerichtetes Uhrwerk. Alles ist miteinander verknüpft, jeder Zeitsprung und Szenenwechsel, jeder Nebencharakter, der in der Familiengeschichte zum Vorschein kommt und alles ist verwoben mit den immerwährenden Fragen nach Moral und wie wir unsere Welt gestalten wollen. Die epische Schlacht zwischen Gut und Böse darf natürlich auch nicht fehlen und charmanterweise lässt Harkaway ausreichend Raum für Grautöne. So ist das „Zeugs“ –   jene Substanz, die nach der Löschung entstand und die Welt mit bizarren menschlichen Alptraumkreaturen bevölkert und damit kontaminierte Menschen in Kreaturen verwandelt die von den Normalos bekämpft werden – durchaus zwiespältig zu betrachten, wie Gonzo Lubitschs Freund feststellen muss, als es darum geht jene Kontaminierten oder mit Irrealität infizierten auszulöschen. Der Autor lässt seinen Erzähler sinnieren und lädt den Leser  dazu ein. Auch seine Art, den Neoliberalismus köstlich humorvoll und kritisch zu durchleuchten, lädt ein zum philosophieren und permanent (aber niemals penetrant ) lässt er ein Feuerwerk herrlicher Gedanken und Metaphern auf den Leser los.

„Wüsten sind wie nahezu kahlköpfige Männer, die sich die Haare schneiden lassen. Der Unterschied ist von innen betrachtet entscheidend, aber für alle anderen ist es nach wie vor eine staubige Steppe, in der höchstens ein paar Büsche wachsen.“

So vergnüglich, rasant und detailreich sich die Geschichte der gelöschten Welt liest, es ist keine Geschichte für Leser, die gerne sofort auf den Punkt kommen. Ungeduld ist, wie auch Meister Wu meint,  ein Hemmnis auf dem Weg zur Erleuchtung.

Meine Empfehlung richtet sich an Leser, die temporeiche Action (Kampfkunst) Skurrilität, Witz, Phantasie und womöglich die Schriftsteller John Irving und David Mitchell gerne mögen und bevorzugt ein wenig jenseits der Wirklichkeit in die Realität eintauchen. An Liebhaber von Abenteuerromanen mit Realitätsbezug, wie der Kampfausbilder Ronnie Cheung:

„Das Automobil“, sagt Ronnie. „Eine Keule von mehreren tausend Kilo Gewicht, die sich nicht selten mit mehr als fünfzig Stundenkilometern bewegt. Gefährlich in unberufenen Händen, was ja auf die meisten Fahrer zutrifft, und verdammt tödlich, wenn man es als Waffe einzustezen weiß.“

 

 

Von mir einen Dodo Award für dieses außergewöhnliche Buchschätzchen und die Hoffnung, dass Nick Harkaway fleißig weiterere Romane dieser Qualität absondert.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe: 01.September 2009
  • Verlag: Piper
  • ISBN: 9783492267045, nicht mehr lieferbar
  • Taschenbuch: 728 Seiten

3 Gedanken zu “Das Leben des Gonzo Lubitsch

  1. Was ich „vergaß“zu erwähnen: Es wird viel relativ gefighted. Ein Kritikpunkt anderer Rezensenten. Ich mochte es, andere weniger, wie ich gelesen habe. Wenn dich Kampf(kunst)sequenzen anwidern nochmal überdenken, sonst viel Vergnügen in dieser fabulösen Welt😎

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