Doppelbödigkeit in Perfektion

HonigSerena Frome ist Anfang 20 als der alternde Tony Canning in ihr Leben tritt und sie beim MI5 – dem britischen Inlandsgeheimdienst – in Lohn und Brot bringt. Typischerweise werden auf diese Art – durch das traditionelle „Hand auflegen“ wie Ian McEwan ganz bildlich und fein ironisch beschreibt, was schon in der Antike als  Emanzipation bezeichnet wurde – junge Männer protegiert. Serena jedoch ist jung, bildhübsch, klug und eine passionierte Leserin, weshalb sie innerhalb des Geheimdienstes für ein Projekt namens Honig ausgewählt wird, das Autoren finanziell unterstützen soll, deren politische Gesinnung der britischen Regierung angenehm ist. Schließlich befindet sich die Welt mitten im kalten Krieg.

Serena wird auf T. H. Haley,  einen jungen Autor angesetzt, der im Brotberuf an einer Universität lehrt und bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Seine Kurzgeschichten gefallen Serena genauso gut wie der junge Mann schließlich selbst. So entspinnt sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das nicht nur von Seiten Serenas durch Täuschungen und Geheimnisse geprägt ist.

Täuschungsmanöver beherrscht auch Ian McEwan meisterhaft. Er spielt mit allem, was er zur Verfügung hat: dem Genre, den Figuren, den Ebenen und vor allem mit dem Leser. Anfänglich ob der gemächlichen Entwicklung des „Agentenromans“ etwas ratlos, kann man dennoch Gefallen an der präzisen Beschreibung der Verhältnisse während dieser doch recht angespannten Zeit innerhalb Europa und der Welt finden. Mit feiner Ironie zeigt McEwan sowohl das gesellschaftliche Leben  in den beginnenden 1970er Jahren in England als auch die Maschinerie des Literaturbetriebes. Er erzählt Geschichten innerhalb der Geschichte und verwebt darin auch noch die Realität. So wird eine raffinierte Doppelbödigkeit erschaffen.

An Genregrenzen hält er sich nicht – wozu auch? Erfährt der Roman durch die Nichteinhaltung dieser Grenzen doch eine wunderbare Unberechenbarkeit.

Bis zuletzt, ach was, bis zu diesem Zeitpunkt, in dem ich versuche, meine Gedanken zu diesem so perfekt konstruierten Roman, dem man die Perfektion ins keinster Weise anmerkt, in Worte zu fassen, bin ich mir nicht sicher, wer der Erfinder Serenas nun tatsächlich ist. Natürlich kann man sagen, McEwan wer sonst? Doch genauso gut denkbar ist es, dass Tom, der unwissentlich vom MI5 finanzierte Autor, der Schöpfer Serenas und ihrer Geschichte ist. Die Fiktion in der Fiktion oder der Wald den man vor Bäumen nicht sieht? Letztendlich ist auch das gleichgültig bei einem Roman wie Honig, der so klug, so durchdacht und trotzdem so überraschend und unterhaltsam auftritt.

Honig war mein erster McEwan gewesen, (mittlerweile) aber nicht mein letzter – ganz gleich, welchem nicht eingehaltenen Genre er angehören mag.

Ein wunderbares Buch für alle Ian McEwan Fans und andere Leser, die Gefallen am Spiel mit der Doppelbödigkeit des Lebens und Lesens haben – Fans von Agententhrillern à la James Bond allerdings werden keine Freude an diesem Regaljuwel haben.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : Januar 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-24304-8
  • Taschenbuch, 464 Seiten

4 Gedanken zu “Doppelbödigkeit in Perfektion

  1. Kindeswohl fand ich auch toll. Das hat mich richtig tief berührt. Bei Honig war es eher die Struktur, die mich verblüfft hat. Du musst mir unbedingt berichten, was Du davon hältst und wie Du das Ende siehst … wenn Du es gelesen haben wirst. LG und einen schönen Abend, Bri

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  2. Ich habe gerade auf meinem Blog wieder ein bisschen über „Kindeswohl“ diskutiert, sodass mir McEwan und sein Roman „Honig“, der noch gut sichtbar im „ungelesenen Regal“ steht, auch wieder mehr ins Bewusstsein gekommen ist. Und da kommt dann auch noch deine Lust-aufs-Lesen-machende Besprechung. Wenn das kein Zeichen ist :-).
    Viele Grüße, Claudia

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