Nicht völlig von dieser Welt

Das barmherzige Fallbeil von Fred VargasFred Vargas, deren offizieller Name Frédérique Audion – Rouzeau lautet, ist eine auf das Mittelalter spezialisierte Archäozoologin – womöglich der Grund für ihre gelassene Schreibe durch die sie ihren verträumten Kommissar Adamsberg aus dem 13. Arrondissement wieder Wolken schaufeln lässt. Während Adamsberg also schaufelt meutert die Hälfte seiner Brigade, im Glauben daran, dass ihr Kommissar sich in diesem unlösbar scheinenden Fall auf Abwege begibt, die zwar seiner Laune aber nicht der Auflösung der Morde dienen. Ist doch scheinbar Robespierre wiederauferstanden und treibt erneut sein blutiges Unwesen. Das Revolutionstheater greift aus der Geschichte in die Gegenwart über und spaltet die Anhänger von Jean  – Baptiste Adamsberg.  Der Nachfahre des Henkers von Paris wird verhört und eine winzig kleine Insel vor Island spielt eine mysteriöse Hauptrolle zusammen mit ihrem vorgeblich einzigen Bewohner – dem Afturganga, einem Wesen der isländischen Sagen- oder Fabelwelt…

Der Kriminalfall ist, wie bei fast allen Krimis die mir gefallen, fast völlige Nebensache. Ob Mitglieder einer staatlichen Behörde in Frankreich derart freie Hand bei ihren Ermittlungen haben, es verwundert ein wenig, aber Logik interessiert Adamsberg auch nur am Rande, daher geschenkt – für Erbsenzählerei und Haarspaltereien ist der Inhalt zu schön und das Leben zu kurz ;)- sie wird ohnehin nur bedingt benötigt. Verbindet sich in diesen Kriminalthrillern doch Polizeiarbeit stets mit mystischen Themen. Daher würde ich, wenn es denn sein müsste, diesen Roman eher als gemächlichen eskapistischen Thriller etikettieren.

Dies darf durchaus als Warnung verstanden werden. Geradlinigkeit sucht man hier vergebens, die Fans dieser Autorin wollen sie auch nicht, eben das macht den Suchteffekt dieser mittlerweile elfbändigen Kriminalreihe aus. Adamsberg ist der Hauptermittler in folgenden (nach Erscheinen geordneten, wie immer ohne Gewähr) Titeln:

  • Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord
  • Bei Einbruch der Nacht
  • Fliehe weit und schnell
  • Der vierzehnte Stein
  • Die dritte Jungfrau
  • Die schwarzen Wasser der Seine
  • Das Zeichen des Widders
  • Der verbotene Ort
  • Die Tote im Pelzmantel
  • Die Nacht des Zorns

Es lohnt sich den Kommissar und seine Helfer von Beginn an zu begleiten. Die Gedanken Adamsbergs, die Dialoge und das Innenleben der Personen, sowie diese selbst sind für den Reiz, Lesegenuß und Charme der Romane dieser grandiosen Geschichtenfabuliererin massgeblich. Man meint fast, sie leibhaftig vor sich zu sehen. Ich könnte nicht entscheiden welche Charaktere mir neben Adamsberg die Liebsten sind. Violette Retancourt die amazonenhafte, schlagkräftige Gewichtheberin, Danglard, der Denker mit dem Hintergrundwissen oder das Maskottchen der Brigade, der lebensuntüchtige fette Kater, dem die Aufgabe zukommt, die Brigade zusammenzuhalten. Bei soviel Reichhaltigkeit verschwendete Zeit. Lieber genieße man die wunderbaren Dialoge der Protagonisten, ihre Schrulligkeit und intuitive Zerfahrenheit gönnen dem Leser, der sich darauf einzulassen vermag wunderbar vertändelte Zeit und Schwelgerei fernab aller Hektik.

Einzige Kritik meinerseits: Das barmherzige Fallbeil ist ein dusselig übersetzter und irreführender Titel. Kein Novum, das kommt oft vor, dennoch möchte ich es hier beklagen, denn das französische Original: „Temps glaciaires“ birgt den Charme, der diesem liebevoll, immer sanft ironischem  Roman zusteht. Unterhaltungsliteratur der feinsinnigen Art für Menschen mit Hang zu Muße und Fantasie und damit eine uneingeschränkte Leseempfehlung für jene, die Thrill und klingende Sprache schätzen und es nicht unbedingt immer geradlinig mögen. Man kann den Roman lesen, ohne die vorhergehenden Bücher zu kennen. Ob man diesen dann widerstehen kann und möchte wird sich zeigen. Ich habe die von Fred Vargas bereits erschienenen Romane bisher in nicht chronologischer Reihenfolge verschlungen, bin daher jetzt erst up to date und würde die Fülle der detailierten Informationshäppchen zu dieser skurrilen Ermittlungstruppe nicht missen mögen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 26. Oktober 2015
  • Verlag : Limes Verlag
  • ISBN: 978-2-8090-2659-4
  • Gebunden, 512 Seiten

10 Gedanken zu “Nicht völlig von dieser Welt

  1. Ach siehste, schöner Austausch, bin meist konsequente Fernsehkrimimeiderin und wusste bis dato gar nicht, dass Adamsberg verfilmt wurde. Gestern übrigens einen wunderbaren Western „Slow West“ gesehen. Intelligent, tolle Landschaft…Yepp, es fehlt die Zeit. Das ist auch das was ich an Vargas so schätze, dass sie ZEIT hat und das Gehl auch weitergibt beim lesen

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  2. Wie immer Geschmacksache. Vargas mag man, oder nicht. Es gibt ja noch andere Bücher. Zielführender und, wie ich finde auch sehr empfehlenswert ist Wolfgang Schorlau, wenn du Politthriller / Krimis magst die sich am aktuellen Geschehen orientieren.

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  3. ich glaube tatsächlich, dass man die Adamsberg Krimis aus einem anderen Blickwinkel als nur der Lösung des Falls lesen muss. Ich fand auch die Verfilmungen sehr gelungen. Dann muss ich mir wohl auch mal wieder einen zu Gemüte führen … nur wann 😉

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  4. Genau das, was du hervorhebst, schätze ich an den Adamsberg-Büchern: keine reinen Krimis, etwas versponnene Charaktere, die Fabulierkunst der Autorin … Ich habe einige Bände ausgesetzt. Es wird höchste Zeit, mal wieder einzusteigen!

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