Gestern ist Heute

Tomorrow Tomorrow von Thomas Carl Sweterlitsch„Obwohl ich weiß, dass das melodramtisch und hysterisch ist, male ich es mir zwanghaft aus: Hautschichten, Nervensystem, Adren, Profil, Haare, Augen, die zehn Finger und zehn Zehen, die ich gezählt hätte. Alles mit einem Schlag verbrannt. Schluss, Schluss damit!“

Pittsburgh ist verglüht. An einem sonnigen Oktobertag setzte sich jemand mit einem Koffer auf einen belebten Platz und öffnete diesen. Die anschließende Atomexplosion ließ alles Leben in einem weiten Umkreis verglühen. Doch durch die Aufnahmen der Überwachungs- und Netzhautkameras gibt es ein Leben nach dem Tod. Das Pittsburgh Archiv steht den Überlebenden zur Verfügung. Einwohnern, die an dem Tag zufällig nicht in der Stadt waren und ihre Liebsten verloren haben. Durch die Adware, eine hochentwickelte Sender/Empfänger Hardware, die direkt in den Kopf eingepflanzt wird, kann jeder sich die Stadt und alle Menschen darin zu jeder Zeit herunterladen. Die Vergangenheit wird mit allen Sinnen wiedererlebt.

Wir sind in der Zukunft. Das virtuelle Leben hat seinen Höhepunkt erreicht. Es ist nicht nur anders, es ist einfach besser:

„Höhere Auflösung als in der Realität – nun begreife ich, was dieser Werbespruch bedeutet. Davor war die Welt verschwommen, als würde ich sie durch eine Vaselinebrille betrachten. Jetzt ist auf einmal alles so scharf. Agathas Gesicht, die glänzenden Lippen, Haarflaum, lange, stark bemalte Lippen.“

Doch die neue Realität ist vielleicht schärfer und detaillierter, wird aber umso mehr von Spam, Werbung und von Breaking News überschwemmt. Diese News versuchen die sowieso kurze Aufmerksamkeitsspanne der Menschen auf sich zu ziehen, mit Schlagzeilen, die sich im Bereich Porno, Katastrophen und Tod bewegen. Selbst CNN hat sich eine treffende Schlagzeile für seinen Stream einfallen lassen:

„Die Passagiere hängen an den Feeds von CNN, um sich die Wartezeit zu vertreiben. Buy America! Fuck America! Sell America!“

John Dominic Blaxton hat seine Frau und sein ungeborenes Kind in der Glut von Pittsburgh verloren. Seitdem ist er ein Junkie. Ein Erinnerungsjunkie. Er arbeitet in den Archiven von Pittsburgh und klärt Todesfälle auf. Die Versicherungen zahlen nur, wenn der Todesfall eindeutig auf die Atomexplosion zurückzuführen ist. Bei Mord zahlt sie nicht. Ausgerüstet mit den notwendigen Passwörtern kann John jede vergangene Szene mit seiner Frau aufleben lassen. Durch die Adware werden diese Szenen naturgetreu nacherlebt. Dazu nimmt er noch Drogen, die seine Sinne verschärfen. Nachdem er einem Mord auf der Spur ist, wird er plötzlich wegen seiner Drogensucht entlassen. Ein hoher Politiker interessiert sich für ihn und bittet ihn, eine Frau für ihn aufzuspüren. Bei Johns Recherche bemerkt er Unregelmäßigkeiten im Code des Archivs. Irgendjemand ist dabei, die Vergangenheit zu ändern.

Der Roman wirft einen regelrecht in die Zukunft, die Umstände des Atomschlages arbeitet der Autor nach und nach heraus, wichtig ist für ihn in erster Linie das persönliche Gefühl der Menschen in der Zukunft. Hat heute schon jeder Jugendliche ruhig tippend an ihren Smartphones zusammen an einem Tisch gesehen, wird dieser Effekt im Buch noch verstärkt dargestellt, jeder ‚lebt‘ in seinem Stream, jede Emotion, jeder Gedanke zu einem Thema erzeugt sofort die passende Werbung. Diese Tendenzen sind auch heute schon zu beobachten. Gierig und abgestumpft wird auf Neuigkeiten und Sensationen reagiert. Porno ist salonfähig geworden. John gerät durch seine Suche in einen immer tieferen Sumpf des Verbrechens, die seine Vorstellungskraft übertrifft.

Thomas Carl Sweterlitsch hat einen verstörenden, weil nahe an der Gegenwart liegenden Roman geschrieben, der die Geschwüre der Vernetzung konsequent weiterführt. Auch eine terroristische Aktion mit einer Atombombe ist in den Bereich des Möglichen gerückt. Sein Plot überzeugt nicht immer, die Verwicklungen, in die der Leser gestoßen wird, sind teilweise recht verworren. Aber insgesamt schafft das Buch eine ausgewogene Mélange aus Science Fiction, Krimi und Thriller, die einen atemlos bis an den Schluss fesselt. Zugreifen lohnt sich für SF Fans auf jeden Fall!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 14. April 2015
  • Verlag : Heyne
  • ISBN: 978-3-453-31648-5
  • Paperback: 480 Seiten

2 Gedanken zu “Gestern ist Heute

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