Diamonds are forever – Ein Frauenbuch?

D_Sullivan_Verlobungen_RZ.indd„Schahatz, … wir sollten über unsere Beziehung reden.“

Ein paar Gedanken der Rezensentin (die Rezension ist weiter unter zu finden, wer sich Nachfolgendes ersparen möchte, möge scrollen):

Frauenliteratur. Ein weitreichendes Genre, dem ähnlich wie Fantasy oder Science Fiction der Ruch anhaftet, nicht sonderlich ernstzunehmende Belletristik zu sein. Diese abwertende Haltung sollte jede/r für sich einmal hinterfragen. Liebesroman, Kitsch, ChickLit, feministische Lektüre, alles wird unter diesem Oberbegriff versammelt und oft ohne Berechtigung von vornherein abfällig bewertet. Auch von Frauen. Gerade von Frauen, die anspruchsvollere Literatur lesen und sich abgrenzen gegen die „easyreading“ Leserinnen. Um nicht missverstanden zu werden, ich möchte hier keine Lanze für softpornograpische Bestseller und ähnliches brechen. Mich stört nur die Herablassung und Herabsetzung, mit der dieser Begriff verbunden ist. Für mich ist Frauenliteratur unter anderen mit Autorinnen wie Milena Moser, Marlen Haushofer, Alice Walker, Simone de Beauvoir, Isabel Allende, Anne Tyler, Amy Tan, Marilyn French und ja, auch wenn es mittlerweile sehr schmerzt, Alice Schwarzer, verknüpft. Das Untergenre ChickLit schätze ich außerordentlich in Form von Lisa Lutz‘ rasanten Spy Girls Romanen und als  Urban Fantasy Vertreterin sei Kim Harrison erwähnt. Es gibt viele kluge Frauen, die die Welt aus Frauensicht darstellen. Aus feinfühlig emotionalem Blickwinkel beleuchten, damit zum Nachsinnen anregen, problematische Themen behandeln, feministische Aufklärung vorantreiben und versuchen, die Welt zu verbessern und zu ändern. Manchmal auch einfach nur erträglicher zu gestalten, Eskapismus zu ermöglichen. Oder jene, die  einfach nur clever sind, wie Erika Leonard, die Autorin von Shades of Grey. (Nein, ich habe nichts von ihr gelesen, nur die Bücher waren in den Buchhandlungen präsent und die Diskussionen die darüber entstanden reichten, um mir eine eigene Meinung zu bilden), die aus einem Gespür heraus den G-Punkt etlicher weiblicher Wesen gefunden und vergoldet hat. All diese vielfältigen Motive manifestieren sich in sogenannter Frauenliteratur. Von hochintellektuell bis Schund und Trash und Sachbüchern. Sie spiegeln weibliche Erlebniswelten. Wenn Männer herablassend über Frauenliteratur sprechen, lässt mich das kalt. Von Frauen erhoffe ich mir da mehr. Zuerst einmal Solidarität, keine Vorverurteilung durch Schubladendenken, dann mehr Respekt für andere Frauen, für Autorinnen, für weibliche Belange und Bedürfnisse.

Fin

Die Verlobungen von J. Courtney Sullivan: ein Frauenbuch.

A Diamond is forever.

Ein genialer Werbeslogan, den Frances von der Werbeagentur Ayer für de Beers Feldzug zur Steigerung der Diamantenverkäufe entwirft.  „Es geht um Massenpsychologie, denn unser Ziel ist es, den diamantenen Verlobungsring zu einer psychologischen Notwendigkeit zu machen. Zielgruppe: Etwa siebzig Millionen Menschen im Alter von fünfzehn aufwärts, deren Weltsicht wir in unserem Sinne beeinflussen wollen.“

Die Gehirnwäsche ist gelungen, nachdem amerikanische Frauen, die sich einst zur Hochzeit lieber eine Waschmaschine wünschten, jetzt als Statussymbol lieber einen Bling Bling Stein an die Hand hefteten, um mit selbiger dann die Wäsche mühsam zu erledigen.

Ein Triumph der Werbebranche in welcher Frances, ironischerweise Single, arbeitet. Frances, die „A Diamond is forever“ erfunden hat. Den Slogan, der die menschliche Gier nach Status weiter anfachte, unzählige Menschen in Afrika ins Verderben stürzte und das Ego der amerikanischen Männer kitzelt. Der Verkauf von Diamanten wird getragen von unausgesprochenen, ja unterbewussten Hoffnungen und Wünschen der Käufer nach ewiger Liebe und Geborgenheit und Geltung.

Frances, bewusst und gewünscht ledig, die Ehe lockte sie nie. Selbstbestimmung und Freiheit sind ihr Lebensziel. Ungewöhnlich, ja fast schon verdächtig in den 1947er Jahren, in denen der Roman, der bis in die nahe Gegenwart entführt, beginnt.

Der Leser, in diesem Fall wohl eher die Leserinnen, begleiten Frances und die anderen Protagonisten auf dieser Zeitreise durch ihre Beziehungen und durch die Jahrzehnte bis in die Gegenwart. Delphine, die Pariserin, die aus Liebe ihren Mann und ihre Heimat verlässt, um mit ihrem jungen Stargeiger in New York glücklich zu werden. Die glücklich verheiratete Evelyn, deren Sohn Teddy Frau und Kinder verlässt und mit 40 Jahren glaubt, die Freiheit bei einer Frau zu finden, die Evelyn für vulgär hält. Kate, die ihren geliebten Job für Mann und Kind aufgab, aufs Land zog und nun die gleichgeschlechtliche Hochzeit ihres Lieblingscousins mitgestaltet. Anlässlich dieses Events überdenkt sie ihre Erwartungen an das Leben. James, der seine Familie liebt, ihr aber nicht mehr als das Existenzminimum bieten kann und daran zerbricht. Er zerbröckelt sozusagen mit seiner sich verschlechternden miserablen Finanzsituation.

Subtil, fast beiläufig kommt die Gesellschaftskritik am American way of life daher. Oberflächlich betrachtet erzählt J. Courtney Sullivan „nur“ die breit angelegte Geschichte des Lebens und der Beziehungen vierer völlig unterschiedlicher Menschen, die sich nicht einmal kennen. Einen Rahmen bildet die Story um de Beers Diamantenvermarktungsfeldzug. Damit führt sie die Geschichten immer wieder zusammen. Feinfühlig und undramatisch und sachlich erzählt sie, schlägt einen dennoch in den Bann dieser verschiedenen Leben. Schildert nicht nur aus weiblicher, sondern sehr gelungen wie ich finde auch aus der Sicht eines männlichen Protagonisten. Lässt viel Raum zum Nachspüren und Nachdenken. Über die Bedingungen, unter denen Diamanten zutage gefördert werden, über Blood diamonds, die unter anderem die Kriege und Gemetzel in Afrika finanzieren, über die Frage ob mehr Schein als Sein wirklich erstrebenswert ist. Über Hoffnungen, Lebensziele, Wünsche, Projektionen sowohl der Leser als auch der Protagonisten.

Klar kann ein dicker Klunker an einer Frau was her machen, aber er wird nie halten, was er verspricht, nicht einmal dann, wenn sie ihn im Pfandhaus versetzen muss. Ein Diamant stabilisiert keine Beziehung und wird aus einer hässlichen Alten nie ein begehrenswertes Etwas machen.

Er ist und bleibt nur bedeutungsschwanger aufgemotzter Kohlenstoff.

„Die Verlobungen“ sind eher zu vergleichen mit Opalen. Schlicht, seltener und wertvoller als viele Diamanten, wunderschön und in vielen verschiedenen Farben leuchtend.

Bestes erzählerisches Understatement, um sich darin zu verlieren.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 03. Februar 2014
  • Verlag : Zsolney Verlag
  • ISBN: 978-3-552-06244-3
  • Gebunden:  592 Seiten

7 Gedanken zu “Diamonds are forever – Ein Frauenbuch?

  1. Hab ich schon gesehen – streu nicht noch Salz in die wunde 😉 Aber ich werde das alles alles lesen, in meinem Gärtchen … ich freu mich auf einen tollen Sommer 😉 Und die Bib hier ist ja sehr gut sortiert …

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  2. Und wie wir wissen ist dieser Wunschzettel von beträchtlichem Ausmaß 😉 Boshafterweise hat die Autorin noch einen Erstling veröffentlicht, den ich hier auf dem Buchstoff nicht rezensiert habe der aber ebenfalls empfehlenswert ist …
    ich kann dir aber nur beipflichten: „was uns in irgendweiner Weise mitnimmt..“ zählt.

    Gefällt 1 Person

  3. Der Verriss von Judith Hermanns Roman war mehr als ein Verriss – das wr subjektiv geprägter Rufmord. Sowas geht gar nicht und ist unprofessionell auf höchster Stufe. Frauenliteratur – das ist tatsächlcih vieles und auch hier gilt: Was anrührt, zum Nachdenken bringt, unterhalt … uns in irgendeiner Weise mitnimmt sollte erfolgreich sein, egal, welcher Etikett es trägt. Eine wunderbare Rezension, die meinen Wunschzettel mal wieder anwachsen lässt …

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  4. Danke für das Feedback. Ich war mir nicht sicher, wollte es aber loswerden. Man ist doch schnell dabei, es ist ja sehr menschlich, gedanklich zu kategorisieren und da sollte doch schon ab und an hinterfragt werden.
    Unsere Gesellschaft hat noch viel Platz sich in diesen Fragen weiterzuentwickeln. 😉 Andererseits sagen solche Verrisse wie du sie erwähnst, dann doch viel über den oder die Verreissenden aus.

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  5. Toller Einstieg – das sind Gedanken, die mir auch immer wieder durch den Kopf gehen. Z.B. als Alice Munro den Nobelpreis bekam, fiel auch die Bezeichnung „Frauenliteratur“. Oder die Verrisse von Judith Hermanns erstem Roman: Frauenliteratur, war da zum Teil zu lesen. Man käme nie auf den Gedanken, z.B. über Moby Dick mit diesem Hauch von Herablassung „Männerliteratur“ zu sagen. Die Herablassung, die mit dem Etikett „Frauenliteratur“ verknüpft ist, ist es, was das Ganze bedenklich macht – ob es nun von Frauen oder von Männern kommt, ist da egal.

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