Alleinruhelage

Ein Leben wird erzählt dicht und tiefblickend, liebevoll, kritisch mit charmant subtilem Humor und bereits bewältigter Trauer.

Mit „Quasikristalle“ hat mich Eva Menasse bereits bezaubert. Eine grandiose Beobachterin, die das Erlebte in fast schon poetische, immer punktgenaue Sprache gießt.

„Haus ich verkaufe dich.“, so beginnt dieser Roman der namenlosen Ich-Erzählerin und während sie über ihr Leben; ihre Kinder, Ehemann, Freunde, Nachbarn und Kindheit im Kontext der gesellschaftlichen Begebenheiten und Zwänge sinniert, zweifelt man an dieser Aussage immer mehr.

Spuren der Arbeit des Lachens, Weinens und der Liebe sind in dem Haus am See überall und dann der Garten:

„Die Wühlmäuse jedenfalls sind die Multiplikatoren der Zerstörung, sie sind wie Maulwürfe auf Anabolika; denn letzterer pflanzt zwar seine männlichen Angeberhügel in den Rasen wie Rufzeichen, aber von der rein optischen Störung abgesehen, bleibt der fast blinde Herr mit dem samtigen Pelz zurückhaltenderweise tief unten. Die Spuren der Wühlmäuse hingegen sind zart, unauffällig, vergleichbar den Intrigen der Frauen. Man braucht eine Weile um das wahre Ausmaß zu erkennen.“

Ein Quell der Freude auch nachdem die Kinder größer sind und Ablenkung nach der Scheidung bei welcher die ehemalige Waldschänke in „Meck-Pomm“ der Frau verblieb, Last und Lust zugleich.

Last sind etliche Nachbarn, genannt die „Schti’s“, die in der Datschensiedlung nahe des Ferienhauses wohnen. Manche hausen dort das ganze Jahr. Misstrauisch wird die Fremde, von den meisten auf Distanz gehalten. Die westlich sozialisierte Städterin, die doch anfangs versuchte dazuzugehören. Dabei setzt sie sich kritisch mit der Geschichte der ehemaligen DDR – Bewohnern auseinander, versteht etliches, kann anchvollziehen warum sich diese so misstrauisch und manche schon feindlich verhalten, sieht die vergangene Geschichte selbst als nicht zu vertreten an. Es ist, wie auf allen Dörfern dasselbe, man wird beäugt, beurteilt und es wird geredet,. Nicht mit sondern über die Neuankömmlinge. Dazugehören wird man nie. Doch sie weiß sich zu helfen. Findet patente polnische ArbeiterInnen die ihr helfen die vielen Baustellen des alten Domizils zu beheben. Ihre eigenen Baustellen sind analog zum Haus. Sie haben eine gemeinsame Geschichte.

Die Erzählerin schweift, ab und an höchst vergnügt, ab. Sie teilt Wissen, das sie im Laufe der Jahre erworben hat, lässt Kindheitsbilder erstehen, ihre über Jahrzehnte ihres Frauenlebens gesammelten Erfahrungen, sei es als Ehefrau, Mutter,Freundin oder Geliebte  sind ein Genuss. Die Kinder sind aus dem Haus, es bleibt und es gibt Zeit und Muße für einen Rückblick.

„Schlagartig behandeln sie einen besser, wie überall, wo man mit geradem Rücken und offenem Blick hingeht – dass man das nicht früher im Leben lernt!“

Wird die Ich- Erzählerin das Haus voller Erinnerungen verkaufen? Ohne finanzielle Not?  Während des Lesens erlaubte mir dieser Roman selbst auf mein Leben zurückzublicken. Erst im Frühjahr durfte ich in der mittlerweile in Fremdbesitz und renovierten Ferienwohnung meiner Kindheit urlauben. Im Allgäu in Bad Hindelang und dort alte geliebte Plätze neu entdecken, Erinnerungen an meine Großeltern nachsinnieren, den wunderbaren Blick auf die Rotspitze genießen und mich an Skifahren, Wandern und meine Jahre die ich dort verbracht habe erinnern. Damals war es noch deutlich uriger, weit weniger touristisch und die Unterschiede zu früher hinterließen mich ambivalent. Daher war Alleinruhelage für mich ein berührendes Herbstbuch, es passt bestens zu dieser Jahreszeit in der man auf den Sommer zurückschaut, sich an den schönen Tagen freut und sich, in welcher Form auch immer „Nüsse“ sammelt um den Winter gut zu überstehen.

Also sammelt Nüsse, Farben, Düfte und Wörter und übersteht lesend den kommenden Winter.

Von mir 28 Dodos für diesen wunderbaren Roman, dessen größtes Geschenk nicht nur die Erzählweise der Autorin ist, sondern die Gelegenheit, die sie den LeserInnen bietet auf ihr eigenes Leben zu schauen.

Alleinruhelage von Eva Menasse erschien im August bei Kiepenheuer & Witsch als Hardcover. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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