Literarische Körperlandkarte

Beeindruckendes Debüt der jungen aserbaidschanischen Autorin Jegana Dschabbarowa, die in Russland aufwuchs, dieses Land aber 2024 verlassen musste und mittlerweile in Hamburg lebt.

Ihre namenlose Ich-Erzählerin nimmt uns mit in den Kosmos einer aserbaidschanischen Großfamilie und ihrer Freunde mitten in Russland. Wie alle Expats auf der Welt, haben sie das Problem, nirgends richtig dazuzugehören. In Russland sind sie die „Fremden“, da sie ihre eigenen Traditionen haben, ihre eigene Sprache und immer noch anders wirken, auch wenn sie fließend Russisch sprechen. Bei den Besuchen bei den Verwandten des Vaters in Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt, sind sie aber aufgrund ihres Lebensmittelpunkts in Russland auch wieder nur „die Ausländer“. Ein Grundgefühl der Heimatlosigkeit macht sich also breit.

Der Roman von Jegana Dschabbarowa ist auch autofiktional, die dort beschriebene Nervenkrankheit der Protagonistin heißt Dystonie – und es ist dieselbe Krankheit, unter der Jegana Dschabbarowa leidet.

Die Erzählerin schreibt sich am (kranken) Körper entlang durch die eigene Geschichte, die immer auch Familien- und Gesellschaftsporträt ist.

Wir folgen ihr von den Augenbrauen über die Haare bis zum Rücken und enden nach einigen Stationen beim Bauch. Im ersten Kapitel war ich irritiert, da ich nicht gleich verstanden hatte, dass es sich bei den Beschreibungen der „verrutschten Augenbrauen“ tatsächlich um die Auswirkungen des neurologischen Krankheitsbildes handelt und hatte das Gefühl in ein von Metaphern überbordendes Buch gerutscht zu sein. Doch je mehr ich den Kontext verstand, desto mehr wurde ich in die Geschichte der jungen Aserbaidschanerin gezogen und versank in ihren poetischen Beschreibungen. Voller Anmut und mit einem unglaublichen Stoizismus erzählt sie von ihrem Leiden, das zugleich (und dann eben doch Metaphern!) auch das kollektive Leiden der Frauen im Familienalltag ist. Münder sollten geschlossen sein. Öffnen dürfen sie sich gern zum Bejahen dessen, was der Ehemann sagt. Bei eigener Meinung, die dem Mund entlieht, ist der restliche Körper Sündenbock und wird bestraft. So wird auch der Bauch gerne vom maßregelnden Ehemann getreten, da kann auch mal ein Ungeborenes sterben, das ist dann eben so, oder verletzt werden …

Der Mund der Männer ist dafür da, lauthals seine Meinung kundzutun, mit Worten zu strafen oder gern auch dafür, um dem Körper Alkohol zuzuführen. Durch diesen wird der Mann dann wieder aggressiv und greift wieder zum Mittel der körperlichen Gewalt zurück, um Frust und Wut aus dem eigenen System zu prügeln. Ein elender Teufelskreis.

Nicht alle Männer sind so! Es gibt auch den Großvater mütterlicherseits, der emotional, weich und sensibel ist. Er zeigt den Enkelinnen seine Liebe, spielt mit ihnen, beeinflusst sie positiv. Eine absolute Lichtgestalt im Leben der jungen Ich-Erzählerin.

Das Buch zeigt auf literarische Weise, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne knallende Wut und Vulgarität und ohne krasse, explizite Sprache, wie stark das Patriarchat noch immer vorhanden ist. In manchen Landstrichen, das wissen wir, ist noch immer die stille Erduldung von Gewalt durch Despoten der einzige Weg für Frauen, zu existieren. Der Keim der Hoffnung bleibt, dass auch in den Köpfen dieser Frauen immer mehr Rebellion stattfindet. Manchmal äußert sich das in leisen, unauffälligen Gesten, manchmal auch in klarem Widerspruch. Und manchmal kann auch eine Krankheit Freiheit von Traditionen bedeuten …

Ein faszinierender Einblick in eine eigene kleine Welt …

Große Leseempfehlung!

„Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ von Jegana Dschabbarowa ist 2025 als Hardcover imZsolnay Verlag erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

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