Manchmal überzeugt einen ein Buch derart, dass man will, dass die ganze Buch affine Öffentlichkeit davon erfährt. So ist es meiner Freundin Rike ergangen bei ihrer letzten Krimilektüre. Eigentlich sind wir hier bei unserem Buchblog ja eine eingeschworene Truppe, die in ihrer Zusammensetzung gut ist, so wie sie ist. Aber ab und an machen wir Ausnahmen, wenn Göttergatten oder gute Freund*innen ihre Herzensbücher der Welt vorstellen wollen.
Hier schreibt nun also Rike einmalig unter dem Pseudonym daslesendesatzzeichen ;-)
„Anfangs war er noch überzeugt davon, dass an seiner Zelle bald peinlich berührte Polizeibeamte auftauchen und die Tür öffnen würden.“
Stell dir vor, du machst mit deiner Familie Urlaub auf Mallorca, mit dem Freund einen Trip nach Rom oder feierst – wie Amir Yasin, der Protagonist des Krimis – einen Junggesellenabschied an der Côte d’Azur. Es geschieht ein Verbrechen und du bist irgendwie zur falschen Zeit am falschen Ort und damit plötzlich im Visier der Ermittlungsbehörden. Der Fall ist kompliziert und die internationale Aufklärungsarbeit dauert lange, sehr lange. Und du sitzt in Untersuchungshaft.
Reichen ein vermeintlich verdächtiger Name und ein paar Indizien für eine Verurteilung aus oder muss da doch mehr sein? „Aber wir sind doch schließlich nicht in der Türkei oder in Russland. Wir sind in Frankreich. Einem Rechtstaat. In einem zivilisierten Land mit zivilisierten Bürgern. Die sind als Mitglied der EU an die Europäische Menschrechtskonvention gebunden! Wovor hast du eigentlich Angst?“ Aber auch: „Glaubst du, er ist schuldig? Denkst du das wirklich… von deinem Freund?“ giften sich die jungen Männer im Hotelzimmer an, packen ihre Sachen und steigen in den nächsten Flieger zurück nach Stockholm, während Amir ins berüchtigte Gefängnis Fleury-Mérogis nach Paris überführt wird. Google es nicht. Es ist grauenhaft.
Malin Thunberg Schunke hat ein Roman-Debüt vorgelegt, das mich nach suchtähnlicher Lektüre nachhaltig beschäftigt hat. Ihr Nachwort, in dem sie erzählt, wie ihre juristische Arbeit sie zur Romanidee geführt hat, ist extrem interessant. Um glaubhaft zu machen, dass der Krimi realitätsnah ist, reicht ein Blick auf ihre Biografie. Sie ist Staatsanwältin, Privatdozentin für Strafrecht und Autorin juristischer Fachbücher.
Der Krimi ist geschickt aufgebaut, ohne künstlich konstruiert zu wirken. Wir erleben das Geschehen oft mit Amir Yasin, aber auch immer wieder mit den verschiedenen Ermittlern aus Frankreich und mit dem internationalen Team von Eurojust in Den Haag. Wir begleiten gelegentlich die nach Schweden heimgekehrten Freunde, die mit ihrem schlechten Gewissen kämpfen, den Freund im Stich gelassen zu haben, und die Familie von Amir, die mit den Reaktionen ihres Umfelds und mit den emotionalen und finanziellen Folgen der Verhaftung umgehen muss.
Wenn wir bei Amir sind, wirkt er sympathisch, seine Gedanken, die zwischen Ohnmacht, Überlebenswillen und Resignation schwanken, sind nachvollziehbar. Doch gelegentlich meldet sich eine namenlose Stimme, die Zweifel sät: „Warum hatte er sich nur darauf eingelassen? In die Ferne zu reisen und eine Gruppe Menschen mit derartigen Ansichten aufzusuchen. Er war doch gar nicht wie die.“ Wer spricht da?
Und was ist das „höhere Ziel“, das der Titel verspricht? Die Erfüllung eines Gotteswillen? Gerechtigkeit? Gerechtigkeit für wen?
Außerdem sind da noch die einzelnen Personen im Ermittlungsteam. Im Fokus stehen die schwedische Staatsanwältin Esther Edh und die italienische Leiterin von Eurojust, Fabia Moretti.
Esther treibt die Suche nach der Wahrheit und der Gerechtigkeit an. Als Mitglied von Eurojust ist es zwar nicht ihre Aufgabe selbst zu ermitteln, sondern lediglich die Arbeit der Kollegen, wenn sie über die Staatsgrenzen hinausgehen, zu unterstützen, aber: „Irgendwas stimmt nicht, ich habe das Gefühl, er gehört da nicht hin, auch wenn einiges gegen ihn spricht.“
Sehr viel anstrengender, zugleich interessanter und weniger fassbar wirkt Fabia. Sie ist laut, hat dunkelrote, toupierte Locken und einen extravaganten Kleidungsstil – ein bisschen wie Medusa in Bernard und Bianca, findet Esther. Und sie kann an inoffiziellen Fäden ziehen. Ein Geheimnis von Fabia scheint auf Sardinien zu liegen (zufällig dem zweiten Wohnsitz der Autorin ;-)).
Mit diesen beiden Figuren, deren Jobs bei Eurojust spannende, internationale Fälle behandeln und dabei grundlegende gesellschaftliche Themen streifen und deren Privatleben zudem einige neugierig machende Fragezeichen hinterlassen, hat Malin Thunberg Schunke den Anfang für eine Serie geschaffen. Vier weitere Bände sind bereits auf Schwedisch erschienen. Stefanie Werner hat diesen ersten ins Deutsche übersetzt.
Ein höheres Ziel von Malin Thunberg Schunke ist 2025 als Taschenbuch im Polar Verlag erschienen, die schwedische Ausgabe 2019 im Piratförlaget. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das Buchcover, zur Autorin per Doppelklick hier: https://www.malinthunbergschunke.com.

