Erst der Anfang …

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Emily, Annabel, Chris und Daphne ihren Abschluss am renommierten Radcliffe College erhalten haben und das wahre Leben für sie beginnen sollte. Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können und doch waren sie alle den Regeln, Vorschriften und gesellschaftlichen Gepflogenheiten der 1950er Jahre unterworfen. Emily, die eher schüchterne mit dem größten Vorrat an Kaschmirpullovern ausgestattet, den man sich nur vorstellen kann, will Ärztin werden. Annabel, die rothaarige Schönheit erst einmal das Studium und das Studentinnenleben genießen, Daphne ist die vollkommene Schönheit, das „Golden Girl“ des Jahrgangs und noch dazu klug und Chris ist witzig, interessant, intelligent und fühlt sieht sich selbst als Mauerblümchen. Alle vier lernen wir nacheinander kurz kennen, als sie 20 Jahre nach ihrem erfolgreichen Abschluss nach Radcliffe zurückkehren zum Klassentreffen. Wie es ihnen in den vergangenen zwanzig Jahren ergangen ist, das erzählt Rona Jaffe vielschichtig, empathisch, wertfrei und wie ich finde, in Bezug auf die gesellschaftlichen Normen und deren langsamen Wandel sehr klar.

Mehrere Wochen lang habe ich die Lebenswege der vier Frauen verfolgt, die Jaffe in ihrem Roman „Die Welt war so groß“ skizziert. Vor Jahren hatte ich – zugegebnermaßen wegen des reizvollen Covers – ihr als Wiederentdeckung und in Neuübersetung im Ullstein Verlag erschienes Buch „Das Beste von allem“ entdeckt und konnte nicht fassen, dass diese Autorin bis zu diesem Zeitpunkt so völlig an mir vorbeigegangen war. Ihr Thema war die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Der Frage, wie man als Frau ein erfülltes und glückliches Leben führen konnte ging sie über die Jahrzehnte hinweg konsequent nach. Dabei vergaß sie nicht, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer den Strukturen und gesellschaftlichen Prozeßen unterworfen waren, zeigte aber ganz genau, wer per se die größeren Chancen auf Erfüllung hatte.

In den 1950er Jahren, als die vier jungen Frauen ihre Studien in Radcliffe begannen, scheint das Institut für viele der Absolventinnen eher ein Ort zu sein, um den Mann fürs Leben zu finden. Bereits in der ersten Studienberatung wird Emily von dem Wunsch ein Medizinstudium zu absolvieren mit eher fadenscheinigen Begründungen abgeraten. Die Studienberatin geht sogar soweit, ihr vorzuschlagen, wenn Emily unbedingt Ärztin werden wolle, dann solle sie sich doch bei den Medizinstudenten in Harvard umsehen und einen von ihnen heiraten. Leider ist sie keine Kämpferin und wählt deshalb ein sozialwissenschaftliches Studienfach, das ihr wohl liegt, aber nicht ihrem Herzenwunsch entspricht. Doch sie ist eben auch ein Kind ihrer Zeit. Als sie Ken, seines Zeichens Medizinstudent kennenlernt, scheint ihr Schicksal besiegelt – fortan verbringen die beiden ihre Freizeit gemeinsam und Emily ist nicht wirklich viel mit ihren Kommilitonninen unterwegs.

Anders als Chris und Annabel, die zu sehr guten Freundinnen werden. Chris verliebt sich unsterblich in den mysteriösen Alexander – eine Liebe, die sie selbst nach und nach als Besessenheit begreift, aber nicht abstellen mag oder kann. Annabel dagegen lebt frei und wie es ihr gefällt, was natürlich nicht allen anderen gefällt. Aber sie ist diejenige der vier Frauen, die ihren Weg ungeachtet der Meinungen anderer einschlägt. Das bringt nicht nur Freude mit sich. Mit Max hat sie aber einen wahren Freund an ihrer Seite, der immer für sie da ist. Daphne ist die Perfektion in Person – auch wenn sie selbst ganz genau weiß, dass dem nicht so ist, zumindest hat sie ein Geheimnis zu hüten, das sie zu immer mehr Perfektion treibt. Und dass sie dieses Geheimnis wirklich niemandem anvertraut, wird sie Jahrzehnte später, als sie es endlich wagt, in eine ungeahnte Krise stürzen.

So unterschiedlich die Kommilitoninnen äußerlich und charakterlich sind, so ähnlich sind die Kämpfe, die sie eben als junge Frauen, Studentinnen zumal, in den 50er Jahren fechten müssen. Nach dem Abschluss schlagen sie eigene Wege ein, ihre Ziele sind sowohl persönlich als auch geselschaftlich beeinflusst. Im Großen und Ganzen also nicht wirklich ein neues Sujet für uns heute, wieso sollte man Rona Jaffe dennoch lesen? Aus dem einfachen Grund, dass sie deutlich den Finger in jede nur mögliche Wunde legt, ohne zu werten und uns heute damit klar macht, dass Frauen zwar schon weiter gekommen sind, was Möglichkeiten und Rechte angeht, dass man diese aber niemals als gegeben betrachten sollte und andererseits noch ein weiter Weg zu gesellschaftliche Augenhöhe zurückgelegt werden muss.

Die männlichen Figuren in Jaffes Roman sind zwar ein bisschen das Beiwerk, zeigen aber gleichfalls die Fallstricke auf, die die Gesellschaft für sie parat hält. Ein feministischer Blick auf beide Geschlechter und deren (unterschiedliche) Zwänge und dabei ein prall gefüllter Roman, der die Atmosphäre der unterschiedlichen Jahrzehnte exzellent einfängt und zeigt, wir sind alle nur Menschen, die glücklich sein möchten.

Die Welt war so groß von Ronna Jaffe ist im September 2018 als Taschenbuch im Ullstein Verlag erschienen. Für mehr Infos zum Buch per Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

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