Trauer macht stumm, doch Schweigen ändert nichts

„ich heiße Benjamin, ich habe den Notruf abgesetzt“

Drei Brüder unterwegs, um den letzten Willen ihrer Mutter zu erfüllen. Die Urne mit ihrer Asche soll, entgegen des bisher Angenommenen, nicht im Familiengrab beigesetzt werden. Kurz vor der Beerdigung muss alles umgeworfen werden, doch die Brüder tun es. Obwohl das Verhältnis untereinander und auch zum bereits verstorbenen Vater und der nun ebenfalls verstorbenen Mutter nicht das beste ist beziehungsr war. Das war nicht immer so. Und diese Reise zum Sommerhaus ihrer Kindheit, das verknüpft ist mit vielen, nicht immer guten, Erinnerungen wird zu einer Reise mit Schlüsselcharakter für die drei Männer.

„Ich heiße Benjamin, ich habe den Notruf abgesetzt“ – dieser Satz, relativ zu Beginn des literarischen Debüts von Alex Schulman von dem mittleren der drei bereits genannten Brüder ausgesprochen, könnte für sein ganzes Leben stehen. Ihn lernen die Leser:innen am besten kennen, er ist einerseits der Beobachter, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird und andererseits ist er auch so etwas wie der Dreh- und Angelpunkt. Wann genau fiel die Familie, die es einmal gab, auseinander? Was ist passiert, dass die Brüder, die früher eng miteinander verbunden waren, sich so voneinander entfernt haben. Es geht um Wettbewerb, Vernachlässigung, Liebe und deren Abwesenheit und es geht um Trauer und das Schweigen, das sie auslöst. Einfach deshalb, weil für das Trauma, das die Familie ereilt hatte, zunächst keine Worte gefunden werden konnten.

Welches Trauma das ist, darüber werden die Leser:innen ziemlich lange – zumindest teilweise – im Ungewissen gelassen. Überhaupt ist der Erzähler eher unzuverlässig, geht es doch um Erinnerungen, die offensichtlich zum eigenen Schutz und unwillentlich verändert wurden. Dissoziation nennt man das, was Benjamin seit diesem Erlebnis wiederfährt. Der Verstand kann das Geschehene nicht begreifen, zu schmerzhaft ist es, um damit umgehen zu können und da manipuliert das Gehirn ganz eigenmächtig ein wenig an den Erinnerungen. Je traumatischer das Erlebnis, desto schwerwiegender können diese Manipulationen sein, denn es geht tatsächlich und ganz eindeutig ums eigene Überleben.

Alex Schulman erzählt in klaren Worten – von einigen Leser:innen  wird das allerdings als für das Thema zu distanziert wahrgenommen. Dennoch verschleiert er vieles. Der Erzählstrang, der sich mit der aktuellen Aufgabe der drei Brüder, den letzten Willen der Mutter zu erfüllen, beschäftigt, wird rückwärts, also vom Ende ab erzählt und teilweise durch Einlassungen, Flashbacks gleich (die ja auch ein typisches Element von Dissoziationen sind), ergänzt. Das bringt zeitweise ein wenig Ungemach in die Lektüre, macht aber den Zustand, in dem Benjamin sich seit dem traumatischen Erlebnis damals befindet, absolut greifbar. Niemand weiß so genau was passiert ist.

Klar ist allerdings, dass es sich um eine Vernachlässigung der drei Jungen durch die Eltern geht. Dysfunktionale Familie nennt man das heute. Ein Begriff, der mir in diesem Fall ein wenig zu plakativ ist, weil er das auslösende oder verstärkende Moment desTraumas beiseite lässt. Außerdem wird in der Geschichte nie geklärt, ob die Alkoholsucht der Eltern, die gleich anfangs ins Zentrum der Geschichte gerückt wird, schon länger besteht:

Jeden Abend stand Benjamin im flachen Wasser, unmittelbar unterhalb der kleinen Strandwiese, wo seine Eltern saßen. Sie folgtem dem Lauf der Sonne, verschoben Tisch und Stühle um einige Meter, sobald sie sich im Schatten befanden, und so fuhren sie fort, während die Dämmerung langsam hereinbrach, bewegten sich immer weiter. […] Sie saßen immer nebeneinander, Schulter an Schulter, denn beide wollten aufs Wasser schauen. Die weißen Plastikstühle ins hohe Gras gebohrt, ein schiefer kleiner Holztisch, auf dem die fleckigen Biergläser in der Abendsonne glänzten. Ein Schneidbrett mit einem Zipfel ungarischer Salami, Mortadella und Radieschen.Im Gras zwischen ihnen eine Kühltasche, die den Wodka enthielt.

Während Benjamin sich meist in der Nähe der Eltern aufhält, alles beobachtet, jede Stimmung aufnimmt, wie ein gut gestimmter Seismograph, ist sein älterer Bruder Nils gedanklich schon weitergezogen. Er sondert sich ab, hört Musik, hat einen Nebenjob in der Stadt, zu dem er mit seinem eigenen Moped fährt – er hat sich freigestrampelt könnte man sagen. Der jüngste der Brüder, Pierre, ist Benjamin noch am nächsten. Pierre ist ungeduldig, wild, ein Energiebündel, das immer direkt drauf geht – auch später zeigen sich diese Eigenschaften bei den erwachsenen Männern. Und dann ist da noch Molly – wer Molly ist und welcher Zusammenhang zwischen ihr und dem Trauma besteht, das bleibt lange über den Roman hinweg unklar. Vermutungen stehen im Raum, bei den Leser:innen, wie bei Benjamin, der scheinbar erst sehr spät erkennt, wer Molly wirklich ist. Ein Schachzug von Schulman, der damit die Spannung aufrecht erhält – wie auch durch die umgekehrte Reihenfolge der Erzählung – und den aufmerksamen Leser:innen einen möglichen Wissensvorsprung verschafft. Überhaupt ist aufmerksames Lesen, wenn nicht sogar erneutes Lesen des ganzen Buches, angebracht.

Die Mutter, deren letzten Willen die Söhne erfüllen wollen, bleibt – zumindest im ersten Teil des Buches – recht ungreifbar. Sie kann liebevoll sein und im nächsten Moment zeigt sie den Jungs, wie sehr sie ihr mit ihrem Verhalten misfallen. Lange habe ich darüber nachgedacht, woran das liegen mag. Denn auch wenn Vater und Mutter beide recht aufbrausend sein konnten, was sicherlich dem hohen Alkoholkonsum geschuldet war, so hatte ich immer das Bild von einer Familie vor Augen, die nicht immer so unglücklich gewesen war, die sich bemüht hatte, ihren Kindern etwas mitzugeben, sie zu lieben und der irgendwann einfach die Kraft ausgegangen war. Die Brüder mussten irgendwann in eine Art Wettkampf getreten sein, um etwas von dem abgreifen zu können, was Kinder so sehr brauchen: Nähe, Zuwendung, Liebe. Und wahrscheinlich war es dieser Moment, der die Lektüre das erste Mal so schmerzhaft machte: Eines Abends schickt der Vater seine drei Söhne in den See, sie sollen bis zur Boje schwimmen und zurück. Doch während die Strecke am Tage machbar schien, ist sie im kalten Abendwasser kaum zu schaffen. Auf jeden Fall für keinen alleine. Benjamin hält die drei Brüder auf dem Rückweg zusammen, bis kurz vor dem Erreichen des Ufers, als Nils sich absetzt:

Als sie nur noch fünfzehn Meter entfernt waren, brach Nils aus und kraulte wie besessen. Benjamin fluchte, weil er damit nicht gerechnet hatte, und beeilte sich ihm zu folgen. Plötzlich war der See nicht mehr still, der Kampf der Brüder wurde zum Ufer hin wilder. Pierre war abgeschlagen, Nils nicht mehr als eine Armlänge vor Benjamin, als sie das Ufer erreichten, Seite an Seite rannten sie schließlich den Hang hinauf. Benjamin packte Nils Arm, um an ihm vorbeizukommen, aber der riss sich mit einer Wut los, die Benjamin überraschte. Dann kamen sie am Sitzplatz der Eltern an. Sie sahen sich um.
Benjamin ging zum Haus, spähte durchs Fenster. Entdeckte die Gestalt seines Vaters in der Küche. Den breiten Rücken, wie er sich über den Abwasch  beugte.

Lange Zeit war ich mir unschlüssig, ob das, was ich da las, Sinn machte und wirklich so gut war, wie die begeisterten Stimmen meiner Vor-Leser:innen es sagten. Und ich gebe zu, ich habe mächtig gehadert damit, dass Schulman seine Geschichte so erzählt, wie er es tut. Mir kam es zunächst so vor, als würde er damit verschleiern wollen, dass sein Plot zu dünn wäre oder dass er nicht genug Tiefe in seine Geschichte packen konnte. Eigentlich wollte ich das Buch nur noch querlesen und dann zuklappen, habe es ein, zwei Tage liegen lassen und ab spätestens dem zeiten Teil ist etwas passiert. Was, kann ich nicht genau sagen. Aber letztendlich wurde mir bewusst, dass diese Erzählung von viel mehr handelt, als „nur“ von der Darstellung dessen, was mit Benjamin passiert ist. Im Grunde fächerten sich nach und nach die Beziehungen aller Personen zueinander auf, zeigten, wo die Leerstellen waren, die sie nicht mehr füllen konnten.

Dass Erinnerung ein trügerisches Ding ist, der man manchmal selbst nicht glaubt, wird in einer äußerst symbolischen Begegnung Benjamins mit einem Rothirsch, der sich sonderbarer Weise sogar berühren lässt, deutlich. Der Hirsch verursacht fast einen folgenschweren Unfall, Benjamin kann gerade noch eine Vollbremsung hinlegen, als er auf dem Weg zu seinem Bruder ist, um ihn für die Reise ins Sommerhaus abzuholen. Die Begegnung mit dem Hirsch ist fast surreal, vielleicht auch ein bisschen magischer Realismus, doch ein Schlüsselerlebnis für Benjamin, das ihm endlich erlaubt, sich und seinen tatsächlichen Erinnerungen, die er kurz zuvor erst mit Hilfe einer Therapeutin heben konnte, zu vertrauen. Es ist der Geruch nach Wild, der an Benjamins Fingern nach der Berührung mit dem Hirsch wahrnehmbar ist, der ihn nicht mehr zweifeln lässt.

Alex Schulman hat einen Roman verfasst, der nicht nur wegen wirklich traumatischer Ereignise Emotionalität hervorruft. Die große Stärke seiner Geschichte ist die Mischung aus objektiver Schilderung der für alle Beteiligten schwer zu verkraftenden Geschehnisse und die Möglichkeit einer wenn auch späten, aber dennoch geschehenden Versöhnung. Wie er das macht, wie er die Struktur des Romans aufbaut, ist meisterhaft, wenn auch nicht unbedingt gleich sichtbar. Für manche Leser:in vielleicht zu subtil. Hat man allerdings den Schlüssel entdeckt, dann öffnet sich nach der Lektüre noch einmal alles neu und eigentlich müsste man das Buch gleich noch ein zweites Mal lesen, um auch jede einzelne Kunstfertigkeit dieses Romans zu erhaschen. So wie zum Beispiel, dass der erste Satz des Romans sich genau gleich auf Seite 187 wiederfindet und den Abschnitt einleitet, der uns Leser:innen das Trauma enthüllen wird.

Absolute Leseempfehlung für einen grandiosen Roman, der seine Kraft allerdings erst nach und nach entfaltet.

Die Überlebenden“ von Alex Schulman, übersetzt von Hanna Granz, ist am 20. August 2021 als HC im DTV Verlag erschienen. Mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Trauer macht stumm, doch Schweigen ändert nichts

  1. Pingback: Alex Schulman – „Die Überlebenden“ – ZEICHEN & ZEITEN

  2. Lieber Bernd, gerne. Das Buch ist in Schweden ein großer Erfolg und wird es – so sieht es im Moment aus – auch hier werden. Da bin ich mir sicher. Ganz einfach ist es nicht. Ich bin zwar kein Einzelkind, aber meine Schwester ist 11 Jahre älter als ich und so sind wir tatsächlich so ein wenig wie Einzelkinder aufgewachsen. Unser Kontakt war mal gut, mal schlecht, ich glaube im Moment passt es. Aber wir sind auch eher behütet aufgewachsen, dennoch ist das schon nicht ganz ohne, Familie zu sein. Schön, dass Du mit deinen Bründern einen guten Kontakt hast. LG zurück, Bri

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