Berliner Stadtblatt Nr. 34

JohnQube @ pixabay

Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein befindet sich in einer mißlichen Situation. Und das in seiner geräumigen und sehr lichten Charlottenburger Wohnung.

Er besitzt bei Weitem genug. Auch an Kultiviertheit. Daran leidet er nicht. Nein, er kann einfach nicht hinaus. Es ist ihm unmöglich.

Ja, mobil ist er. Auch gesund und alles. Aber er kommt einfach nicht über die Schwelle. In Wahrheit schafft es Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein kaum je bis dahin. Unwohlsein und stirnene Schweißperlen machen sich schlagartig über ihn her, sobald er ihr auch nur zu nahe kommt. Er kann nicht hinaus.

Dabei besitzt er, was viele so im Gesundheitswesen so dringend benötigen.

Einen voll funktionstauglichen ABC – Anzug aus dem Jahr 2019. So ziemlich das Beste, was es derzeit gibt. Beziehungsweise gab, denn mit der Covid Pandemie gerieten die Anzüge mir nichts dir nichts auf die Schwarze Liste der nicht mehr verfügbaren Waren. Und das war im April. Jetzt bei bestem Juniwetter wird es wohl nicht anders aussehen.

Das legt für Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein den Gedanken nahe, daß man seinen Anzug beschlagnahmen könnte, da er andernorts dringender benötigt wird. Im Namen der Volksgesundheit oder so.

Verdammt schwieriges Terrain. Aber ohne den Anzug würden ihn die Mikroben da draußen sicherlich in kürzester Zeit auflösen. Da ist er sich vollkommen sicher. – Was für ein beschämendes Ende, denkt sich von Pruvenstein und das nach all den Jahren, in denen er einen erbitterten Abwehrkampf gegen all jene Miniaturzersetzer geführt hat. Ohne Rücksicht auf Folgen, die sich in erster Linie in seiner letztendlichen sozialen Isolation äußerten, denn – bei Gott! – jeder hat sie. Jeder trägt sie an den unterschiedlichsten Stellen mit sich herum und verteilt sie munter mit jeder Berührung und Geste. Leicht gequält greift er zum Telefon.

Ein leichter Salat käme ihm jetzt gelegen. Und einige Hühnerbruststreifen auf einem Basmati – Reisbett mit einer milden Cognac – Sauce, wenn er es recht bedenkt.

Um den Wein kümmert er sich selbst. Davon versteht der Service nichts.

Dann ein wenig Bach, um nicht vollends durchzudrehen.

Er könnte auf einen seiner Balkone hinaustreten, durchfährt ihn plötzlich diese verwegene Option, die so leicht daherkommt, als handelte es sich dabei nicht schon an sich um einen unerhörten Schritt.

Und sie fährt fort, Bilder, Gerüche und sanfte Berührungen heraufzubeschwören. Ein frischer Wind. Echtes Sonnenlicht. Vögel vielleicht.

Diese lichte Aussicht hochhaltend wendet sich von Pruvenstein dem Weinraum zu, der klimatisiert und abgedunkelt, zur besten Möglichkeit

ausgebaut wurde, größere Mengen hochwertige Weine zu lagern.

Ohne die Welt der Lieferservices wäre er zweifellos verloren. Das ist ihm klar. Umsorgt und behütet. Vor möglicher Unbill geschützt. Abgesichert, weil vermögend.

Und: Mit mehreren Balkonen, durchfährt es ihn wieder.

„Aber doch nicht vor dem Essen.“, wiegelt er plötzlich laut ab, obwohl niemand in der Nähe ist.

Etwas Nagendes und Unnachgiebiges schwingt in diesem Balkongedanken mit, das ihn dazu veranlasste, seine Entgegnung laut auszusprechen.

Etwas zu fahrig überfliegt er nun Weinetiketten und greift wie nebenbei zu einem 2008er Comtes de Champagne, einem Juwel der Champagne. Noch unter dem Eindruck der Beharrlichkeit des Gedankens stehend spürt er das Gewicht der Flasche kaum, begibt sich zu seinem Gefrierschrank im Eck und entnimmt diesen eine eiskalte Kühlmanschette, die er sogleich um die Flasche legt.

Dies alles unternimmt er in halber Abwesenheit, während ein leichtes Befremden über die Hartnäckigkeit dieser irrwitzigen Idee ihn überkommt. Er fühlt sich auf unangenehme Weise an penetrante Schnorrer erinnert, die er stets nur durch einen Sprung in ein Taxi hatte loswerden können.

Kopfschüttelnd verläßt er den mit dicken Teppichen ausgelegten Lagerraum wieder.

Noch immer der Dreistigkeit jener Idee nachhängend begibt er sich zum Weinbord, das noch aus dem 19.Jahrhundert stammt, verharrt dann aber wieder und wendet sich den großen Fenstern zu. Die verschlossene Flasche mit beiden Händen vor sich haltend.

„Ein wirklich schöner Tag heute.“, stellt er wie zum ersten Mal fest. Etwas schwingt in seiner Stimme mit. Oder in seinem Ton. Die leise Andeutung der unerhörten Möglichkeit einer Veränderung seiner täglichen Routinen.

Etwas liegt in der Luft, das sich von Pruvenstein nicht erklären kann.

Am Wein kann es noch nicht liegen.

Hat er am Ende einen wichtigen Termin oder einen Geburtstag vergessen? Und nur deswegen leidet er solch sonderbare Qualen?

Vielleicht liegt es auch an der Musik. Bachs Cello Suite No. 1 in G Major versetzt ihn von seit jeher in eine leichte Anspannung. Das wird es wohl sein.

Ein Glück, daß er Toccata und Fuge aus der Liste entfernt hat. Dazu fühlt er sich nicht angemessen. Schon seit Langem nicht mehr.

Von Pruvenstein schüttelt nachdrücklich den Kopf, wendet sich nun vollends dem Weinbord zu und entnimmt einem Hängeschrank passend zum Bord ein Weißweinglas; sich ein wenig über den mit goldener Alufolie umwickelten Flaschenhals wundernd. – Wie unkonventionell.

Irgendetwas verhindert, daß Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein die richtigen Schlüsse zieht. Und so kämpft er überaus befremdet weiter gegen einen schnöden Plastikkorken an, der prall und rund sich kein Stück bewegen läßt.

Erst als von Pruvenstein das Messerchen seines Bestecks mit Nachdruck zwischen Flasche und Korken manövriert, drückt, bis seine edlen Züge ganz und gar rot anlaufen, löst sich der Korken mit einem unerhört lauten Plopp aus der Flasche. Schießt davon und knallt gegen ein üppiges Landschaftsgemälde auf Leinen, das den Korken entschieden zurückwirft, dabei den für Radioempfang zuständigen Teil der Blaupunkt Stereoanlage trifft und bevor Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein irgendetwas unternehmen kann, schallt statt Bach das Stück „Disco Inferno“ durch den Wohnbereich.

Von Pruvenstein kann nicht einschreiten, denn der Wein schäumt aus der Flasche hinaus, so daß er genug damit zu tun hat, dies außergewöhnliche Erzeugnis irdischer Weinkultivierung nicht auf den Perserteppich zu kleckern, sondern aufzufangen.

Schnell greift er zum Bord, bekommt aber kein weiteres Glas zu fassen und so sieht sich Eduard Wilhelm Ernst von Pruvenstein gezwungen, den nicht versiegenden Strom in Richtung seines Mundes zu dirigieren.

Er trinkt und schluckt und trinkt und rülpst und trinkt weiter, bis er über und über mit dem temperamentvollen Champagner besudelt ist. – Welch horente Verschwendung! Und erst das Trinken. – Eine Zumutung ist das!

Von Pruvenstein stellt die Flasche ab. Was ist hier eben geschehen?

Doch verspürt er keinerlei Lust, dieser Frage nachzugehen. Eigentlich, wenn er es so recht bedenkt, will er überhaupt keiner Frage mehr nachgehen.

Diese Musik besitzt etwas Zwingendes. Man kann sich dem kaum entziehen.

Leicht und etwas steif beginnt von Pruvenstein mit der Musik mitzuschwingen. Er gibt der anerzogenen Zurückhaltung einen Tritt in den Hintern, greift nach dem gefüllten Glas und kippt es hinunter.

Dann wendet er sich voll gebührender Verachtung der Balkontür zu.

Aber mehr weiß ich auch nicht.

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