Berliner Stadtblatt Nr. 33

JohnQube @ pixabay

Als um 11.30 Uhr ihr Wecker loslegt, befindet sich Yagmur in einem tiefen Schlaf reiner Erschöpfung. So hallt die arabische Preisung Allahs leicht verzerrt eine Weile vor sich hin, bis Yagmur schließlich aus unsagbarer Tiefe aufgestiegen, die Oberfläche des Bewußtseins durchbricht, um in einer halbautomatischen Bewegung ihren Wecker auszuschalten, der eine vergoldete Miniaturausführung des Palasts des Sultans von Bagdad darstellt.

Sie benötigt dringend neue Batterien, wenn die Preisung in nächster Zeit nicht zu einem Hohngedudel verkommen soll.

Allerdings taucht dieser Gedanke wieder ab und hinterläßt eine bleierne Leere in ihrem Kopf.

Yagmur versucht ihre Augen zu öffnen, doch sie wirken verklebt und wollen nicht in gewünschter Weise reagieren.

Sie reibt sie sich mit den Fäusten und endlich, unter viel Geblinzel und Scharfstellerei, empfängt sie die ersten Bilder ihres abgedunkelten Zimmers in der Silbersteinstraße in Neukölln.

Sie fühlt sich vollkommen erschlagen. Kaum zu glauben, daß sie gestern nach der Spätschicht direkt ins Bett gefallen ist. Eigentlich sollte sie sich doch ein wenig erholt fühlen. – Ein Schrecken durchfährt sie und sie richtet sich in ihrem Bett schlagartig auf: Hatte sie sich am Ende angesteckt?

So wie Svetlana, Tahía, Aische und Mark?

Beinahe automatisch greift sie sich ans Handgelenk und misst ihren Puls; dabei den Sekundenzeiger ihres Weckers fixierend.

Alles gut. Sie ist nicht heiß an der Stirn. Ihre Lymphknoten sind nicht geschwollen und schmerzen bei Berührung auch nicht. Das Atmen fällt ihr leicht.

Sie schwingt ihre schlanken, braunen Beine aus dem Bett und schlurft in ihren Puschen lustlos ins Bad.

Am Ende hat sie sich soweit aufgepäppelt, daß sie aufgeräumt die Wohngemeinschaft „Anständiger muslimischer Frauen“ verläßt, um sich auf den Weg in die Charité zu machen.

Doch bereits in der U8 in Richtung Alex sieht sie zu viele mit halbherzig angebrachtem Mundschutz.

Yagmur schließt kurz ihre formvollendeten braunen Augen und atmet einmal tief durch. Dann erhebt sie sich von ihrem Platz und richtet sich im akzentfreiem Deutsch an jene Passagiere.

„Ich fahre jetzt wieder in die Charité, um Leuten beim Atmen zu helfen.“, ihre Stimme wird fester und lauter: „Seit über einem Jahr komme ich nicht mehr zu Ruhe! Und es wird immer schlimmer! ICH KANN NICHT MEHR! Setzen Sie gefälligst ihre Masken richtig auf, denn ich habe keine Lust, Ihnen allen einen Luftröhrenschnitt zu verpassen. Und meinen Kolleginnen und Kollegen geht es genauso.“, setzt sie betont nach. Dann läßt sie sich wieder auf ihren Platz fallen und starrt aus dem Fenster hinaus in den Berliner Untergrund.

Das hat gut getan. Sie fühlt sich tatsächlich ein wenig befreit. Und beschämt, weil sie ihr Gesicht für einen Augenblick hat fallen lassen.

Doch mehr befreit als beschämt.

Am Alex erhebt sie sich und verläßt die U-Bahn ohne jemanden eines Blickes zu würdigen.

Sie folgt der sich in Richtung S-Bahn ergießenden Menge, die durchaus geschmälert scheint, im Gegensatz zu normalen Zeiten, wenn der Alex aus allen Nähten zu brechen droht.

Mit einigem Befremden folgt sie einer merkwürdigen Gruppe, die lautstark durch die Passage läuft, keinerlei Hygienevorschriften beachtend und sich alle naselang über etwas beklagend. Schwarze T-Shirts mit martialischen Aufdrucken in Frakturschrift neben bunt zusammengestellten Leuten.

Seltsam.

Als Yagmur im Kielwasser der Gruppe den S-Bahnsteig betritt, muß sie notgedrungen erkennen, daß weitaus mehr Menschen ohne Masken auf einen Zug warten. Dazwischen Grüppchen von Bereitschaftspolizisten.

Nun dämmert ihr, was das für Leute sind. Leerdenker, Reichsbürger und Esoteriker. – Gottloses Volk!

Allah!“, entfährt es ihr da, woraufhin sich einige düster dreinblickende Gestalten umdrehen und sie abschätzig mustern.

„Wat is denn det für eene?“, fragt eine lange, dürre Frau mit boshaften Blick.

„Is wat, Schleiereule?“, erkundigt sich ihr Begleiter. Ein rotgesichtiger mit Bürstenschnitt.

Yagmur schüttelt nachdrücklich den Kopf, bleibt aber ansonsten still.

„Na, dann geh Putzen!.“, grient der Yagmur an, spuckt vor ihr aus und wendet sich wieder ab.

Da ist sie wieder. Diese im Mantel der Überdrüssigkeit aufkochende Wut.

Yagmur holt tief Luft und schreitet auf die Gruppe zu, wobei sie bewußt über den Spuckefleck hinweg steigt. Zum Glück trägt sie eine FFP3 – Maske, denn sie kommt diesen schrecklichen Menschen sehr nahe.

„Sie sind eine Schande für ihr Land.“, sagt sie laut und deutlich, denn die Masken machen es einem schon schwer. „Für seine Geschichte und den Bemühungen jener, diese furchtbare Krankheit einzudämmen. Und falls sie nach ihrer verantwortungslosen Veranstaltung etwaige Atemprobleme quälen sollten, begeben sie sich bitte nicht ins Krankenhaus. Bereuen Sie vor Gott, solange der Atem noch reicht.“

Das anschließende zurückbleibende Hohngelächter hört Yagmur schon nicht mehr, weil ihr das Blut so dermaßen in den Ohren rauscht.

Mehr weiß ich aber auch nicht.

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