Groteskes System

„Auch der Bankräuber Olsen orchestriert und legitimiert* seine Geiselnahme konsequent mit Musik. Bei jeder Gelegenheit bringt er das Kofferradio zum Einsatz.“

 * Inwiefern dadurch Legitimation hergestellt wurde blieb mir undurchsichtig. Es geht hier um die Wirksamkeit des Supermarktgedudels, das zum Kaufen animieren soll.

„Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus“, einem solchen Titel kann ich mich nicht verschließen. Das muss gelesen werden.

Handwerklich solide beginnt Jörg -Uwe Albigs kurzer Roman. Das Personal wird eingeführt, die Protagonistin, aus deren Perspektive zugleich erzählt wird, stellt ihren Werdegang vor, berichtet von ihrem derzeitigen Job und schon ist man mittendrin in dieser als Groteske angekündigten Geschichte. Und grotesk ist sie.

Der Kniff, die junge Frau mit abgebrochenem Psychologiestudium und danach irgendwas mit Familentherapie später dann Business Coach, ihre Sicht schildern zu lassen und als Beigabe Auszüge aus einem Bericht oder einer Studie über das Stockholmsyndrom zu stellen funktioniert anfangs recht gut. Abgedreht schreitet die Handlung voran, während immer wieder kurze Einschübe erfolgen die Ausschnitte aus Untersuchungen zum Stockholm-Syndrom. Das ist clever erdacht und gemacht.

Die aufgestellte Behauptung, wir alle seien Gefangene des Kapitalismus, ist bei genauerer Betrachtung nicht von der Hand zu weisen. Selbst als Aussteigerin aus dem System wäre ich ihm noch in vielerlei Hinsicht unterworfen, außer Mensch lebt wirklich komplett autark, verzichtet auf medizinische Behandlung und schottet sich in aus Pflanzen oder Wolle gewonnen selbsthergestellten Klamotten von allen anderen „Infizierten“ des Systems hermetisch ab. Also die Grundannahme Gefangene des Kapitalismus passt. Die Gegenüberstellung des kapitalistischen oder neoliberalen Systems mit den Auswirkungen des des Stockholm-Syndroms auf Geiseln liest sich zuerst interessant und aufgrund der Ähnlichkeiten mit den Lebensbedingungen der arbeitenden Masse unter dem Kapitalismus versagt einem groteskenkonform das Lachen. Vergnüglich ist dieser Roman beileibe nicht. Dafür zäh. Auch bei Fortschreiten der Handlung die im wesentlichen daraus besteht, dass ein sehr reicher und unangenehmer Kunstsammler von der Belegschaft der Firma am Rande der schwäbischen Alb, die auf Initiative der Chefin gecoacht wird, entführt wird. Von eben jener Belegschaft, und nun weichgekocht werden soll um mittels Stockholm- Syndrom willig mitzuarbeiten an einem Ziel dessen Intention erst am Ende klar wird.

Je nach Möglichkeit wird der Leser die Intention der Gegenübstellung Kapitalismus und Stockholm-Syndrom rasch oder auch langsamer durchschaut haben. Ab diesem Zeitpunkt wird das Buch sehr, sehr zäh. Stilistisch gelingen dem Autor etliche anschauliche Beschreibungen, so wenn er das Kloster beschreibt in das sich die Firmenchefin zurückzieht: „ St. Priska aber hatte die Aura eines Ferienlagers der DDR – Gewerkschaft.“

Doch die unsympathische Ich -Erzählerin und die ständige Gegenüberstellung der Grundthese des Buches, das Kapitalismus die Menschen in Geiselhaft nimmt, überlagern das bei weitem. Man möchte nur noch, dass es schnell zu Ende ist. Schade, denn schreiben kann der Autor und Titel samt Idee sind genial.

Mir hat sich gezeigt, dass ich zwar mit Unwohlsein im derzeitigen neoliberalen System samt Supermarkt-, Fahrstuhlmusik leben kann, immer mit der Ausssicht auf eine düstere Zukunft so sich nicht Grundlegendes ändert,womöglich aber auch pandemiebedingt leicht enerviert und humorloser als sonst, nicht über den nötigen Masochismus verfüge, diesem eigentlich sehr intelligenten Roman Lesevergnügen abzugewinnen.

Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus ist im April 2021 als Hardcover bei Klett- Cotta erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

Ein Gedanke zu “Groteskes System

  1. Ui sehr schad, dass es gegen Ende so mühsam ist, aufgrund des schrägen Startsettings und der Idee wäre es ja genau in mein Beuteschema gefallen. Aber mühsam kann ich gar nicht

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