Terry Eagleton entmottet Karl Marx

9783550088568_coverFrei nach Karl Marx: Jede Geschichte braucht ihren Überbau, so auch diese.

Die menschliche Geschichte ist wie ein Haus. Kommen neue Mieter, neue Moden, werden alte Möbel weggeschmissen oder auf dem Speicher abgestellt. Nach einiger Zeit sind viele Ecken des Speichers voller Staub und die Mieter wissen nicht mehr, was sich dahinter verbirgt. So entstehen Legenden und falsche Vorstellungen, Bilder.
Auch im Falle von Karl Marx, den Terry Eagleton, Literaturprofessor und katholischer Marxist (ein Widerspruch in sich?!) versucht, neu zu entdecken, zu entstauben und gefällig zu präsentieren. Wir nähern uns der politischen, dick mit Staub bedeckten Truhe, haben Bilder im Kopf – die bolschewistische Revolution, Jahre voller vergeblicher DDR-Sozialisation –  und ein recht diffuses Bild, was denn noch alles in der Truhe ist. Nach und nach entdecken wir dann Erstaunliches.

Wertvolles Recyclingmaterial fördert Eagleton zutage. Der Kapitalismus ist, gelinde gesagt, für das Gros der Weltbevölkerung zu angegammelt, um ihn noch weiter zu benutzen. Da sollte man doch mal schauen, was an guten alten Ideen noch verwertbar ist. Das heisst nicht, dass die Märkte abgeschafft werden sollen, da Marx den Kapitalismus ja auch als Grundlage des Kommunismus sieht, positive Errungenschaften sind durchaus weiterzuverwenden, ja geradezu notwendig, um es diesmal im Marxschen Sinne menschenwürdiger zu gestalten. Denn für Marx ist nicht die Produktion um ihrer Produktion willen im Vordergrund, sondern der Mensch ist der Mittelpunkt!

Kritiker werden einwenden, dass das nicht funktioniert. Weil eben schon mal schiefgegangen und es läge einfach nicht in der menschlichen Natur. Hier kontert Eagleton und zitiert, interpretiert Marx, bringt Beispiele aus dessen Zeit und versucht diese mit aktuellen Beispielen zu belegen. Leider bleibt er im Marxschen Jargon, einem sehr altertümlichen Vokabular und dadurch schwer verständlichen roten Fäden. Seinen Marx zuvor mal ordentlich gelesen zu haben, wäre hilfreich gewesen, doch wer hat das schon getan? So kämpften wir uns eben mit solidem Zweiachtelwissen durch des Autors Zeilen.

Aufgeteilt ist das Buch in 10 Kapitel, deren Inhalt die verbreitetsten und größten Kritikpunkte an Marx und seinem Werk enthält. Eagleton setzt sich mit ihnen auseinander, widerlegt, oder gibt den Kritikern zuweilen Recht. Das läßt Raum zum selbst denken. (Ein Punkt, weshalb wir Bücher lieben 😉 )

Ein Kritikpunkt, der im Buch kaum angesprochen wird, aber in vielen Köpfen wohl noch herumspukt wie das kommunistische Gespenst, ist Marx persönliche Lebensführung. Wer die Biographie von Jenny Marx kennt, hat ihr unschwer entnommen, dass er ein chauvinistischer Patriarch war, der sich von Engels  durchfüttern ließ. Nun waren Marx und Engels gleichgestellt. Engels finanzierte ihn und marx prangte mit seinem Namen. Dagegen Jenny Marx, als Ehefrau, hatte das Pech, in der damaligen Zeit ihrem Karl völlig untertan zu sein und in seinem Privatleben war denn auch von seinen philosophische Gedankengängen, zu Gerechtigkeit und Menschenwürde kein Platz für Frau und die zahlreichen Kinder.
Wer hier aber den moralischen Zeigefinger hebt, schaue sich bitte mal bei den abendländischen Philosophen und daraus resultierenden Denkfabriken um. Fast alle großen Denker waren menschenscheu, asozial, frauenfeindlich. Teilweise auch der Zeit geschuldet, in der sie lebten. Doch lassen wir das Private beiseite und blicken auf seine, von Eagleton interpretierten Ideen.

Wenn er zitiert und mit heutigen Lebensumständen vergleicht entsteht Kopfnicken, manchmal sträuben sich aber auch die Haare. Seit Marx mit seinen Ideen versucht hat, die Welt zu verändern ist einiges geschehen. Veränderungen zuhauf, neue Technologien, verbesserte Lebensumstände, nur leider nicht für alle Menschen dieses Planeten. Die meisten (und Glücklichen, so sie von ihrer Arbeit leben können (und welche haben) gehören immer noch zur neu definierten, aber im noch de facto Sinne, Arbeiterklasse. Sie stellen ihre Arbeitskraft in fremde Dienste. Das würde sich auch in einer marxistischen Welt nicht ändern. Schlaraffia ist Utopie. Eine gerechtere Welt nicht und der Kapitalismus hat keine gerechtere Welt geschaffen – im Gegenteil. Zeit hatte er durchaus genug, schaut man gen Zukunft wird aber die Ungleichheit immer größer.

Immer mehr Menschen leben mit weniger als 2 Dollar pro Tag und dem Investmentbanker wird das Gesicht lang, wenn der Bonus nur 1 Million beträgt. Um ein krasses Beispiel zu nennen. Marx wollte aber nicht alles gleich machen. Zugang zu Lebensnotwendigkeiten und Muße, um kreativ zu werden, erschienen ihm jedoch wichtig genug um sein Gedankengebäude zu errichten. Ganz weit vorne ist da die Frage nach den Kontrollinstanzen der Wirtschaft. Wer hat heutzutage die Macht und wird sie zum Wohle aller angewendet? Hier hat sich eben interessanterweise seit Marx Zeiten nicht viel getan und Eagleton kann berechtigte Berührungsängste und Kritikpunkte an der marxschen Lehre breit angelegt entkräften. Auch die, dass ein funktionierender demokratischer Sozialismus nur mit Gutmenschen durchführbar sei. So hochentwickelt ist und wird unsere Spezies wohl niemals sein. Eine auf seinen ideellen Grundlagen aufgebaute Gesellschaft, die den Staat nur als Verwaltungsorgan nutzt und sich selbst verwaltet, ist, mit genügend demokratischen Kontrollinstanzen, aber durchaus möglich. Zum Vergleich: Im Kapitalismus ist der Staat Kontrollinstanz und dieser dient den Mächtigen, sprich Konzernen, Lobbyisten, und setzt gegen eine viel größere Zahl der Bevölkerung ihre Ansprüche auch mit staatlicher Gewalt durch.
Ja es ist sogar so, dass wer die wirtschaftliche Macht hat das Denken der Masse beherrscht, wie an vielen Medienkonzernen, ihren besitzern und besonders ihrem Output erkennbar ist.

Eagleton kann überzeugen, wobei er erst im hinteren Drittel des Buches die richtigen Anker für seine Argumente findet. Anfänglich ist er sehr philosophisch, teils ermüdend, aber wichtig: Gehirnwindungen anregend. Sein doch recht wertkonservativer britischer Humor (auch er kann seine Klasse nicht verbergen) erschöpft sich denn auch in bissigen Seitenhieben auf das britische Königshaus und eher unberechtigten unbeholfenen Verbalattäckchen gegen Schauspieler (Brad Pitt) und Musiker (Keith Richards), hin und wieder blitzt aber auch ein begnadeter Sarkasmus durch, etwa wenn er die Geschichte des Kapitalismus erzählt und dazu die Gräuel des Kolonialismus beleuchtet.

Ob man sich jetzt dem Kommunismus, Sozialismus einer mischung aus beidem oder einer sozialen Marktwirtschaft zuwenden möchte bleibt jeder Gesellschaft selbst überlassen. Unabdingbar sind dabei immer geeignete, unbestechliche Kontrollinstanzen. Wichtig ist, einer der wichtigsten und größten politisch/philosophischen Bewegungen und ihrer Grundlage vorurteilsfrei zu begegnen und zuzuhören. Neue Ideen für die Zukunft sind gefragt. Das Buch bietet durch die sperrige Sprache hier leider nur einen beschränkten Zugang. Der derzeit praktizierte Kapitalismus aber ist eine Ökonomie, Ökologie und Zukunft zerstörende Gesellschaftsform und muss verbessert werden, um nicht mitsamt der Demokratie unter die Räder zu kommen. Die Lüge vom sich selbst regulierenden völlig liberalen Markt (Bankenrettung, Leitzinsen, ungebrochenes Wachstum, Verbesserung des Lebens aller Menschen) ist nicht mehr zu halten.  Die Ereignisse der letzten Jahre legen Zeugnis ab von dieser erschreckenden Tendenz. (Gespannt wer alles in den Panama Papers genannt werden wird darf man ebenfalls sein.)

Einen Satz aus dem Kommunistischen Manifest wird sicherlich jeder unterschreiben können:
Dass „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“

Also bitte, bildet euch eure eigene Meinung zu den Ideen aus der Mottenkiste der Industrialisierung …

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 09. März 2012
  • Verlag : Ullstein
  • ISBN: 978-3-550-08856-8
  • Gebunden: 288 Seiten

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