Concorde-Effekt Realitätsflucht oder kindliche Freude

Ich liebe Comic Strips, Graphic Novels und Karikaturen, wenn sie meine persönlichen Ansprüche erfüllen. Diese sind allerdings variabel. Ausschlaggebend ist das Niveau, wobei das dann gerne sprachlich oder stilistisch, politisch, ironisch oder sarkastisch sein kann. Die Erzählung an sich ist ebenfalls ein wichtiger Punkt. Gut erzählte Comics mit Anspruch, die mir auch noch zeichnerisch gefallen, sind rar. Hier fällt mir spontan Brian K. Vaughans und Fiona Staples geniale „Saga“ Story ein, die derzeit von den beiden leider eingefroren wurde. Wann Band 10 erscheint, steht in den Sternen.

Klare, strukturierte Zeichnungen sind ebenfalls wichtig und die politische oder gesellschaftskritische Aussage muss zu meiner Bubble passen. Poetisch darf es auch gerne mal sein, aber diese sind so selten, dass mir dazu nur Shaun Tan, der eigentlich den Genres Comic oder Graphic Novels gar nicht zugehörig ist, oder Ein Ozean der Liebe“ von Lupano und Pannacione, einfällt. Vor einiger Zeit, habe ich „Ekhö – Die Spiegelwelt“ endeckt. Toll gezeichnet, interessante Fantasy-Welt, also fantastisch gutes Setting, aber, nun ja, die Geschichte an sich kommt nicht voran. In jedem Band aufs Neue begibt sich die Protagonistin Ludmilla mit ihren Sidekicks in ein anderes Abenteuer. Klärt Morde auf, indem die Geister der Verblichenen von ihr Besitz ergreifen, bis das Rätsel gelöst ist, und reist dabei durch die Welt: Hollywood, Paris, Barcelona, Texas, London, Manhattan und aktuell Nairobi. Nebenbei erfahren die Leser einige kleine Details über die (vermutlich) wahren Herrscher dieser Alternativwelt ohne Strom und Umweltzerstörung, die Preshauns.  Intelligente, nagetierartige Kreaturen, die bei zu wenig Teeeinnahme zu furchterregenden, riesigen Monstern mutieren. All das ist technisch gut gemacht, sprachlich noch erträglich, ab und an ganz witzig und speist sich aus Ludmillas und Juris altmodisch anmutender Screwball – Beziehung, die davon lebt, dass die beiden sich sexuell anziehend finden, sich aber angeblich nicht sonderlich mögen und immer wieder mit ihren Ansichten und Vorgehensweisen kollidieren. Verbrämter Sexismus, à la Männer und Frauen sind unterschiedlich, „starkes“ Geschlecht versus „manipulatives verführerisches Geschlecht, es ist abgemildert, doch die haarsträubenden (deswegen ändert sich Ludmillas Frisur, wenn ein Geist ihren Körper übernimmt wahrscheinlich)  Klischees sind erkennbar vorhanden.

Zusammengefasst: Das Mysterium um die Preshauns und diese Spiegelwelt parallelel zur realen Welt, die Wiederholungen mit immer neuem Setting, und die On-and- off Lovestory der beiden –  im ersten Band während des Flugs nach New York in diese Alternativerde katapultierten –  Abenteurer ist ein wenig mau. Abgesehen von den außergewöhnlich gut gefertigten Zeichnungen ist die Spiegelwelt intellektuell betrachtet, einfach nur ein, fast komplett anspruchsloser, Comicband mit recht dünner Geschichte. Schon witzig und nett, teilweise ein ganz klein wenig politisch und gesellschaftskritisch, aber weit entfernt davon, kraftvolle Aussagen zu machen. Womöglich sehr subtil indoktrinierend, hauptsächlich Unterhaltung, die Vergnügen bereitet oder auch Unbehagen angesichts der Darstellung der Protagonisten die optisch ihrer jeweiligen Rolle und dem „dazugehörigen“ Schönheitsideal deutlich entsprechen. Spätestens nach dem fünften Band „Das Geheimnis der Preschauns“ war mir das klar. Mein ebenfalls comicaffiner Mann ist gelangweilt schon früher ausgestiegen und trotz allem liegt hier nun Band 9 vor mir. Sammleleidenschaft, Concorde – Effekt? Ich weiß es nicht, fürchte aber den nächsten Band brauche ich auch. Das Geheimnis hinter der Existenz der Preshauns hält mich gefangen, die Zeichnungen sind Augenschmaus, da sind die dünne Geschichte und die Business-as-usual Dialoge zweitrangig. Während des Lesens bin ich bestens unterhalten und genieße die künstlerische Opulenz in prallen oder landestypisch angemessenen Farben (Urwald ist immer genial). Eine kleiner, feiner Trip aus der Realität, der erst nach Beendigung des Bandes die Frage aufstellt, wieso ich dafür Geld aussgegeben habe, obwohl das Niveau zumindest hinterfragenswert ist. Bin ich so seicht gestrickt? Wie auch immer, egal, der zehnte Band wird wohl ebenfalls noch angeschafft werden, es gibt (bisher) kein Halten. Christophe  Arleston und Alessandro Barbucci haben mich in der Tasche. Bin gespannt, welchen Teil der Welt sie sich für Ludmilla Tiller und Juri Podrov im nächsten Band einfallen lassen und ob sich weitere Puzzleteile zur Existenz dieser seltsamen aber wunderschönen Welt ergeben. Mein inneres Kind liebt die Spiegelwelt, so why not.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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