Wir hätten es wissen müssen

Das Letzte, was er wollte ist die Geschichte einer jungen Frau, die Dingen zu sehr auf den Grund gehen musste. So sehr, dass es anderen Menschen auffiel. Menschen, deren Aufgabe es ist, Dinge unter Verschluss zu halten und diejenigen, die sie ans Tageslicht befördern wollen kalt zu stellen. Auf welche Weise auch immer. Erzählt wird die Geschichte von einer anderen jungen Frau, die Dingen ebenso auf den Grund gehen muss, früher gemeinsam mit der zuerst Genannten. Und weil sie beide von dieser Wahrheitsliebe infiziert und furchtlos waren, übersahen sie Dinge, trauten den falschen Menschen und haben Einsichten gewonnen, die hoch komplex und schwer zu verdauen sind. Das Letzte was er wollte ist die Geschichte von Elena McMahon, früher Elena Janklow und später Elise Meyer – die eine unwägbare Komponente, die die Gleichung nicht mehr aufgehen lassen konnte.

Da denkt man, man hätte alles voll im Griff, und dann muss man feststellen, dass man verdammt noch mal nichts im Griff hat.
Denn glauben Sie mir, was dabei herausgekommen ist, war wirklich verdammt schlimm.“

Joan Didion ist eine der großen Schriftstellerinnen, die auch ihren Romanen ihr außerordentliches journalistisches Gespür und Können einfließen lassen. Ihr luzider und genauer Stil treibt die Lektüre voran, obwohl der hochkomplexe Inhalt, der sich aus den Informationen, die Elena McMahon erhält, ergibt, teilweise dazu zwingt, innezuhalten und zurück zu blättern, will man der Triebkraft, die dazu führt, dass Elena die Geschäfte ihres Vaters, über die sie als Kind schon nicht allzu viel wissen wollte, zu einem Abschluss führen will. Anfänglich als einfache Bitte eines Vaters an die Tochter, ihm bei dem großen Geschäft seines Lebens zu helfen, weil er nicht mehr dazu fähig ist, an Elena herangetragen, entpuppt sich die ihr gestellte Aufgabe als etwas völlig anderes, als sie zu sein scheint.

Schon frühzeitig fragt man sich als Leser*in, wer diese nicht allwissende, aber doch äußerst gut informierte Erzählerin ist, die Didion auf die Spur tatsächlicher Ereignisse und Verstrickungen des Präsidentschaftswahlkampfes, der die USA 1984 beschäftigte, setzt. Sie besitzt offensichtlich mehr Information, als es 1984 sein kann, was sich aus der Tatsache erklärt, dass sie Jahre lang recherchiert hat, bevor sie Mitte der 1990er Jahre mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit geht. Doch inwiefern man ihr trauen kann, wie zuverlässig sie ist, bzw. wem man tatsächlich in welchem Kontext vertrauen kann, das ist für mich die zentrale Frage, die Joan Didion äußerst geschickt durch die Konzeption ihres Romans und die Einbindung journalistischer Techniken von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene hebt. Denn dazu kommt noch ein Spiel mit Identitäten, das nicht nur für die Hauptprotagonistin gilt.

Zeitlich siedelt Didion die Geschehnisse um Elena McMahon also 1984 an. McMahon ist nach investigativen Recherchen plötzlich dem Wahlkampftross um die Präsidentschaftskandidatur zugewiesen worden. Eine Tatsache, die ihr nicht gerade positiv auffällt, sie aber in die Lage bringt, bei offiziellen Anlässen, wie Pressekonferenzen, unangenehme Fragen zu stellen. Das fällt natürlich auf. Didions realer Hintergrund dazu sind die Ungereimtheiten der Iran-Konteraffäre, die nie tatsächlich aufgeklärt wurden. Und so wie die Erzählerin versucht, die Ereignisse um McMahon aufzudecken, so liegt das Interesse Didions auf struktureller Ebene begründet. McMahons Fragen gleichen einem Dominostein, der hochkomplexe, absolut schnelle und dennoch kühl geplante Ereignisse in Gang setzt, die kaum durchschaubar sind.

Wie Didion die inhaltliche Komponente auf den strukturellen Aufbau des Romans überträgt ist meisterhaft. In der Lektüre mag das das eine oder andere Mal den Lesefluss zwar kurzzeitig unterbrechen, führt aber gleichzeitig dazu, sich tiefer gehend mit den beschriebenen Verbindungen zu beschäftigen. Das ist grandios und mir ist nicht klar, weshalb dieses Können so wenig Niederschlag innerhalb der literarischen Szene hierzulande erzeugt. Mag sein, dass es daran liegt, dass man diesen Roman schon kennt – ich kannte ihn nicht und so geht es sicher vielen anderen Leser*innen auch – aber das schmälert doch die Güte dieses Werkes nicht. Vielleicht ist es auch das Etikett „moralischer Thriller“, das auf dem deutschen Buchmarkt ganz offensichtlich andere Signale aussendet, als auf dem amerikanischen und die Rezeption somit eher negativ beeinflusst.

Die Netflixproduktion, die zugegebenermaßen inhaltlich etwas von der Romanvorlage abweicht und dabei ein wenig zu deutlich macht, worum es Didion genau geht, könnte für viele Leser*innen einige Aha-Effekte aufweisen. Danach noch einmal das Buch zur Hand zu nehmen, würde weitere Lesarten möglich machen und das ein oder andere Urteil revidieren. Ich jedenfalls finde es sehr schade, dass solch ein brillant strukturierter und geschriebener Roman, so wenig Aufmerksamkeit erhält, wie es mir zumindest scheint. Die Autorin sogar mit der Empfehlung „Schuster bleibt bei deinen Leisten“ in die journalistische Schublade zurückgesteckt wird. Brillanz in Sprache, Stil und Struktur schließen Spannung und damit Unterhaltung ja nun einmal nicht aus.

Ob sich damit andere Zielgruppen erschließen ließen, weiß ich nicht, da Joan Didion es ihrer Leserschaft insofern nicht leicht macht, als dass sie nichts auf dem Silbertablett präsentiert. Hier ist aktives Mitdenken angesagt und wer lieber alles auserzählt bekommt, der wird hier wohl nicht ganz glücklich werden. Aber die Leerstellen, die Didion lässt, sind gewollt und versetzen uns Leser*innen automatisch in die gleiche ungewisse Lage, in der sich Elena McMahon befindet. Das muss man aushalten. Denn im Grunde ist es das größte Kompliment, das eine Autorin ihren Leser*innen machen kann, wenn sie sie für fähig hält, eigene Schlüsse zu ziehen, sich über den Text hinaus mit den präsentierten Inhalten zu beschäftigen.

Und gleichzeitig schafft Didion mit dem Zutrauen in die Leserschaft und dem gebotenen Setting eine auf viele Geschehnisse übertragene Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit, die eben nicht im Aufzeigen einzelner Situationen stecken bleibt, sondern im Verborgenen gedeihende Strukturen herausstellt. Und das ist es doch, was wir uns von Literatur erwarten!

Es gab die ganze Zeit über Hinweise, Anzeichen, die wir hätten zur Kenntnisse nehmen, auswerten, überprüfen müssen: hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Lage im Allgemeinen. Nehmen wir nur einmal den Tag, an dem uns auffiel, dass die Banken ihre Kredite für sämtliche Einkaufszentren gekündigt hatten, nehmen wir den Tag, an dem uns auffiel, dass jemand seine Kredite für sämtliche Banken gekündigt hatte. Nehmen wir den Tag, an dem uns auffiel, dass wir, wenn wir eine gebührenfreie 800er-Nummer wählten, um Geschäfte in Los Angeles oder New York zu tätigen, nicht mehr mit Los Angeles oder New York telefonierten, sondern mit Orlando oder Tucson oder Greensboro, North Carolina. […] All das hätte uns alarmieren müssen, hätte ausgewertet werden müssen, aber wir mussten schnell weiter. Wir reisten mit leichtem Gepäck. Wir waren jünger. Auch sie war jünger.“

Absolute Leseempfehlung, auch für Joan Didions andere Texte.

Das Letzte, was er wollte von Joan Didion ist als Hardcover im November 2019 bei den Ullsteinbuchverlagen erschienen. Für mehr Information zum Buch durch Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

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