Das Violinkonzert

csm_produkt-10005816_7aed97c7bcDie Baubranche hat mich an sich nie großartig interessiert. Sicher: Überall wird gebaut, gefühlt immer. Es gibt kaum eine Zeit, in der nicht irgendwo um einen herum Bauzäune sind, Baugruben ausgehoben, Häuserwände hochgezogen werden. Und plötzlich, meist nach erstaunlich kurzer Zeit, ist das Gebäude fertig, die Rückabwicklung der Baustelle beginnt, die Gewerke verstopfen nicht mehr die Straße, die Bauzäune verschwinden … dafür geht das gleiche Spiel zwei Straßen weiter wieder los. Nervig!

Durch meinen Mann habe ich dann Einblicke in die Tiefen einer Großbaustelle hautnah, direkt und ohne Filter miterlebt und festgestellt, dass so etwas ein unfassbarer Koordinationswahnsinn ist, ein echtes Meisterwerk des Projektmanagements. Wie da Zeitpläne auf Din-A-0-Format gedruckt an der Wand hängen, verschiedenste Gewerke koordiniert und aufeinander abgestimmt werden müssen – lauter Rädchen, die ineinandergreifen, überall wuselt es, es herrscht scheinbar das blanke Chaos, bis sich irgendwann der Nebel lichtet und man die Struktur erkennt – und dann ist das Gebäude schließlich fertig und nichts lässt mehr Rückschlüsse ziehen darauf, wie turbulent es an diesem Ort zuging, bis endlich die letzte Schraube festgedreht und der letzte Mörtelstrich getan war.

Nicht ein Großprojekt, sondern gleich drei hat Vorstandsmitglied Luka Pfeil von der Deutschen Bau AG im vorliegenden Wirtschaftskrimi „Bausünden“ zu jonglieren. Chaos und Turbulenzen sind da vorprogrammiert. Der humorige Manager aus Bayern ist neu im Unternehmen, erfahren und (dennoch) hochmotiviert. Er stürzt sich in sein erstes Baustellenabenteuer der neuen Firma, nämlich La Fenice in Venedig, das von italienischen Bauleuten abgefackelte Opernhaus. Dieses gilt es wiederaufzubauen. Sein Vorgänger hatte den Deal eingefädelt – Luka Pfeil darf die Suppe auslöffeln. Der Deal ist hahnebüchen: Ein Pauschalpreis, kaum zu erklären, wie sich dieser errechnete, ein viel zu ehrgeizig angesetzter Termin zur schlüsselfertigen Übergabe und dazu noch italienische Bauleute, die den Deal mit der deutschen Firma zu boykottieren versuchen, Baustopps einlegen, den Weitergang der Arbeit behindern. Ein Alptraum, weswegen Pfeil eines frühen Morgens aus München nach Venedig reist, um mit dem Bürgermeister über den Stand der Dinge zu sprechen. Doch es scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben: Der Bürgermeister lässt ihn nicht abholen, er verschiebt den Termin, Pfeil verliert sein Handy, das fortan auf dem Boden des verdreckten Canal Grande sein Dasein fristet.

Während er gerade an der Rialto-Brücke einen Cappuccino schlürft und sich von seinem deutschen Mitarbeiter Lukele vor Ort den Ernst der Lage schildern lässt, klingelt das Telefon des Mitarbeiters. Pfeils Sekretärin hat Wege und Mittel gefunden, trotz Handyverlust an ihren Chef heranzukommen. Von jetzt ab hat Lukele keine ruhige Minute mehr, sein Telefon surrt und summt … Die nächste Hiobsbotschaft flattert herein, doch der lockere Pfeil bleibt gelassen: Die Tudjman-Brücke in Dubrovnik soll gebaut werden, ebenso die Autobahn bei Zagreb, der Auftrag wird ausgeschrieben. Pfeil muss am nächsten Tag nach Kroatien fliegen, der Minister höchstpersönlich will ein Treffen mit ihm.

Und dann gibt es da auch noch den Plan, ein großes neues Stadion in München zu bauen – auch hier will die Deutsche Bau bei der Auftragsvergabe mitmischen. Langweilig wird es dem neuen Vorstandsmitglied also sicherlich nicht.

Nun kommen bei allen Projekten immer mehr Blicke hinter die Kulissen, Pfeil ist erstaunt, was sich da alles an Abgründen auftut. Von dezenten Bestechungsversuchen über Drohungen zu unlauterem Wettbewerb ist da alles dabei.

So zum Beispiel die venezianische Bürgermeistersekretärin Soletti, die, vom Ehrgeiz zerfressen, so scheint es, hinter ihm her ist, um ihn zu überzeugen, die italienischen Bestechungsversuche doch noch anzunehmen – oder ist sie schlicht in ihn verliebt? In Kroatien bietet man ihm äußerst lukrative, jedoch leider eher illegale Geschäfte mit Libyen an – und auch hier ist die hartnäckige Soletti plötzlich wieder dabei und spielt auch noch Geige für ihn – und bei der Auftragsvergabe für das große Münchner Fußballstadion bemerkt Pfeil ganz schnell, dass er und seine Firma anbieten können, was sie wollen, die Entscheidung scheint eh bereits gefällt worden zu sein.

Und so bricht Pfeil genervt aus dem Zirkus des Arbeitsalltags aus und macht einen kurzen Tripp in die Berge mit einem alten Freund. Den Kopf frei kriegen, neue Energie sammeln. Eine halsbrecherische Kletterroute nehmen sich die beiden vor, doch haben sie dabei nicht bedacht, dass Pfeil schon seit Jahren nichts derart Anspruchsvolles mehr geklettert ist. Verrennen sich die beiden reiferen Herren da in gefährlichen Studienzeitträumereien?

Jörg Eschenbach ist mit seinem Roman ein abstruses Spektakel, ein wenig im Stile eines Schelmenromans, gelungen. Sein Protagonist und Alter ego, so denke ich, Luka Pfeil nimmt so manche ausweglos scheinende Hürde und landet auch mal nackt im Canal Grande, ohne an Würde und Prestige zu verlieren. Sein bayrischer Charme kombiniert mit seinem messerscharfen Verstand machen ihn zu einer kaum bezwingbaren Waffe im undurchschaubaren Baubranchen-Dschungel. Dabei lässt der Autor jede Menge echtes Hintergrundwissen in seinen Roman einfließen, ein Anhang mit Fakten und Erläuterungen zu den aufgeführten Personen und Unternehmen zeigt, wie nah das Geschilderte an der Wirklichkeit ist – nur manche Szenen sind abstrus-absurd auf die Spitze getrieben und überzeichnen bewusst die Realität.

Ein Roman, der sich schnell weglesen lässt, der eine gute Wochenendlektüre bietet für kommende kalte, nasse Herbsttage. Hier erwarten einen keine literarischen Höhenflüge, sondern bodenständige Erzählkunst aus bayrischen Gefilden. Eschenbach selbst hat Jahrzehnte in Baugesellschaften gearbeitet, kennt die Branche in- und auswendig und hat als ehemaliger Topmanager ein tiefgehendes Insiderwissen.

Guter Lesestoff für alle, die gern mal über den Tellerrand schauen und in die Welt der baulichen Großprojekte eintauchen wollen.

Bausünden von Jörg Eschenbach ist am 5. August 2019 bei Piper im Taschenbuch erschienen. Mehr Informationen über einen Klick auf das Cover zum Buch oder über die Verlagsseite.

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