Eiseskälte und verätzte Speiseröhren

Diesen dänischen Krimi von Katrine Engberg im Hochsommer bei dreißig Grad Hitze zu lesen, kann ich wärmstens – ähm kältestens – empfehlen, denn schon auf Seite eins begann ich bei den grandiosen Beschreibungen des klirrend kalten Kopenhagens zu frösteln und auf Seite fünf fror ich bereits ordentlich, ob der treffenden, genauen und plastischen Schilderung des Wetters, des Ambientes, der Stadt und der Straßenbedingungen. Wenn Ihr das Buch im Winter lesen wollt, legt Euch bitte mindestens das Strickjackerl und die warmen Socken parat – besser wären noch Daunenjacke und Moon-Boots – Ihr werdet sie brauchen.

Eigentlich ist es sehr ungerecht, in einer Krimiserie bei Band zwei einzusteigen und sich dann eventuell über die mangelnde Figurenentwicklung beklagen zu müssen, aber ich kann erfreulicherweise berichten, dass mir keine Information abgegangen ist und die Tiefe der Figuren nicht nur ausreichend, sondern grandios konzipiert ist. Klar kommen auch Protagonisten aus dem ersten Band vor, aber ihre Vorgeschichte ist entweder nicht so relevant für diesen Plot oder sie wird eben hinreichend thematisiert.

Im Setting der skandinavischen Düsternis ist die Kriminalpolizei Kopenhagen mit Morden durch Abflussreiniger in der SchickiMicki-Gesellschaft konfrontiert. Diese Taten werden schon sehr grausam geschildert, aber nicht ganz so detailliert brutal wie bei Jo Nesbø, bei dem mich regelmäßig das Würgen beim Lesen heimsucht.

Den Modezar Alpha Bartholdy hat es also erwischt, die Mordwaffe ist ein Cocktail gemischt mit Abflussreiniger und am nächsten Tag stirbt auch noch eine weitere Promi-Dame während einer anderen Party auf dieselbe Weise.

Das Kripo Team rund um Jeppe Kørner und Anette Werner führt die Ermittlungen, wobei der Protagonist Jeppe sich bald in den Hintergrund zurückziehen muss, ist doch sein bester Freund und Schauspieler Johannes Hauptverdächtiger und Gegenstand der Ermittlungen. Doch Jeppe kann das einfach nicht akzeptieren und versucht, eigenen Spuren nachzugehen.

Die Figuren sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Traumata, Beziehungsproblemen, Ressentiments, schlechter Kondition und pathologischen Blutfett- und Insulinwerten. Die tiefe Figurenentwicklung ist ja meiner Meinung nach eine der typischen Stärken von weiblichen Kriminalautorinnen, die Schwächen sind – auch meiner Meinung nach – immer diese romantischen Szenen der Protagonisten und deren schwülstige Begierden. Bis Seite 215 kam erfreulicherweise für mich nichts davon vor, aber dann – die typische weibliche Krimileserin wird es freuen – gab es schlussendlich doch die so unvermeidliche romantische Verwicklung. Sie war aber nicht so breit ausgewalzt, dass sie mich sehr störte, sondern dezent in den Plot eingewoben.

Sprachlich war das Ambiente und die Szenerie für mich sehr bildhaft, klug und großartig konzipiert, des Öfteren blitzte sogar einiges an Witz zwischen den Zeilen und den tragischen Ereignissen hervor.

Manchmal war ein Gespräch mit Anette Werner wie ein Furz im Käseladen, die Worte verhallten unbemerkt.

Neben ihr posierten zwei junge Mädchen trotz der Eiseskälte in kurzen Röcken vor ihren iPhones, überprüften das Resultat und begannen noch einmal von vorn, mit Kussmund und in die Seiten gestemmten Händen. Vermutlich hatten sie einen Filter, mit dem sie ihre blaugefrorenen Knie kaschierten, bevor die Fotos auf ihrem Blog landeten.

An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.

Abgesehen von Polizeiassistent Jeppes Freund Johannes legt die Autorin im rasanten Plot auch eine Menge an Fährten und Spuren aus, die der Leser*in ein lustiges Mörderraten gewährleisten. Diesmal lag ich sogar fast richtig und nur knapp – ein ganz kleines bisschen – daneben, was mich auch auf mein investigatives Talent stolz sein ließ, aber die Handlung trotzdem nicht so durchschaubar machte, weil eben am Ende doch noch ein kleiner Twist als Überraschung dargeboten wird. Die Motivlage ist übrigens plausibel und nicht an den Haaren herbeigezogen, also alles paletti.

Fazit: Ein guter, solider skandinavischer Krimi in gewohnter Qualität mit Gruselfaktor, aber nicht nur vordergründig ob der grausamen Morde, sondern vor allem wegen des gut beschriebenen Settings des vereisten Kopenhagens. Ich kann ihn empfehlen.

Blutmond von Katrine Engberg ist 2019 im Diogenes Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Eiseskälte und verätzte Speiseröhren

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