Menschliche Ersatzteillager

Dieser Roman von Heidi Emfried hat keine meiner Vorurteile bestätigt und mich positiv überrascht. Ich vermutete nämlich, dass ein österreichischer Regionalkrimi, als Erstlingsroman von einer Frau erzählt mit einem Schuss Romantik, punktgenau für das nach Schmalz lechzende weibliche Zielpublikum, viel dramatischer Figurenverwicklung und einem aufregendem Finale im Plot sicher nicht für mich funktionieren kann. Ich habe mich sehr geirrt, denn dieser Krimi hat so fast gar keine der von mir befürchteten Komponenten und hat mir deshalb wirklich gut gefallen.

Erstens ist die Regionalität recht wenig ausgeprägt, denn die Handlung spielt durchaus sehr international in Wien bzw. in der Umgebung der Stadt und in Kalkutta und die Locationbeschreibungen des Wiener Plots sind auch nicht extrem ausufernd und liebevoll. Schwülstige Romantik mit zitternden Knien gibt es gar keine, obwohl natürlich eine neue Beziehung im Leben des Kommissars Leo Lang eine Rolle spielt, die aber recht pragmatisch abgewickelt wird – typisch für einen Polizisten, der sich mit Mord und Totschlag beschäftigt. Die Figuren sind dennoch gut mit viel Hintergrund entwickelt, aber nicht im effektheischenden Sinne mit einem kriminalistischen Drama in der Vergangenheit des Protagonisten, sondern mit einem ganz normalen Krankheits-Tod der Tochter im Lebenslauf des Kommissars, was natürlich seine Ehe zertrümmert hat, worauf aber nicht wirklich detailreich eingegangen wird. Auch die Zusammensetzung des Ermittlerteams und die Beziehungen untereinander werden psychologisch und soziologisch sehr gut aufgerollt.

Und jetzt kommt einer der beiden Punkte, die mir am besten gefallen haben. Die Leiche eines kleinen blonden Jungen, der nicht aus Österreich stammt und von dem es auch keine internationale Vermisstenmeldung oder Hinweise auf seine Herkunft gibt, wird in der Wiener Lobau gefunden. Mysteriös und sehr ungewöhnlich, der Fall – wahrscheinlich was mit Organhandel – das Kind, dem eine Niere entnommen wurde, ist HIV-positiv. Da hier Profis am Werk waren und auch keine verwertbaren forensischen Beweise vorhanden sind, spielt diesmal weniger die kriminaltechnische Untersuchung im Labor eine Rolle, sondern die Ermittlungen werden tatsächlich von der Polizei vorangetrieben. Strukturiert fast schon technokratisch beschreibt die Autorin, wie bei ganz langweiliger klassischer Polizeiarbeit vorgegangen wird. Die akribische Spurensuche, die im Umschlagtext genannt wird, trifft den Nagel tatsächlich auf den Kopf. Ein Fall, bei dem weder Opfer noch Täter bekannt sind und das Opfer lange nicht identifiziert werden kann, wird systematisch aufgerollt: 3D-Modelling der verstümmelten Leiche, Systematisierung der Bevölkerungshinweise in A, B und C Hinweise und der strukturierte Umgang mit den Tipps, Befragungen der Hinweisgeber, Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nach potenziellen Krankenhäusern und Arztpraxen, in denen die Niere entnommen werden konnte, Analyse der Kleidung des Jungen … Diese systematische Durchleuchtung der Autorin von klassischer Polizeiarbeit hat mir sehr gut gefallen. Kein Wunder, dass sie das so gut strukturiert konzipiert hat, schließlich hat sie Informatik auf meiner Universität, der Johannes Kepler Uni in Linz studiert und bis zu ihrer Pensionierung in der IT gearbeitet, bevor sie Schriftstellerin wurde. Da hat sie das Systematisieren von der Pike auf gelernt.

Vor dem letzten Viertel des Romans fiel es mir wie Schuppen von den Augen und da komme ich zu jenem Punkt, der mich am meisten begeistert hat. Zuerst dachte ich noch, die Fährte, die Frau Emfried auslegte und der ich folgte, ist entweder ein Hirngespinst meinerseits oder führt in die Science Fiction. Nach Befragung von Dr. Google wurde ich aber eines besseren belehrt. Uiuiui 😀 , da hab ich in den letzten drei Jahren die wissenschaftlichen Fortschritte in der Genetik total verpasst, beziehungsweise ignoriert. Wirklich toll, wie die Autorin Revolutionen in der Genetik seit 2013 glaubwürdig und konsistent mit wissenschaftlichem Hintergrund in den Plot einfließen lässt – die Story klingt zwar total abgedreht, aber meine Recherche zeigte, dass diese Handlung nun wirklich keine Science Fiction mehr ist und tatsächlich genauso im Jahr 2018 hätte passiert sein können. Mehr möchte ich nun nicht mehr verraten, viele können sich ohnehin schon einiges aus meinen Hinweisen zusammenreimen.

Das Ende der Geschichte und die Ausforschung der tatsächlichen Täter bot letztendlich für mich ein bisschen wenig Überraschung, was mich natürlich doch etwas an meinem lustigen Mörderraten hinderte.

Sprachlich hat mir der Krimi gut gefallen, die Autorin ist eine punktgenaue, messerscharfe und pointierte Beobachterin. Zum Beispiel zitiert sie eine Analogie zwischen Koriander und der Palmolive-Werbung, wohl wissend, dass für manche Menschen auf Grund von genetischen Komponenten Koriander wie Seife schmeckt.

„Magst Du Koriander?“ […]
„Koriander? Äh ich glaube schon, überlasse ich Dir. Wie sieht der aus?“
„Du zufpst ihn gerade ab“, sagte Leo. Er fühlte sich an die Palmolive Werbung aus den Achtzigern erinnert, bei der der Hausfrau von einer Expertin eröffnet wurde, dass sie gerade ihre Hände in Spülmittel bade. […] Er wartete gespannt – bei Koriander gibt es nur lieben oder hassen.

Oder auch diese Uniformen der Stewardessen, der Austrian Airlines. Jeder Österreicher, den ich kenne, hat sich bei einem Flug schon mal über die Strumpfhosen mokiert.

Da sie außer Dienst war, trug sie saloppe Alltagskleidung, was ihr wahrscheinlich ohnehin viel besser passte als die AUA-Uniform, die Lang überhaupt nicht gefiel. Das viele Rot, besonders bei den Strümpfen, stand den wenigsten, fand er.

Fazit: Ein guter internationaler Krimi mit einer spannenden wissenschaftlichen Ausrichtung bezüglich Genetik, Informatik, Materialkunde und Psychologie. Für manche vielleicht mit zu wenigen dramatischen Effekten und zu langsamem Tempo, in diesem Fall für mich aber nicht, denn dieser qualifizierte Blick hinter die Kulissen wog für mich alles auf.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 29. Jänner 2018
  • Verlag: Verlag Anton Pustet
  • ISBN: 978-3-7025-0893-7
  • Hardcover: 360 Seiten

8 Gedanken zu “Menschliche Ersatzteillager

  1. Ja meinen Mann der riecht das auch – also Dich kann man wahrscheinlich leicht vergiften da könnte man einen Krimi drüber schreiben 😜😂
    Aus Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Cyanwasserstoff
    „Nach verbreiteter Auffassung geht von Blausäure ein charakteristischer Geruch nach Bittermandeln aus. Der tatsächliche Geruch der Substanz wird jedoch in der Literatur nicht einhellig so beschrieben und von manchen Menschen abweichend wahrgenommen, z. B. „dumpf“ oder „scharf“. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung nimmt den Geruch von Blausäure überhaupt nicht wahr (siehe auch Handhabung).“
    Genetische Wahrnehmungseinschränkung

    Mehr als ein Viertel der Bevölkerung kann den Geruch von Blausäure nicht wahrnehmen, häufig wird die Wahrnehmung durch Lähmung der Geruchsnervenzellen verhindert.[21][22][23] Es müssen daher besondere Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit Blausäure getroffen werden. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit berücksichtigt dies bei Eignungsuntersuchungen von Befähigungsscheinbewerbern für Begasungen bzw. Schädlingsbekämpfung.[24]

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  2. ja in den Kernen ist sie drinnen und ich rieche sie sehr intensiv, deshalb schneide ich das Gehäuse gleich bei den Äpfeln raus, damit ich nicht auf einen Kern beisse, auch in den Marillen ist das in den Kernen drinnen, aber dieser Kern wird ja ohnehin sofort beim Verzehr mit der Hand rausgepfriemelt.

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  3. Das ist sehr rücksichtsvoll.
    Ich wusste gar nicht, dass man Blausäure riechen kann und sie in Äpfeln enthalten ist. Witzig kannte bisher niemand mit diesem Problem.

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  4. Bitte!
    Schon lustig so ca. 20-30% – ist eine grobe Schätzung von mir – mögen Koriander gar nicht. Ich frage immer bei Essenseinladungen vorab. Schwierig wird es bei Leuten, die noch nie Koriander gegessen haben, also wenig die Asiatische Küche kennen, sie bei mir aber gerne probieren möchten. Die sagen dann immer, „Mir schmeckt alles, ich habe mit gar nichts Probleme“, was in der Vergangenheit enorm in die Hose gegangen ist. Deshalb tendiere ich dazu, solche Neulinge den Koriander erst kosten zu lassen, bevor ich ihn in das Gericht hineinschmeiße und somit den Hauptgang für die Hälfte des Tisches ungenießbar mache.

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  5. Ich bin ja auch eine, die Koriander leidenschaftlich mag, könnte ich fast überall drüberstreuen. Bei Geruch und Geschmack gibt es ein paar so kuriose genetische Dispoisitonen, die man auch super in Krimis einbauen kann. Ich wusste z.B. bis vor ein paar Jahren nicht, dass manche Leute Blausäure nicht riechen können, in dieser Hinsicht also quasi duftblind und sehr leicht um die Ecke zu bringen sind. Für mich völlig unvorstellbar, ich kann nicht mal einen Apfel essen, bevor ich das Gehäuse nicht herausgeschnitten habe, so sehr graust mir vor dem Geruch, oder auch Papayakerne – würg.

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  6. Huhu!

    Eine interessante Rezension; zu dem Buch habe ich bisher noch gar nichts gehört, aber es klingt so, als könnte es etwas für mich sein. 🙂

    Ich gehöre übrigens auch zu den Menschen, für die Koriander wie Seife schmeckt… Mein Mann liebt eine Suppe mit Koriander, die es in manchen chinesischen Restaurants gibt, aber die schmeckt für mich absolut widerlich. Früher konnte ich mir nicht erklären, warum manche Gerichte für mich schmecken wie Spüli, bis ich das mit der genetischen Komponente mal irgendwo gelesen habe.

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

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