Verschwundene, Tote und Familienbande

pressebild_der-untergrundmanndiogenes-verlag_300dpi1Ab und an lese ich sehr gerne einen Krimi oder eine gute Detektivgeschichte. Spannend sollen sie sein, blutrünstig ist nicht so sehr mein Ding. Was mich tatsächlich einfängt aber ist eine gewisse Stimmung, die durch Figurenzeichnung, Ort der Handlung und den Sprachstil geschaffen wird. Im Grunde bin ich in diesem Fall sehr altmodisch, denn die Stimmung die mich am meisten reizt, kommt der eines Kammerspiels recht nah.

Häufig sind es die Klassiker des Genres, die solch eine Stimmung erzeugen, weil sie mit einer direkten unverschnörkelten Sprache auskommen und nicht zu viele Nebenschauplätze eröffnen, damit der Leser nicht gleich auf Seite drei bereits die Lösung des Falls präsentieren kann. Ich denke gerne mit, lasse mich auf mal auf eine falsche Fährte locken und ein bißchen Film Noir darf sich dabei gerne in meinem Kopfkino abspielen. Die Kirsche auf der Torte allerdings bildet eine gesellschaftlich soziale Komponente, die solch einen Roman neben dem Unterhaltungswert Tiefe verleiht.

Ross Macdonald war mir bis vor kurzem – das muss ich zu meiner Schande gestehen – überhaupt kein Begriff. Doch glücklicherweise gibt es in der Schweiz einen rührigen Verlag, der sowohl eine sehr starke Backlist pflegt, indem er immer wieder Neuauflagen und Neuübersetzungen von als Klassiker einzustufenden Autoren verlegt – neben den wunderbaren Debütautoren, die Jahr für Jahr dort auch eine reelle Chance erhalten.

Mein Horizont wurde also mal wieder erweitert. Der Name Ross Macdonald war das Pseudonym eines 1915 in Kalifornien geborenen Dozenten, der sich der Schriftstellerei wohl auch aus pekuniären Gründen zu wandte. Geschadet hat das seinen Romanen offensichtlich nicht.

Der Untergrundmann heißt sein bekanntestes Stück, in dem der Detektiv Lew Archer den verschwundenen – entführten? – Sohn seiner Nachbarin sucht, dabei auch noch auf die Fährte zweier ebenfalls nicht auffindbarer Teenager gerät, vor einem Waldbrand fliehen und schlussendlich Familienbande entwirren muss, um den Fall, der ihm im wahrsten Sinn des Wortes zugefallen war, zu lösen. Dabei tritt so manches zu Tage, was die Gesellschaft nicht nur in den 70er Jahren zum Beispiel in den USA prägte: Geheimnisse, verborgene Verbindungen, Vertuschung. Doch Archer ist ein klassischer Detektiv: zäh, aufrecht, unnachgiebig. Einer, dem man vertraut, der sich nicht hinters Licht führen lasst. Das macht Freude. Gerade in Zeiten, in denen man an der Realität und den angeblichen Wahrheiten verzweifeln könnte.

Für Fans des klassischen Detektivromans eine uneingeschränkte Empfehlung – für alle anderen, die sich gerne mal auf neues Terrain begeben natürlich ebenso.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 28. Oktober 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-30034-5
  • Taschenbuch: 368 Seiten

 

 

10 Gedanken zu “Verschwundene, Tote und Familienbande

  1. Interessant, zumal es auch insgesamt 18 Lew Archer Romane gibt. Ich liebe Krimis, in denen die Detektive oder Kommissare sich weiterentwickeln und so zu einem geliebten Buchheld werden.

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  2. Hi Gunnar, du kennst die Reihe ja ein wenig – also ich mache keine Vorschriften, sondern jeder sollte/könnte tatsächlich einen Klassiker vorstellen, der ihm persönlich wichtig ist. Bei Dir z.B. könnte ich mir vorstellen, der erste Krimiroman, der dir die Augen dafür öffnete, dass das auch richtig gute Literatur ist (abseits der leidigen Genregrenzen). Oder einen Kriminalroman, den du schon mehrfach gelesen hast – also dein ganz persönlicher Klassiker. Oder gibt es für dich einen Über-Krimi-Gott? So, wie manche Simenon gegen die Anfeindungen der Hochkulturkritiker verteidigen oder auf Chandler schwören etc … also, du hättest da sehr freie Wahl! So wie Marc ja mit Stephen King auch eine ganz andere Note in die Reihe brachte …LG Birgit

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  3. Ich habe kürzlich in einem Antiquariat auch einen Macdonald entdeckt und habe ihn direkt erworben, um diese Lücke zu schließen. Bin noch nicht zum Lesen gekommen, aber du hast mich jetzt nochmals angespitzt…

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