Die (Ohn)Macht des Einzelnen

9783869710082_10Satire ist eine Kunstform mit der Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden. Typisches Stilmittel der Satire ist die Übertreibung. (Wikipedia)

Übertreibung ist ein Stilmittel der Satire. Das erstmal für alle, die dieses Buch abstoßend finden. Abstoßend, die Wahrheit unverblümt zu sagen?! Nicht nur unverblümt, auch direkt und ohne wenn und aber? So etwas trauen sich leider nicht alle Schriftsteller. Karen Duve hat es mit Macht getan!

Wir befinden uns im Jahre 2031. Die Welt, so wie wir sie kennen, hat wohl noch fünf Jahre zu überdauern. Man(n) hat den Frauen den letzten Stab überreicht, damit diese die Welt aus der Scheiße holen. Klappt aber auch nicht so ganz. Da gibt es CO² Bezugsscheine für Fleisch und den Tank fürs Auto, da gibt es die Verjüngungspille, die einen auch wieder 20 Jahre alt macht, aber mit der Gefahr in den nächsten 5 Jahren an Krebs zu sterben. Olaf Scholz ist derzeit die männliche Bundeskanzlerin, umringt von lauter Ministerinnen. Die Frauen haben die Macht übernommen. Nicht so für Sebastian Bürger!

Seine Frau ist seit 2 Jahren verschollen. Nur er weiß, dass sie im Keller seines Hauses festgehalten und von ihm gefügig gemacht wird. Eine Allmachtsphantasie der Männer. Schon die erste Seite des Buches gibt darüber Auskunft, wie man sich einen Menschen untertan machen kann. Zwar muckt sie noch manchmal auf, doch im Prinzip hat er sie soweit. Sex wann er will, wie er will, sie kocht für ihn, betet ihn an und wenn sie zickt, wird die Kette kürzer gemacht.

„Gibt es etwas Schöneres als den Anblick einer Frau die sich auszieht? Während Christine mit gesenktem Kopf ihr Kleid aufknüpft, spüre ich, wie mein Herz das Blut mit kräftigen, gleichmäßigen Schlägen durch meine jugendlichen, völlig kalk-und-thromben-freien Adern treibt und wie die Freude am Leben und Herrschen darin mitschwimmt und jedes einzelne Körperteil erreicht. Es gibt keine Gleichheit zwischen Männern und Frauen, es gibt nur Sieger und Besiegte.“

Sebastian Bürger ist ein zwar angepasster Mann und arbeitet fleissig an der Weltverbesserung mit, aber das Streben hilft nicht. Die Umwelt geht zum Teufel, über seine Kleinstadt bei Hamburg toben Tornados, das Wetter spielt verrückt, und die Technik?:

„Hallo? Hallo? Hallo?… Man sollte es nicht für möglich halten. Jetzt schreiben wir das Jahr 2031, aber die Telefonverbindungen sind noch schlechter als in den Lassie-Filmen des frühen letzten Jahrhunderts, wenn der Vater von Timmy an einer Kurbel drehte und ‚Hallo? Hallo Verbindung?‘ rief.“

Bei einem Klassentreffen, die Frauen alle verjüngt auf 20 Jahre, die Männer meist dezent auf seriöse Ende 30 getrimmt, bringt es ein frühererMitschüler auf den Punkt, dass zwar die Welt vor den Hund geht aber was solls:

„‚Ihr müsst auch die guten Seiten sehen‘, sagt Bernie‘ Unsere Generation hat immerhin die beste Zeit gehabt, die die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte je erleben durfte: keinen Krieg, Alkohol und Essen in Hülle und Fülle, Dope, Autos, Fernsehen, Internet, Picture-Phones, Ego-Smarts, überhaupt jeden erdenklichen Luxus. Die ganze Zeit ging es aufwärts. Und bis vor Kurzem hatten wir ja sogar noch eine ziemlich gute medizinische Versorgung. Außerdem sind wir jetzt alle wieder jung. Dafür können wir eigentlich dankbar sein.’…“

Zynischer kann man es nicht sagen! Bei Karen Duve geht es nicht nur (zwar vordergründig) um die Macht Sebastian Bürgers über seine Frau, nein es ist die allgemeine Macht die um sich greift. Die Ohnmacht des Einzelnen wird zum: Jetzt ist mir alles egal. Man hat Macht über seinen Körper durch die Verjüngungspillen, Macht über die Zukunft indem man sie ignoriert, und irgendwie habe ich beim Lesen das leise Gefühl, dass wir heute schon so weit sind. Dass Karen Duve nicht weit weg liegt mit ihrer Beschreibung der Hybris. Aber auch alles wird übertrieben, aber so, dass immer noch ein, nein viele Körnchen Wahrheit darin liegen:

„Aber in letzter Zeit kann ich die Islamische Wurzel immer besser verstehen. Es muss angenehm sein, in einer Gesellschaftsordnung zu leben, in der man jeden, der dumme Scheiße redet, sofort körperlich züchtigen darf. Gleich auf der Straße, vor Ort noch rechts und links was an die Ohren. Tief befriedigend muss das sein.“

Irgendwie hat sich die Demokratie doch überholt und ist gescheitert! Warum tun wir denn noch so und machen nicht einfach alle, wie wir wollen. Die Religion zeigt es uns doch jetzt schon!

„Es geht ihnen nicht um den Willen des Herrn, sondern darum, sich als Religion mit politischem Herrschaftsanspruch zu positionieren. Jeder Staatsapparat ist machtlos, wenn nur eine genügend große Zahl von Menschen beschlossen hat, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. Deswegen geben religiöse Führer ja auch nie nach, sondern bringen ihre Anhänger gegen jede Vernunft und Menschlichkeit dazu, kleinen Jungen ein Stück vom Penis abzuschneiden oder ein lebendiges Tier aufzuschlitzen. Jeder Rechtsbruch, den ein Staat sich zu tolerieren gezwungen sieht, ist ein Sieg über diesen Staat. Ist uns egal, was in euren Gesetzbüchern steht, unser Gott will es so. Religionen sind totalitäre Systeme, und die Sehnsucht des Menschen nach Religion ist die Sehnsucht des Menschen nach totalitären Systemen.“

Bumm! Das sitzt! Und ist wie das ganze Buch so herrlich und erfrischend politisch unkorrekt. Es bereitet mir als Leser eine regelrechte Lust, in diesem Buch zu lesen, die Grenzen der Zivilisation aufzubrechen und Ja, Ja, Ja zu rufen!!! Und das sollte nicht nur ich als Mann, auch jede Frau sollte in diesen Übertreibungen ihre Wahrheiten suchen und sich amüsieren, immerhin ist das Buch ja auch von einer Frau geschrieben. Und eine Blogmitstreiterin hat das Buch auch so goutiert. Zu lesen HIER.

Was mich natürlich noch etwas erschreckt hat, ist die Figur des Sebastian Bürger. Äußerlich ein angepasster Mann, innerlich ein intelligenter Psychopath, der allen Männerphantasien unkoordiniert und unkorrekt freien Lauf lässt. Und so ein wenig liegen diese Phantasien bei vielen Männern unter der dünnen Schicht des Zivilisationslacks, wenn Man(n) ehrlich sein soll.

In dem Buch kumuliert bald alles zum Endchaos, eine der schönsten Figuren ist Ingo Dresen, ein Mann der alles auf die altmodische Art richten soll. Und war sie nicht um so vieles besser, die gute alte Zeit?

„Es sind nicht nur die Folgen des Polizeiknüppels, die mir Schmerzen bereiten, es ist vor allem die Erkenntnis, dass die Zivilisation, wie ich sie einmal kannte und schätzte, dabei ist, sich aufzulösen. Die Gesellschaft ist gewalttätig geworden, hat sich in lauter kleine Splittergruppen geteilt, die vor nichts zurückschrecken, und wenn sich einer beschwert, ruft man gleich die Bodyguards. Jetzt sieht man, wie stabilisierend einst die Unterdrückung der Frauen gewirkt haben muss und wie wichtig es wäre, diese Ungleichheit wieder einzuführen. Zivilisation lässt sich nur aufrechterhalten, wenn jeder Mann, und sei er noch so dumm, arm und unfähig, eine Frau zugeteilt bekommt, der er sagen kann, was sie zu tun hat. Ansonsten Gewalt und Chaos.“

Natürlich kann man Bürger nicht mehr ernst nehmen, so wie vieles nicht in dem Buch. Wer diese köstliche Gesellschaftssatire aber nur auf den Männer-Frauenaspekt reduziert, greift zu kurz und verpasst eines der Buch-Highlights in diesem Jahr!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 18. Februar 2016
  • Verlag : Galiani
  • ISBN: 978-3-8697-1008-2
  • Gebunden: 416 Seiten

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