Eine Tochter schaut zurück

ArztWantscho, „Der bulgarische Arzt“ und die um die 10 Jahre jüngere Rose lernen sich im vorigen Jahrhundert in der DDR kennen, verlieben sich und heiraten. Wantscho hat ein verkürztes Bein, seit er als Junge an Kinderlähmung erkrankt war. Aber er wird ein angesehener Arzt, ein Psychiater und Neurologe, den seine Patienten respektieren und mögen. Rose und er leben zunächst für einige Jahre in Bulgarien, wo sich die junge Deutsche nicht wohlfühlt, sie gehen dann in die DDR und fliehen schließlich in den Westen. Sie haben eine Tochter, Nelli, deren Rolle im Roman mit der Zeit größer wird.

Die Ehe ist nicht glücklich. Wantscho leidet unter Depressionen und ist Alkoholiker, und während er seinen Patienten gegenüber immer freundlich und höflich ist, fährt er zu Hause schnell aus der Haut. Nelli lernt schnell, dass sie den Vater auf keinen Fall verärgern darf. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist schwierig, die zwischen Mutter und Tochter sehr eng. Während Wantscho im Krankenhaus die Schwermut seiner Patienten mit all seinen Möglichkeiten bekämpft, gelingt ihm das bei seiner eigenen nur partiell.

Nicki Pawlows Roman „Der bulgarische Arzt“ umfasst die Familiengeschichte dieser drei, angefangen mit dem Kennenlernen von Rose und Wantscho. Dann ihre Zeit an den verschiedenen Orten, die Krisen, die Probleme und die eher spärlichen glücklichen Momente, das Heranwachsen Nellis, bis zum Ende, als Wantscho ein alter Mann ist. Besonders interessant sind dabei die Passagen, die sich mit zwei Themenkomplexen befassen: Zum einen die Zustände in den Psychiatrien in der DDR und auch in der BRD im letzten Jahrhundert. Pawlow beschreibt, wie man die Patienten behandelte oder auch ruhig stellte, teilweise wirkt das alles sehr verstaubt, manchmal unglaublich mit dem Wissen von heute. Zum anderen ist es die Flucht in den Westen, die sehr interessant zu lesen ist, die Vorbereitung, die Ängste der Familie, dann auch die Zeugnisse der Stasi, Briefe.

Pawlows Roman ist, so schreibt sie im Nachwort, zu großen Teilen autobiographisch. Hier und da wurde etwas hinzugefügt oder weggelassen, aber was wir lesen, hat sich wohl so ähnlich zugetragen. Das macht die Geschichte authentisch. Womöglich ist aber diese Stärke des Romans zugleich auch seine größte Schwäche: Zu Anfang etwa wird der Leser mit Namen bombardiert, die erwähnt und dann schnell wieder vergessen werden. Da wir keine Anhaltspunkte zu ihnen bekommen, keine Geschichten, Anekdoten, Begebenheiten, ist es schwer, sich all diese Personen inklusive Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsgrad zu merken. Wirklich dramatisch ist das nicht, da viele von ihnen in der Geschichte keine tragende Rolle spielen. Was schwerer wiegt, ist die Erzählweise. Ein wirklich gelebtes Leben gehorcht keiner literarischen Dramaturgie, es gibt wenige Möglichkeiten, in einem Roman einen Erzählbogen zu spannen, wenn man sich an die Fakten halten will. So reiht sich oft Episode an Episode. Die Figuren machen zudem keine nachvollziehbaren Entwicklungen durch. Hier wird alles direkt präsentiert. Zwischen den Zeilen? Da scheint nichts zu stehen. Die Sprache ist sehr einfach gehalten. Dieser nüchterne, unaufgeregte Erzählstil hat sicher seine Befürworter, aber wer sich gern an dem, was man literarisch mit Sprache machen kann, erfreut, wer auch mal „um die Ecke lesen“ will, der wird hier wohl kein glücklicher Leser sein.

In „Der bulgarische Arzt“ liegt Herzblut, das glaubt man, herauszulesen. Vielleicht hätte die Geschichte als so ausgewiesene Biographie besser funktioniert. Pawlow erzählt eine interessante, eine anrührende Geschichte über die Ehe ihrer Eltern und über ihr eigenes Leben als Tochter dieses jährzornigen Mannes. Man gewinnt sie lieb, diese drei. Am Ende steht die Frage, ob sich die Tochter versöhnen kann, wenn nicht mit dem Vater selbst, dann vielleicht mit dem Leben, das sie bis hierhin geführt hat.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 13.08.2014
  • Verlag: LangenMüller
  • ISBN: 978-3-7844-3355-4
  • Gebunden: 496 Seiten

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