Die Dekonstruktion der Liebe

die_liebe_in_groben_zuegen-9783423143172Was mich an deutscher Literatur in letzter Zeit so geärgert hat (ausser dem großartigen Steinfest) ist diese bleierne, schwere Leere. Von Literaturkritikern hochgelobt, gepuscht und sakralisiert wird der normale Leser als verdummt, selber schuld und verblödet hingestellt, wenn er diese Art Literatur nicht goutiert, versteht, mag. Das kommt mir dann vor wie die Musikkritiker die das neue ausufernde Freejazz Werk eines Saxophonisten als ‚Must-hear‘ betiteln und suggestiv Inhalt vermitteln. Jazz mag ich nicht und bleierne, assoziative, schwere, lesezerstörende Sprache auch nicht. Ist Bodo Kirchhoff literarischer Free-Jazz? Ja, so könnte man es vielleicht in diesem Buch umschreiben. Nur für wen schreibt der Autor, oder spielt der Jazzmusiker. Reicht es vor 5, in ihrem geheimen Kosmos gefangenen Zuhörer zu spielen, oder sein Buch in 538 geheimen Literaturkritikerregalecken zu verstauben wissen? Mitnichten.

Zum Buch, was 2012 auf der Longlist des deutschen Buchpreises auftaucht. Renz und Vila ein Ehepaar mit einem Kind, er Anfang 60, sie Anfang 50 (schimmert da ein wenig Autobiografie durch Herr Kirchhoff?), beide in der Medienbranche beschäftigt, eine Altbauwohnung in Frankfurt am Main, eine Haus in Italien. Beide luxuriös und gelangweilt mit etlichen Seitensprüngen, die mit Sex gekittet werden.

„…das erste Mal, dass es keinen würdigeren Ausweg gab als den Sex, der an sich schon wenig Würde hat, aber blödsinnig guttun kann, wie ein Hausputz im Sommer und das Rasenmähen, wenn danach das gereinigte Haus auf einem grünen Teppich steht, so satt geborgen in der Abendsonne, dass man ein Foto macht und beim Anschauen des Fotos leise seufzt.“

Sex wie er nicht sein soll, nebensächlich, zweckentfremdet, so dass er einen nicht näherbringt, keine emotionale Nähe erzeugt, die Leere vergrößert. Auch erzeugt die Sprache keine Nähe, die Hauptfiguren bleiben blass und fade, gelangweilte Figuren in einer wahllosen Umgebung, Ob Italien, Frankfurt, Havanna, es gibt keinen Ausweg aus der inneren Öde. Leider springt diese Öde auch auf mich den Leser und ich bin hin und her gerissen, fast entsetzt von dieser assoziativen Sprache, die alles aber auch nichts verheißt.
Was soll ich davon halten?

„Brühl kraulte nicht mehr, er flog förmlich durch das lange vor ihm aufgewühlte Becken. Schmetterling hieß das, als sie schwimmen lernte, und immer wenn sein offener Mund und die ausgebreiteten Arme kurz auftauchten, war das wie ein Ja zu ihr, im Grunde die ganze und einzige Philosophie der Liebe.“  
Schwimmen im Stile des Schmetterlings als Botschaft für die Philosophie der Liebe? Aha. Oder was auch immer der geneigte Leser sich darunter nun vorstellen kann.
Da auch die Geschichte in einem gleichförmigen Tonus, eine Spannungskurve den das Herzüberwachungsgerät beim Toten anzeigt, vor sich hinplätschert und auch nach der Hälfte des Buches keine Besserung in Sicht ist, ich mich durch die verletzte Sprache wälzen musste, habe ich letztendlich nicht durchgehalten.

Liebe FAZ Kritikerin, die da schreibt: „Kirchhoff zwingt in seinem neuen Buch die Leser – diejenigen, die das zulassen; die anderen sind selbst schuld – über eine lange Distanz.“ Ich bekenne mich schuldig, ich habe diese Verdammung und Verödung der Liebe nicht zugelassen, ich will sie lieber spüren und mir nicht dekonstruieren lassen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 01.08.2014
  • Verlag : DTV
  • ISBN: 9783423143172
  • Fester Einband: 672 Seiten

2 Gedanken zu “Die Dekonstruktion der Liebe

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