Nicht nur im Wein liegt Wahrheit

978-3-257-06896-2Atemberaubende Landschaften, kulinarische Genüsse, savoir vivre – und wieder einmal ein Toter für Bruno Courrèges. Dieses Mal handelt es sich aber um einen Helden der Résistance, der eines natürlichen Todes gestorben ist. In der erkalteten Hand findet sich ein Vichy-Geldschein, der offensichtlich aus einem der spektakulärsten Raubüberfälle der französischen Geschichte stammt. Weder die der Résistance angehörenden (vermutlichen) Räuber, noch offizielle Stellen, die den Überfall aufzuklären versuchten, konnten der Beute habhaft werden. Gerüchte führen bis hin zu Verschwörungstheorien – das Geld soll nicht privat sondern von offiziellen Stellen zur Niederschlagung der Naziherrschaft und damit zur Befreiung Frankreichs eingesetzt worden sein. Nur dass eben jede Spur davon fehlt. Bis auf ein paar Scheine, die der alte Murcoing auf dem Totenbett in der Hand hält.

Als Dorfpolizist ist Bruno Angestellter der Kommune und deshalb nicht nur mit der Lösung von Verbrechen betraut. Da es sich bei dem Toten um einen ruhmreichen Widerstandskämpfer handelt, verständigt Bruno die Hinterbliebenen, bereitet eine Bestattung mit militärischen Ehren vor und wird mittendrin zu einem echten Tatort gerufen. Das Ferienhaus eines ihm bekannten Engländers wurde ausgeraubt. Antiquitäten, Gemälde und teure Weine wurden gestohlen. Doch nicht nur der Raub beschäftigt Bruno, auch ein weiterer Toter wird aufgefunden, der ganz offensichtlich nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern das Opfer eines brutalen Überfalls wurde. Zusammenhänge zwischen dem Verschwinden der Antiquitäten – wie es sich herausstellt, gab es bereits mehrere Vorfälle dieser Art – einem alten von Bruno nie vergessenen und unaufgeklärten Fall und dem Überfall von Neuvic 1944 tun sich auf …

Martin Walker hat bereits in seinen fünf früheren Bruno-Krimis, die er in einer der schönsten französischen Landschaften angesiedelt hat, bewiesen, was er kann: seine äußerst fundierten politischen und gesellschaftlichen Kenntnisse zu Geschichte und Gegenwart Frankreichs mit fiktiven Begebenheiten zu verweben und daraus einen unterhaltsamen, spannenden aber nicht brutalen Krimi erschaffen, in dem es bei weitem nicht nur um Mord und Totschlag geht.

Das Leben in Frankreich, das Walker aus eigener Erfahrung gut genug kennt, um es authentisch zu schildern, kreist doch immer wieder um die wirklich wichtigen Dinge: Liebe, Freundschaft, gutes Essen, Sein und Tod. Wie im realen Leben, so nimmt das auch bei Bruno immer einen großen Anteil ein. Konzentriert auf die Lösung des – oder wie in  Reiner Wein der Fälle – bleibt das Leben glücklicherweise nicht auf Strecke. Das ist es, was die trotz aller Spannung und unterschiedlicher menschlicher Untiefen, lebensfrohen Krimis ausmacht. Die persönliche Entwicklung der Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander spielen eine genauso große Rolle, wie die Klärung der Fälle. Und genau das ist es, was die Périgordkrimis um Bruno und sein Umfeld für mich immer wieder zu einer Lesefreude machen.

Bruno bleibt und ist Bruno – ein Mann mit Werten und Prinzipien, mit gesundem Menschenverstand und einer Vorliebe dafür, Recht und Gerechtigkeit genau zu trennen und auch entsprechend zu handeln. Noch dazu kann er verdammt gut kochen. Für mich ist er deshalb nach wie vor der französische Brunetti und wer die Krimis von Donna Leon mag, sollte sich, wenn nicht schon passiert, auch einmal ins Périgord vorwagen.

In Brunos fünftem Fall Femme fatale hatte sich Martin Walker auf das Parkett der Zwischenwelt von Mystik und dunkler Magie begeben, Reiner Wein hingegen führt ihn wieder dorthin zurück, wo er am besten ist und schreibt: in die reale Welt der Historie und Politik Frankreichs mit all ihren Bezügen und Auswirkungen. Auch wenn die Vorkommnisse, die Walker hier benennt – so zum Beispiel den Raubüberfall von Neuvic – auf keinen Fall so stattgefunden haben und er Historisches fiktiv umwandelt und ausschmückt, erschafft er eine äußerst authentische Welt.

Eines ist mir aber auch nach erfolgter Lektüre nicht klar geworden: der Titel des Buches heißt im englischen Original The Resistance Man und in der deutschen Fassung Reiner Wein – vermutlich, weil es um viele Geheimnisse geht, die gelüftet werden, Bruno selbst im wahrsten Sinn des Wortes reiner Wein eingeschenkt wird und sich seine private Zukunft etwas klärt. Aber vielleicht findet der Eine oder die Andere ja bei der Lektüre noch weitere Gründe für die Titelwahl.

Geschmeckt hat er mir wie auch die früheren Krimis von Walker vorzüglich und bis Brunos nächster Fall zu klären sein wird, kann ich mich, zumindest für ein Weilchen, mit Schatten an der Wand über Wasser halten und ab September 2014 in Brunos Kochbuch stöbern.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: Mai 2014
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-06896-2
  • Leinen gebunden: 416 Seiten

 

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