„Ich ärgere mich und ärgere mich, dass ich mich ärgere.“
Dieser Satz auf der Buchrückseite und das Versprechen auf einen Roadtrip der besonderen Art durch die „neuen“ USA, zum Death Valley und Steven Uhlys Roman durfte mit nach Hause.
Ich hatte schon die Befürchtung die „echte“ Literatur wäre für mich verloren, doch es ist nicht so.
Ich möchte nur, dass sie knallt und schimmert und an meiner Realität kratzt, meine Kopf beschäftigt und jeglicher Öde fernbleibt. Eine gut erzählte Geschichte, gerne auch mit aktuellem Bezug, Humor und etwas Poesie. Wobei Poesie für sprachliche und oder gedankliche Schönheit steht. Und ganz klar: Was schön ist bestimme ich ;)
Death Valley ist schön. Skurril allein schon wegen des Plots.Diese zwei alternden Stiefbrüder, der eine „Wessi“ mit einem Erscheinungsbild das ihn, väterlicherseits genetisch bedingt, nicht urdeutsch wirken lässt, der andere „Ossi“ und das zugehörige politische Klischee voll erfüllend. Steven, das potentielle Alter Ego des Autors weltgewandt und intellektuell. Hans, nichts von all dem, dafür fest verwurzelt, sich sicher zugehörig fühlend, sich nie hinterfragend.
Beide sind in die USA gereist, um die im Death Valley verstorbenen jeweiligen Elternteile zu begraben. Stevens Mutter und Hans Vater und somit die einzige Verbindung der beiden ungleichen Stiefbrüder. Eine Abschiedstour und eine Jagd um das Erbe zugleich.

Steven, der große „Hinterfrager“ erzählt die Story und er erspart sich nichts. Es ist nicht der sympatischste Protagonist, dafür ist seine Moral, ob alkoholisiert oder auch nüchtern, zu dehnbar, die Nabelschau zu selbstverliebt und das Selbstmitleid lugt des öfteren hervor. Er ist Mensch, mit Bildung und Wissen. Eben Nerd, wie er sich selbst nennt und durch all diese Eigenschaften bestens befähigt die Dinge auf den Punkt zu bringen. Zu erkennen und auszusprechen. Es ist vergnüglich, bis schmerzlich aber immer bereichernd mittels seines Blicks durch das Land zu reisen, die Menschen zu erleben. Die Auswirkungen der Magaherrschaft auf die Menschen zu sehen.
Allmählich dämmert es mir, worum es hier geht. « So you’re refugees?», frage ich. Er lacht freudlos auf, nickt. « You could say that.» «I see. Wow.» Er schaut mich an, nickt wissend. Schüttelt den Kopf. «I never thought this could actually happen. But here we are. Going to the only country that might have learned something from it’s history. » «Well», sage ich, «that remains to be seen.» Dafür müssten wir erst einmal aufhören, Neid mit Gerechtigkeitssinn zu verwechseln, aber das sage ich nicht laut.
Schade, dass Steven keine sechzigjährige Frau ist, mich hätte mehr interessiert wie sie mit Tod, Verlust und dem eigenen Altern umgeht. Hätte sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit gockelig rumgevögelt, (hennig dann eher) und sich trotz schlechten Gewissens wegen des daheim die Kinder hütenden Ehemanns happy gefühlt, weil sie in ihrem Alter noch die knackigen jungen Typen kriegt? Und wenn ja, hätte mir das besser gefallen? Es boomert also auch ordentlich im Todestal und auf dem Weg dorthin.
Doch der Roman ist eben auch ein Abschied von der Mutter, der eigenen Kindheit, ein Innehalten und Bilanzziehen und ein Abenteuer, eine Schatzsuche mit ungewissem Ausgang, ein misantrophisch, realistischer Weltausblick und ab und an ist sie da, die Poesie. Zwischen all diesen hässlichen Ausblicken auf die aktuelle Politik, die heutige Gesellschaft da blitzt sie hervor in klienen Sätzen, Gedanken. Daher war „Death Valley“ ein Lesevergnügen und Highlight, nachdem ich dem Ich-Erzähler sein Boomer Mannsein nachsehen konnte. Ihn ein wenig mitleidig umarmen wollte und für seine genauen Beobachtungen immer mehr schätzte. Denn erzählen kann er grandios, sprachlich ist der Roman ein Vergnügen und die Geschichte fällt aus dem Rahmen. Eine höchst erfreuliche Autorenentdeckung für mich. Dafür drei fette Dodos!
Death Valley von Steven Uhly ist im August 2025 beim Seccession Verlag als Hardcover erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

Der Satz ist toll und entspricht so ganz einem Gefühl, das mich nicht selten überkommt. Täglich entdecke ich mindestens eine Rezension, die mich zum Kauf eines Buches motivieren könnte. Ich schaffe es aber nicht, ein Buch pro Tag zu lesen. Und dann ärgere ich mich und ärgere mich…
LikeLike