Schillernd, leuchtend, matt glänzend

Irland, 1950. Frances Howe ist elf Jahre alt und wird von einem Tag auf den anderen durch einen etwas mysteriösen Unfall zur Waise. Bis zu diesem Schicksalsschlag fühlte sie sich von ihren Eltern geliebt und umsorgt. Der Tag des Unfalls war für Frances eigentlich ein sehr schöner, hatte sie sich doch bei einer Geburtstagsparty endlich so gefühlt, als ob sich alles richtig entwickeln würde. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Eltern davon zu erzählen. Doch dann kam alles anders und ihr Leben, das in den nächsten Jahren nicht so aussah, als ob sie jemals das umsetzen könnte, was ihr vorschwebte, ließ sie letztendlich doch so vieles entdecken und erleben, von dem sie nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Graham Norton ist eine Größe im britischen Unterhaltungsfernsehen und das, obwohl er – wie die viele seiner Figuren – irische Wurzeln hat. Seine Talkshow ist legendär, er lässt seine Gäste, die häufig Superstar-Rang besitzen, plaudern bei ihm gerne und eloquent aus dem Nähkästchen. Unterhaltung ist sein Metier und als ich einen seiner Romane zu lesen begann, war ich tatsächlich ein wenig enttäuscht. Auch Eine wie Frankie hat mich anfänglich ein wenig auf Distanz gehalten. Und ja, der Roman ist unterhaltsam und – das kann ich schon sagen – er hat mich im Laufe der Geschichte immer näher an sich herangelassen, aber Frankie & Co. Hatten es nicht leicht damit, meine Gunst zu erstreiten.

Die Struktur des Romans ist auf den ersten Blick eine eher einfache. Damian, ein junger Mann, der sein Auskommen als Pfleger verdient, erhält einen neuen Auftrag. Eine alte Dame, eben besagte Frances, seit langem Frankie genannt, hatte sich den Knöchel gebrochen und brauchte Unterstützung. Normalerweise wohnten die Menschen, die Damian vor allem nachts betreute, in wohlhabenden Gegenden und waren gut situiert. Sich eine Pflege zuhause konnten sich Durchschnittsbürger in London auch 2024 nicht leisten.

Frankie wohnt in Wapping, das im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. Die Docks mussten geschlossen werden und bis in die 1980er Jahre war Wapping eher verlassen und heruntergekommen. Doch wir wissen ja, auch solche Orte können der Gentrifizierung anheim fallen. Und so ist der Ort heute auch der Wohnort von eher wohlhabenden und bekannten Menschen. Frankie Wohnung jedoch ist eher klein und völlig zugestellt mit wertvollen Möbeln. Die Bilder, die überall an der Wand hängen sind ein Sammelsurium sondergleichen. Und doch hat Frankie eine ganz besondere Aura, sie ist tatsächlich eine feine Dame.

Dieses Setting bildet den Rahmen von Nortons Geschichte, die er in zwei Strängen erzählt. Die äußere Handlung – also das Kennenlernen von Damian und Frankie und die über die Zeit entstehende Freundschaft der beiden – bildet den Rahmen für die eigentliche Erzählung, in der Frankies Leben von den 1950ern bis hin zu den anfänglichen 1990ern Jahren beleuchtet wird.

In dieser Zeitspanne wird Frankie von Irland über London nach New York gelangen, dort einen jungen Mann kennenlernen, der zwar als Chauffeur arbeitet, aber eigentlich bildender Künstler ist. Oder Maler. Oder beides. Denn die Kunst, die Joseph Haffen schafft, kann man nicht so richtig fassen. Er bemalt Wände und ganze Räume mit Ranken und Blumen und verfeinert das Ganze mit Mosaiken. Sein außergewöhnlicher Stil bezaubert Frankie, wie auch sein ganzes Wesen. Er ist zunächst ihr Retter in der Not und wird ganz schnell ihr (zweiter) Ehemann. Und damit ein zentraler Punkt in der Geschichte.

Denn so wie Joe Haffen seine Kunst schafft – zusammengesetzt, Mosaikartig und umrankt von allerlei Blättern und Blüten – so hat sich mir die Struktur des Romans dann gezeigt. Norton setzt aus vielen verschiedenen realen Ereignissen ein Mosaik nicht nur von Frankies Leben sondern auch von gesellschaftlichen Umständen in der erzählten Zeitspanne. Zeitbezüge schafft er zudem durch den Auftritt realer Personen. Das schillert und blüht und hat dennoch einen ruhigen matten Glanz. Denn nicht immer läuft im Leben alles so, wie man es sich wünscht. Aber es macht einen Heidenspaß herauszufinden, welche Persönlichkeiten, die hier ihren Auftritt haben real waren. Tatsächlich hätte ich auch zu gerne wenigstens eines der Werke Haffens gesehen und bin nach wie vor auf der Suche nach einem realen Künstler der Zeit, der solche Kunst schuf.

Frankie erlebt viele Ungerechtigkeiten, ihr passiert einiges, was sie nicht selbst steuern kann. Sie liebt und wird geliebt und wird verlassen und sieht manche Liebe erst sehr spät – oder vielleicht gar nicht. Zur Seite steht ihr, auch über einige gegenseitigen Verletzungen hinweg, immer ihre Kindheitsfreundin Norah. Und Norah ist es auch, die Damian als Pfleger engagiert hat.

Manche Figuren, die Norton auftauchen lässt, verschwinden so wieder, wie sie gekommen sind – ohne dass sie viel Eindruck hinterlassen. Aber ist es nicht auch im Leben wirklich so, dass man manchmal Menschen trifft, mit ihnen eine zeit lang Kontakt hat und dann sind sie einfach weg? Und dann gibt es diese Freundschaften, die auch längere Abwesenheiten und Funkstillen überdauern. Und weil Frankie eben Frankie ist, bleiben ihr letztere so lange es eben möglich ist, treu. Obwohl sie so viel Ungerechtigkeiten und Unbill erfahren hat, ist sie im Alter nicht verbittert. Sie hat gelernt, sich zu öffnen und andere Denk- und Lebensweisen anzuerkennen. Was für eine schöne Figur Norton da geschaffen hat. Diese Geschichte entspricht auf sehr unterhaltsame und zauberhafte Weise dem dem Roman vorangestelltem Motto von Sean O’Casey.

Das Leben … [ist] eine Klage auf dem einen Ohr, möglicherweise, aber auf dem anderen immer ein Lied“

Ich werde wohl mein Eingangsurteil über zumindest den Roman Nortons, den ich relativ rasch beiseite gelegt hatte, noch einmal überdenken und vielleicht finde ich auch dort diese funkelnden Versatzstücke, die mich hier so bezaubert haben.

Eine wie Frankie von Graham Norton, übersetzt von Silke Jellinghaus, ist im Dezember 2025 bei Kindler erschienen. Für mehr Information zum Buch über Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder auf der Verlagsseite.

 

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