Japanische Bücher, die ihren Weg zu uns nach Deutschland finden, umgibt ja so ein ganz besonderes Flair. Oft wirken sie sehr zart, sanft, fast verträumt. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Romane deshalb langweilig wären, im Gegenteil, tatsächlich geschehen die manchmal bahnbrechenden Veränderungen nur einfach leise im Unausgesprochenen zwischen den Zeilen …
Zum Glück greift mein heutiges Buch auch nicht den hektischen Teil der Metropole auf, an den ich immer erst mal denken muss – ich sage nur U-Bahnhöfe, an denen Hunderte von Menschen vom Servicepersonal in die eh schon volle U-Bahngequetscht werden -, sondern bleibt dieser ruhigen Tradition verhaftet. Eine ganz besondere Stimmung treffen wir an, denn wir besuchen Tokio bei Nacht. Und nachts ist alles gedämpfter, wie von einem leichten Schleier überzogen, Geräusche klingen anders, die Menschen, die unterwegs sind, sind andere oder anders als bei Tag.
„Gute Nacht, Tokio“ ist ein Episodenroman, ganz zart gewoben, fein komponiert, bei dem wir von Kapitel zu Kapitel, und somit von Person zu Person hüpfen, und zwar immer ungefähr um 1 Uhr nachts. Es ist keine unheimliche, angsteinflößende Stimmung, sondern eine ganz klare, wie durch ein Brennglas geschaut. Alles ist fokussierter, gebündelter, konzentrierter.
Wir lernen zum Beispiel Mitsuki kennen, die für eine Fernsehproduktionsfirma als Requisiteurin arbeitet und zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten die unmöglichsten Dinge für den nächsten Dreh beschaffen muss. Gerade ist sie dabei, die seltene Biwa-Frucht aufzutreiben und verzweifelt fast an diesem Auftrag.
Da ist Matsui, der sympathisch Taxifahrer, der nur nachts fährt und an dem, so findet er selbst, so gar nichts Besonderes ist, worüber er aber kein bisschen unglücklich ist, sondern herrlich bodenständig und abgeklärt daherkommt.
Es gibt die Telefonseelsorgerin Kanako, die von 10 Uhr abends bis 7 Uhr morgens Anrufe entgegennimmt, Trost spendet oder einfach nur zuhört … wenn sie nicht gerade Biwas erntet …
Und – mein ganz besonderer Liebling – da ist auch Ibaragi, der einen Laden besitzt, der eigentlich ein ganz gewöhnlicher Gebrauchtwarenhandel für Werkzeug werden sollte, sich über die Jahre aber zu einer Art Skurilitätenkabinett entwickelt hat. Defekte Dinge repariert er oder baut sie um und gibt ihnen einen neuen Namen. So zum Beispiel eine „Aus-zwei-wird-eins-Uhr“, bei der Ibaragi zwei Uhrwerke einbaut, damit die Uhr endlich richtig geht!
Diese liebenswert schrägen Figuren sind alle aus bestimmten Gründen ausgerechnet heute oder immer nachts in der Riesenstadt Tokio unterwegs (wir erfahren natürlich im Lauf des Buches immer mehr über sie) und ihre Wege kreuzen sich, mal bewusst, mal unbewusst. Vor allem Matsui, der Taxifahrer, ist ein wichtiges Bindeglied zwischen den einzelnen Personen.
Und das ist das große Thema dieses Buchs, diese Verbindungen, vergessene, wiedergefundene und solche, die neu geknüpft werden.
Ein ganz wunderbar warmherziges Buch, mit großer Leichtigkeit geschrieben, das mich immer mit Vorfreude erfüllte, wenn ich wusste, ich darf gleich wieder weiterlesen. Ein perfektes Geschenk für alle, ob jung, alt, Mann, Frau und auch gerade für Leute, die man nicht gut kennt oder über deren Lesegewohnheiten man wenig weiß, weil es keine bestimmten Themen bedient, sondern ein von unserem westlichen Alltag losgelöstes Lesevergnügen bietet, das jeden glücklich macht.
„Gute Nacht, Tokio“ von Atsuhiro Yoshida ist als gebundenes Buch am 23.10.2023 im Verlag hanserblau erschienen. Aus dem Japanischen übersetzt von Katja Busson.
Mehr Informationen zu diesem Buch durch Klick auf den Verlagsnamen oder auf das Bild.


Ich bin immer interessiert an japanischen Autoren, danke für den Tip
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