Ausgerechnet ein Fahrradunfall bringt Ellis wieder zurück ins Leben.
Der Mittvierziger vegetiert mehr schlecht als recht vor sich hin in seinem Häuschen in einem Arbeiterviertel Oxfords, das Leben läuft an ihm vorbei, er ist nur eine Randfigur, kein aktiver Player mehr … früher schon, da war er voller Leben, hatte einen besten Freund und eine wunderbare Freundin, die er heiratete. Seine Jugend war nicht einfach, bei wem war sie das schon gewesen, sein Vater schon immer hart, kaum mal ein liebes Wort, kaum eine zärtliche Geste. Nach dem Krebstod seiner Mutter war Ellis allein auf weiter Flur mit seiner Sensibilität und leisen Art. Natürlich hatte der Vater darauf bestanden, dass er in die Montagewerke gehen müsse, dort lernen solle und ganz sicher nicht Malen als Beruf wählen dürfe, was Ellis‘ Herzenswunsch gewesen wäre. Aber dann war es in der Lackiererei auch nicht so schlimm gewesen, denn Ellis hatte ein Talent dafür entwickelt, noch so kleine Dellen in den Metallen zu erfühlen, sie wieder plan zu machen. Es war ein kleineres Leben geworden, als er vorgehabt hatte, doch es war in Ordnung gewesen. Denn er hatte Annie gehabt und Michael.
Mit dem besten Freund eroberte er in einem Sommer Frankreich, lotete mit Michael dort aus, was möglich und unmöglich war, wäre gerne mutiger gewesen, war aber doch irgendwie gefangen in sich selbst und den Konventionen.
Als dann Annie in die enge Männerfreundschaft wirbelt, könnte man vermuten, dass dies das Ende von Ellis und Michael gebracht hätte, doch in Wirklichkeit schweißt sie die beiden Männer noch enger zusammen, sie werden zu einem untrennbaren Trio – bis eines Tages das passiert, was nicht vorstellbar ist, und Ellis allein zurückbleiben muss, auf sich gestellt.
Wir lernen als Leser*innen Ellis in den 1990er-Jahren kennen, 45-jährig und sehr einsam. Doch wie eingangs erwähnt ist es kurioserweise ein Fahrradunfall, der ihn dazu zwingt, zu entschleunigen, denn sein Arm ist eingegipst. Er kann erst mal nicht mehr in der Autowerkstatt arbeiten, das gibt plötzlich viel freien Raum, für Gedanken, für neue Möglichkeiten, aber auch für Leere, Traurigkeit. Mit ihm zusammen gehen wir im Geiste zurück in seine Vergangenheit, lesen gute und schlechte Episoden seines Lebens.
Doch Ellis öffnet sein Herz einen Spalt weit, groß genug, dass freundliche Gesten einen Funken entzünden können und sein traurig-kaltes Herz im Hier und Jetzt erwärmen können. Je mehr er Gutes zulässt, umso besser geht es ihm, zum ersten Mal arbeitet er auf, was mit ihm passiert ist. Das Licht am Ende des Tunnels wird größer, heller und scheint immer näher zu kommen.
Dieses Buch ist eine herzerwärmende Geschichte über einen einsamen Mann, der durch einen Schicksalsschlag gebrochen wird und dann wieder aufsteht. Eine positivere, glücklichmachendere Leseerfahrung muss man diesen Sommer erst mal finden! Ohne Kitsch und falsches Pathos erzählt Sarah Winman diese Geschichte, ganz feinsinnig und souverän. Ein Buch, das mit Leichtigkeit eine Geschichte mit Tiefgang erzählt, über die wichtigen Themen des Lebens, wie Freundschaft, Liebe, Trauer, Glück und Leid. Eine pure Freude, Ellis auf seinem Weg vom Dunkel ins Licht beizuwohnen.
Melancholisch, farbenfroh, nachdenklich, positiv – ein Stück Literatur, das glücklich macht und positive Schwingungen verschickt. Bitte lesen!
„Lichte Tage“ von Sarah Winman, übersetzt von Elina Baumbach, ist 2023 bei Klett-Cotta als gebundenes Buch erschienen. Zu mehr Informationen kommt man per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder den Verlagsnamen.


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