I want to know what love is

Daniel Berry ist anders. Feinfühliger, verletzlicher, träumerischer. Kein Wunder, als er klein war, ist seine Mutter auch gefühlte 1 Million mal mit ihm umgezogen. Kreuz und quer durch England, wo die Reißzwecke so steckenblieb, die man mit verschlossenen Augen über der Landkarte kreisen ließ. Das hinterließ Spuren bei ihm, eine Heimat zu finden, ist schwer. Sein Lieblingsrückzugsort, wenn er sich einsam fühlte, war in jeder Stadt, jedem Dorf immer die öffentliche Bibliothek.

Nun, mittlerweile längst erwachsen und schon eher mittelalt, ist er wieder einsam, genaugenommen ist er an seinem persönlichen emotionalen Tiefpunkt: Daniel wurde gerade von seiner Langzeitfreundin verlassen, mit der er in einem Haus mit Garten in Somerset lebte und als Sahnehäubchen hat ihm auch noch der Vermieter gekündigt. Da er nicht dazu neigt, halbe Sachen zu machen, gibt er einfach ALLES weg, was Erica, die Ex, und er im Haus gemeinsam nutzten. Nur ein Porzellan-Schaf nimmt er mit und übernachtet nun im Freien. Zum Glück ist es nicht Winter …

Als er nach 5 Nächten Obdachlosigkeit nicht mehr kann, geht er in eine Städtische Bibliothek und setzt sich neben ein Bücherregal auf den Boden und weint. Trotzdem kann er da ein wenig zur Ruhe kommen und fühlt sich geborgen. Und da bekommt er das Klügste gesagt, was man jemandem sagen kann, der tieftraurig ist: „Was auch immer Ihnen gerade Kummer bereitet, es wird nicht ewig andauern.“ Dieser Satz brennt sich in sein Gedächtnis, wird ihm zum Antrieb.

Es gibt da noch Rae, die in Norfolk lebt, sehr in sich gekehrt ist, die nicht gerne sozial interagiert und gerade einen Fremden geohrfeigt hat, den sie für die qualvolle Familienfeier bei ihren Eltern als zwanglose Begleitung gebucht hat. Kurz darauf bekommt sie genau aus diesem Grund einen lukrativen Job angeboten.

Und dann sind da außerdem noch Eve, Daniels Mutter, und Sherry, Raes Mutter, und Leslie, Raes Vater – und alle waren sie mal richtig gut befreundet, vor vielen Jahren.

Wie bei einem Puzzle bekommen wir kleine Stückchen, Episoden, Hintergründe, Aspekte und Geschichten zu den unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens und allmählich können wir uns ein Gesamtbild machen, formt sich eine Ahnung davon, wie alles zusammenhängt und warum die Personen an dem Punkt in der Gegenwart sind, an dem wir sie kennengelernt haben.

Ähnlich wie bei ihrem Vorgängerbuch „Bären füttern verboten“ hat Rachel Elliott auch diesmal Außenseiter im Fokus, die man sehr schnell sehr lieb gewinnt und deren Wohlergehen einem sehr am Herzen liegen. Wir begleiten Daniel, Rae, Eve, Sherry und Leslie ein wenig auf ihrem Weg, lernen sie besser verstehen – und müssen sie wieder verlassen.

Gerne hätte ich mir am Ende klarere Verhältnisse gewünscht, ich bin nicht so der Typ für offene Enden, aber das ist auch schon der einzige, kleine Kritikpunkt, der mir hier einfällt. Und auch das ist ja strenggenommen gar keiner, denn es gibt ja viele, die lieber als mündige Bürger*innen selbst entscheiden, welches Schicksal sie sich für die Buchfiguren in ihrem Kopf zurechtlegen möchten, als dass sie ein Ende vorgegeben bekommen …

Dieses Buch kann ich allen empfehlen, die ein Faible fürs „Off-the-beaten-track„-Lesen haben, die gerne Figuren abseits des Mainstreams kennenlernen möchten. Ich jedenfalls habe, wie schon beim Vorgängerbuch „Bären füttern verboten“ jede Seite genossen!

Flamingo“ von Rachel Elliott, übersetzt von Claudia Feldmann, ist 2023 bei mare als gebundenes Buch erschienen. Zu mehr Informationen kommt man per Doppelklick auf das im Beitrag angezeigte Cover oder den Verlagsnamen.

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