Mutter in der Falle

Mir hat dieser schonungslose Roman von Daniela Dröscher über eine toxische Beziehung in den 80er Jahren richtig gut gefallen, zumal ich in dieser Zeit selbst Jugendliche war, und die Verhältnisse von Frauen live mitbekommen habe.

Im vorliegenden Setting erzählt das etwa sieben- bis acht-jährige Mädchen Ela frei von der Leber weg über ihre als völlig normal empfundene Familie. Dabei ist in dieser Familie, mit dem Blick auf heutige Verhältnisse betrachtet, gar nichts normal.

Ein vormals gar nicht so unglückliches Ehepaar zieht von München aufs Land ins Haus zur Schwiegermutter. Der Ehemann ist im Job frustriert und lässt seine unterdrückten Minderwertigkeitskomplexe und Wutgefühle an seiner Frau aus. Dabei geht er sehr perfide vor, denn er wertet sie ab und bezeichnet sie als zu dick, zu nutzlos und so weiter. Die Abwertungen und der psychische Missbrauch der Mutter in der Beziehung sind am Anfang noch nicht so schlimm, steigern sich aber sukzessive. Assistiert wird dem Mann nicht nur von der Gesellschaft, in der die Frau nur zu kuschen hat, sondern auch von der Schwiegermutter im Haus, die als übergriffiger Drache kein gutes Haar ihrer Schwiegertochter lässt.

Das ganze Setting ist wirklich konfliktträchtig: isoliert auf dem Land, toxische Familie, die Mutter spricht nicht den vorherrschenden Dialekt, sondern hochdeutsch, sie stammt aus Polen, ist also Ausländerin, und ist zu dick, … nichts kann sie der Familie recht machen. Auch der Umstand, dass sie durch ihren Job zum Familieneinkommen beiträgt, zusätzlich den Haushalt und die Kindererziehung organisiert, ändert nichts an ihrer Inkompetenz und Nutzlosigkeit. Nur der Schwiegervater ist in diesem Setting kein Feind, aber auch nicht wirklich eine Stütze, denn er hält sich meist raus. Das Kind wird einigermaßen geschützt, ist aber dennoch schon total verkorkst, denn es übernimmt natürlich den geringschätzigen Blick auf die Mutter von den Erwachsenen.

Einige jüngere RezensentInnen haben den Plot und die wenig glaubwürdige Mutter-Protagonistin kritisiert, die sich nie wehrt und sich so viel gefallen lässt. Aber als mittlerweile alte Omma, die diese Zeit live mitbekommen hat, kann ich bestätigen, dass es in vielen Familien so abging, auch noch in den 80er Jahren. Denn wenn man am Land gewohnt hat, war man mitunter gesellschaftsmäßig noch mitten in den 60er Jahren, dort hatten die Frauen weniger Rechte als während und gleich nach dem 2. Weltkrieg. Man muss sich auch vor Augen führen, dass das Recht, ohne Einwilligung des Ehemannes einer Arbeit nachzugehen, in Österreich erst 1975 gesetzlich verankert wurde, und das dauerte in ländlichen Gebieten noch lange, bis das durchdrang. Da wurde schon mal vom Ehemann der Chef im Nachbarort besucht oder mit dem Vierteltelefon angerufen, dass das mit dem Job der Frau ein Irrtum war, und kein Hahn krähte danach, dass das der Mann nicht durfte. Alle hielten sich noch an alte Traditionen.

Zumal völlig ohne Gegenwehr hat die Mutter in der Geschichte ja gar nicht agiert, sie plante ja sogar zweimal einen Ausbruchsversuch aus ihrer toxischen Situation, das erste Mal sogar in der ersten Szene, als ihr auf dem Weg zu ihren Eltern das Benzin ausging. Nachträglich wusste sie, dass sie auf ihre Eltern auch nicht zählen konnte, denn diese handelten nach dem Motto: „Wie man sich bettet so liegt man“ (oh wie habe ich dieses Sprichwort aus der Zeit gehasst) und hätten ihr nicht mal in der ärgsten Not geholfen. Als sie einen Mann geheiratet hat, mit dem ihre Eltern nicht einverstanden waren, haben diese gemäß dem Sprichwort gehandelt und sie nicht unterstützt, egal wie schlimm die Situation war. Das gab es übrigens sehr oft, dass die eigenen Eltern sich auf die Seite des Mannes gegen ihre Tochter stellten, sogar bei massiver Gewalt.

Der zweite Ausbruchsversuch aus dieser furchtbaren Ehe und das Ringen um ein bisschen Autonomie war der Job in Marokko und zusätzlich noch ein misslungener Abtreibungsversuch. Nun hatte sie zwei Kinder und saß sowieso in der Falle. Undenkbar, dass sie sich damals trennen konnte, Scheidungen mit Kindern auf dem Land waren sehr unüblich, die Frau musste durchhalten. Auch das Erbe gehörte nicht wirklich ihr, denn der Mann hatte meist Zeichnungsberechtigung auf dem Bankkonto und es gab keine Gütertrennung in der Ehe. Der Bankangestellte im Dorf war dann auch meist noch ein Freund und Saufkumpan des Mannes.

So steigern sich die unglaublichen schikanösen Verletzungen der Mutter bis ins Unermessliche. Tägliches Kontrollwiegen, Diätzwang, Respektlosigkeiten, Scham. Gleichzeitig wird die Frau auch noch von allen massiv ausgebeutet, finanziell und bezüglich Arbeitskraft bis zur totalen Erschöpfung belastet. Der Mann wirft das vom Vater seiner Frau geerbte Geld für ein Luxushaus zum Fenster hinaus, lässt sie aber mit der Organisation der Baustelle, im Haushalt, bei der Kindererziehung und bei der Pflege ihrer dementen Mutter komplett alleine. Stattdessen vergnügt er sich auf dem Tennisplatz (genau so ein Exemplar kannte ich übrigens tatsächlich persönlich). Das geht so lange, bis die Ehefrau vor Erschöpfung und Schmerzen zusammenbricht und dann wird sie erneut fertiggemacht, als sie nicht mehr funktioniert. Am Ende der Story entwickelt sich die Figur der Mutter, emanzipiert sich endlich und bricht aus dem goldenen Käfig aus.

Am besten am Roman gefiel mir ein Stilmittel, das die Autorin sehr gut in den Plot eingewoben hat: die nachträgliche, recht kurze, erwachsene Einordnung des Geschehens nach jedem Kapitel. Alles ist prinzipiell aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählt, aber dieser Rückblick und die nachträgliche Reflexion der erwachsenen Tochter sorgt für Nachhaltigkeit, unmittelbare Authentizität und psychologische Analyse. Eine grandiose Vorgehensweise im Plot, die der Story zusätzlich Gehalt und Tiefe verleiht.

Ach ja, eines muss ich auch noch erwähnen. Der Roman stand ja auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Hätte er den Preis verdient? Meiner Meinung nach nicht, denn durch die Brille des Mädchens ist das Werk auf weiten Strecken natürlich sprachlich recht simpel ausgefallen und deshalb vielleicht wenig geeignet für solche Auszeichnungen. Aber ich glaube, die Geschichte wurde auch gar nicht für den Buchpreis geschrieben und landete eher überraschend auf der Liste. Das ist sehr wohltuend, dass nicht jeder Roman sprachlich sehr anspruchsvoll sein muss und gleich immer buchpreiswürdig, damit er erfolgreich und gut sein darf. Auf jeden Fall hat uns die Autorin eine spannende, wichtige Geschichte zu erzählen, wie das Leben von Frauen früher war.

Fazit: Da mir Plot, Inhalt und eine gute Geschichte zu erzählen, immer wichtiger sind als Sprache und Stil, finde ich diesen Roman ausgezeichnet. Außerdem ist er sehr authentisch. Alleine die Diskussion darüber, dass manche RezensentInnen der folgenden Generationen das im Roman beschriebene Setting für unrealistisch halten, zeigt, wie wichtig es ist, zu erzählen, wie es damals war.

Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher ist im Verlag Kiepenheuer&Witsch als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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