Von gelegentlich genial bis grumpy old man

Seit Dumb House war ich ein richtiges Fangirl von John Burnsides fiktionaler Literatur und habe mir nun natürlich gedacht, dass ich mit einem Buch, das derart viele persönliche Gedanken des Autors verarbeitet, bestens bedient bin, um diese spannende Persönlichkeit genauer kennenzulernen. Dass das sehr oft in der Realität nicht gutgeht, und die tatsächliche Person des Autors häufig so gar nichts mit der Kunst, fiktionale Literatur zu kreieren, zu tun hat, habe ich leider schon als 15-jähriges Mädchen erkannt, als mich einer der berühmtesten österreichischen Autoren einfach so fertiggemacht hat, weil er es konnte und ich ihn damals bedienen musste. Da habe ich leider zu wenig dazugelernt und sollte mal mein Misstrauen ein bisschen besser pflegen. Das fiktionale Werk ist immer von den Gedanken und Handlungen der Person des Autors zu trennen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne und auch in beide Richtungen. In diesem Fall war ich enttäuscht und ganz schön genervt.

Dabei hat das Ganze sehr gut angefangen. John Burnside, dem ich durch meine Erfahrungen mit seiner fiktionalen Literatur intuitiv eine schreckliche Jugend attestiert habe, schreibt sehr lyrisch über fast ausschließlich positive Kindheitserinnerungen. Surprise! Surprise! In wundervoller blumiger und lyrischer Sprache berichtet er über seine Abenteuer in der Jugend, als er mit seinen Freunden die Flüsse und Tümpel der Gegend unsicher gemacht hat und er analysiert sehr genial ein Bild aus dem Jahr 1615 eines holländischen Malers, das einen zugefrorenen Fluss zeigt, auf dem die Bürger kurzfristig neuen öffentlichen Raum erobern, der anfänglich noch nicht kommerzialisiert ist, bis die Geschäftsleute auf dem vereisten Fluss ihre Buden platzieren.

Öffentliche Räume wurden zu Räumen, die geteilt werden konnten. So absurd es sich auch anhören mag: Schnee garantierte uns einige Tage, manchmal Wochen von etwas, das sich wie Demokratie anfühlte.

Aus der Analyse mehrerer gemalter Schneelandschaften und seiner Kindheitserfahrungen mit der weißen Pracht im Winter entwickelt er sehr genial berechtigte Konsumkritik nicht nur an unserer Gesellschaft, sondern auch an den Gesellschaften der Vergangenheit.

Die Zitierungen und die Analogien zu Dichtern, Denkern und Malern, die ich bisher noch nicht gekannt habe, weil sie einfach andere sind, als ich im deutschsprachigen Kulturkreis gewohnt bin, waren mir nicht zu anstrengend, im Gegenteil, ich lerne sehr gerne dazu und recherchiere mit Freuden nebenbei im Web, wenn ich noch nie von jemandem gehört habe. Auch der sprunghafte Stil, sich von einem Gedanken zu anderen treiben zu lassen, um herauszufinden, ob diese Gedankengebäude zu etwas führen, hat mich nicht gestört, genauso habe ich es erwartet. Burnside sinniert und spintisiert und das ist gut so.

Aber schon kurz vor der Mitte des Buches zeichnet sich ab, dass der Autor ein ganz grauslicher Kulturpessimist ist, der auch vor wissentlichen falschen Beschuldigungen, Benennung von falschen Sündenböcken und einer ewigen Raunzerei ohne Lösungsansätze nicht zurückschreckt. Zudem inszeniert er sich selbst auch als ein Vertreter der intellektuellen Elite, der auf den dummen Pöbel herabsieht, was er zwar nie direkt formuliert, was aber bei jedem Satz ab der Mitte sehr ätzend hervorschimmert. Solche Leute meide ich auch im Privaten, sie sind leider in meiner Generation am häufigsten vertreten und werfen ihre Meinung immer mit ihrer intellektuellen Macht und Seniorität in die Waagschale, ohne jemals ein Fünkchen Selbstkritik zu äußern.

Die Belege für meine Antipathie muss ich nun natürlich auch nachliefern. Zuerst basht er auf die Jugend, die vor allem permanent im öffentlichen Raum durch Mobiltelefone und moderne Technik Lärmverschmutzung begeht, weil sie so laut ist. Wenn ihm als Vertreter unserer Generation, die den Planeten ökologisch zu Grunde gerichtet hat, zum Thema Verschmutzung nur einfällt, den Lärm der jungen Leute zu kritisieren, na dann, kann ich wirklich nur noch Gute Nacht sagen. Auch vom nachhaltigen Leben und nachhaltigem Wachstum, das jetzt ein bisschen aufkommt, hält er nichts, denn das soll nur ein Werbegag der Industrie sein. Konstruktive alternative Lösungen bietet Burnside auch nicht an, bis auf eine verklausulierte Analogie der Entleibung von Oates während der Scott Nordpolexpedition. Das kann ja nicht die Lösung sein, wenn wir uns oder sogar vielleicht die Jugend – das direkt anzusprechen, dafür ist Burnside ja zu feig – für die Gesellschaft selbst umbringen. Klar, gibt es hierzu einige sinnvollere radikale Konzepte, zum Beispiel das der Antinatalisten, die es ablehnen, in diese Welt noch Kinder zu setzen, um ihren ökologischen Fußabdruck zu verbessern.

Dann pflegt der Autor auch noch einen richtig grauslichen Kulturpessimismus der 80er-Jahre, der dem pöhsen Fernsehen als Gottseibeiuns alles in die Schuhe schiebt. Verschärfend kommt noch hinzu, dass genau sein angeführtes Argument auch noch eine Fake-Beschuldigung ist. Die esoterischen Nahtoderfahrungsberichte kennen wir alle, so wie der Autor fälschlich behauptet, nicht aus dem Fernsehen, sondern sie wurden in den 80ern von Moody und Rawlings systematisiert. Die schrieben BÜCHER (offensichtlich hat Burnside in den späten 80ern nicht gelesen) – damals gab es zumindest bei uns in Österreich lediglich zwei bis drei Programme im Fernsehen, wir hatten also auch gar keine Möglichkeiten, solche Informationen aus dem Fernsehen zu beziehen. Ich hatte bis 1987 übrigens nur eineinhalb Programme, im zweiten war meist Schneesturm mit der Zimmerantenne und dem Berg vor dem Fenster.

So geht es dann bedauerlicherweise munter weiter. Kino ist natürlich etwas ganz anderes als Fernsehen, hoch intellektuell, angesehen, kulturfördernd und ein viel akzeptableres Medium, am besten in Originalsprache (Kategorie Finnischer Problemfilm) und maximal mit Untertiteln. Ich habe ja gar nix gegen sinnvolle Medienkritik und auch nichts gegen die Kritik am Fernsehprogramm, aber das Medium Fernsehen oder auch das Internet per se anzuprangern, weil teilweise das Programm nicht gut ist, ist genauso sinnlos wie die Post als Mist zu bezeichnen, weil in den gesendeten Briefen nur Blödsinn steht.

Mehr muss ich ohnehin nicht mehr sagen, ich habe mich schon um die Jahrtausendwende nie sehr gerne mit technikfeindlichen Soziologen, die immer den neuen Übertragungsmedien und nicht den Nutzern die Schuld gaben und mich heute mit alten weißen Männern und Frauen argumentativ herumgeschlagen, denen jede Selbstkritik und auch jegliche Logik bei der Benennung ihrer persönlichen Sündenböcke fehlt. Die unfaire generalisierte Kritik an der Jugend ist by the way wahrscheinlich auch schon 5000 Jahre alt, stand schon auf Steintafeln der Sumerer, ist aber zumindest bei den Griechen wahrhaft häufig belegt und spiegelt fast wortwörtlich dasselbe dumme Klischee wider, das seit Jahrtausenden – auch hier von Burnside – bedient wird.

Tja das war nix. Hat mich zu Beginn begeistert und anschließend wütend gemacht. Schade ist nur, dass ich nun die persönlichen Gedanken des Autors so genau kennengelernt habe, dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich noch seine Fiktion lesen will. Ich hoffe, ich kann in Zukunft wieder die Romane vom Autor trennen.

Fazit: Entbehrlich!

What light there is von John Burnside ist 2020 im Haymon Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

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