Hängt ihn auf! – Hass im Netz

Der Autor und Kabarettist Klaus Oppitz, der eigentlich aus der Humorecke kommt, hat sich aus mehreren aktuellen Anlässen des sehr ernsten und brandaktuellen Themas Hass im Netz angenommen, fiktional ein paar Gedanken weitergesponnen und so einen sehr gut geschriebenen innovativen Beitrag in Form einer grandiosen Geschichte zu diesem Problem abgeliefert.

Dem enorm frustrierten älteren Arbeitslosen aus der IT-Branche, Martin Pietsch, beginnt sein Leben wegzubrechen. Ein gut verlaufendes Bewerbungsgespräch war wieder mal sinnlos, denn der Posten wurde plötzlich ohne Bewerbung mit einem Günstling des Chefs besetzt, von der Freundin kann und möchte sich der in Rückzug und Scham gefangene Mann auch nicht helfen lassen, woran dann die Beziehung auch allmählich zu zerbrechen droht, das Geld ist knapp, die Schulungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservices sind bis auf eine kleine Affäre mit einer Kursteilnehmerin auch unbefriedigend. Also treibt er sich in seiner nach und nach eskalierenden Isolation des Nächtens sturzbetrunken als Troll und Hetzer in sozialen Netzwerken herum. Ganz allmählich, Stück für Stück, versinkt auch die Leserschaft in diesem Strudel aus Frust und Isolation. Die Figur des Verlierers, Trolls und Hetzers wurde vom Autor großartig gezeichnet mit all seinen unangenehmen Seiten, mit seinen Schwächen, aber auch nicht ohne einen Funken von Mitgefühl für diese ausweglose Situation zu wecken.

Als in der Nachbarschaft ein kleines Mädchen ermordet und der Täter gefasst wird, fühlt sich Martin Pietsch endlich mal überlegen und spart nicht mit Tötungsfantasien am jugendlichen 17-jährigen tschetschenischen Mörder. Zu gut tut dem gebeutelten Ego des Hassposters der Zuspruch der geifernden Meute der anderen Social-Media-Hetzer, die Martin P. begeistert Beifall klatschen.

Klaus Oppitz macht sich aber auch die Mühe, das Umfeld und die Geschichte der weiteren „Verlierer“ in dieser Causa genau zu analysieren. Er beschreibt sehr intensiv die Schuld, Scham und Entsetzensgefühle aller Mitglieder der Täterfamilie und auch die Wut der ebenso tschetschenischen Opferfamilie. Ein genau sezierter Mikrokosmos an Opfern, die alle in einem Viertel wohnen und sich ständig begegnen müssen, begleitet vom wütenden Gebrüll der anonymen virtuellen Zaungäste.

So weit und so gut könnte diese Geschichte jederzeit und überall bei uns um die Ecke passieren. Was nun folgt, ist aber eine grandiose Fiktion, die sich der Autor ausgedacht hat, um der Gesellschaft auch plastisch die moralischen Implikationen und Folgen der gedankenlos geäußerten Gewaltfantasien vor Augen zu führen. Martin P. wird vom Justizministerium eingeladen, als Henker für den 17-jährigen Mädchenmörder zu fungieren. Eine schnelle Gesetzesänderung aufgrund dieses Anlasses macht solch ein Vorgehen plötzlich möglich, und das Ministerium rekrutiert die Hassposter für den Job punktgenau in den Sozialen Netzwerken. Als Gegenleistung wird Pietsch der lang ersehnte erneute gesellschaftliche Aufstieg durch einen beamteten fixen Job angeboten.

Viel zu schnell und überhastet wird ein juristisch bindender Vertrag mit Geheimhaltungsklausel unterschrieben. Als die ersten moralischen Skrupel beim Protagonisten auftauchen – denn Gewalt predigen ist ja einfacher, als tatsächlich mit eigenen Händen Gewalt ausüben – wird Pietsch zusätzlich mit einer Pönale erpresst, die er auch vertraglich im Kleingedruckten eingeräumt hat. So lobe ich mir wundervolle Fiktion zu topaktuellen Themen. Schritt für Schritt beschreibt der Autor dieses moralische Dilemma, in dem sich Pietsch befindet und in dem er seinen bisherigen und bei uns auch anerkannten Wertekompass gemäß Menschenrechten ständig neu verschiebt, um sein Tun zu rechtfertigen.

Die Hinrichtungsszene ist wirklich sensationell konzipiert, wartet noch mit einer Überraschung auf und auch die Beziehungen zwischen Pietsch und der Täterfamilie sind sehr gut konstruiert. So, aber nun werde ich nicht mehr verraten, um nicht zu viel zu spoilern.

Fazit: Nicht nur ein thematisch wichtiges Buch, mit dem sich Social-Media-Nutzer unbedingt befassen sollten, sondern auch noch zudem eine grandiose Geschichte, die am Ende tatsächlich in einen Thriller ausartet. Ich bin begeistert!

Die Hinrichtung des Martin P. von Klaus Oppitz ist 2019 im Verlag Kremayr und Scheriau als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Hängt ihn auf! – Hass im Netz

  1. @nettebuecherkiste
    stimmt solche Hassfantasien machen Angst, aber ich bin da der gegenteilige Typ. Je schockierender ich das finde, umso mehr möchte ich zu dem Thema wissen. Hab mir auch gestern das Buch von Natascha Kampusch zum Thema Cybermobbing besorgt

    Gefällt mir

  2. Ich glaube, das wäre mir zu heftig, auch wenn es ein wichtiges Buch ist. Ich weiß ja von dem Hass im Netz, wenn auch nur indirekt (meine kleine Ecke von Twitter ist so linksgrünversifft, dass ich eigentlich nur Hass finde, wenn ich mir gezielt Kommentare unter manchen Posts ansehe). Die Morddrohung gegen Özdemir hat mich umgehauen letzte Woche und der Hass, auf den Frauen treffen, die Vergewaltigungswünsche, mir macht das eine Riesenangst.

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