Berliner Stadtblatt Nr. 25

JohnQube @ pixabay

Im Zelt

Willie Haben hat in der Regel einen ausgezeichneten Riecher, wenn es darum geht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Nämlich genau dann, wenn diese dreckigen Aerosol – Junkies aufkreuzen, um ihre häßlichen und verzerrten Schmierereien auf Staatseigentum zu hinterlassen.

Also hatte er sich einsetzen lassen, um sich hier auf dem Rummelsburger Betriebsbahnhof zusammen mit Jan die Nacht in einem Tarnzelt zuzubringen, um nach etwaigen Sprayern Ausschau zu halten.

Jan ist wie er. Er haßt dieses arbeitsscheue Pack genauso wie er selbst es mit voller Inbrunst tut. Wie kann jemand auch nicht arbeitsscheu sein, wenn er sich Nacht für Nacht herumtreibt, um seine sogenannte Kunst an Zügen, Fassaden, Brücken und Durchgängen anzubringen?

Da kann man doch gar keiner normalen Beschäftigung mehr nachgehen. Derartigen Gedanken folgend warten, lauschen, spähen sie abwechselnd in die vor sich hinzirpende Nacht, um sich nur ab und an zum Pissen zurückziehen.

„Die Kerls kommen noch. Ich spür‘s im Urin.“, meint Willie, als er wieder zurückkehrt.

„Aber bis jetzt ist noch alles ruhig. Sogar der Fuchs auf der anderen Seite relaxed.“, teilt Jan ihm leise mit.

„Ich hab‘ dir doch gesagt, daß das eine Füchsin ist. Ich hab‘ sie mit ihrem Nachwuchs gesehen.“, belehrt Willie ihn, als er sich wieder neben ihm hinstreckt.

„Mir doch egal!“

„Ach ja? Du willst ein guter Bulle sein und kannst nicht mal Fuchs von Füchsin unterscheiden?“, tadelt ihn Willie.

„Naja, in der Regel knallen wir die Viecher ja auch nur ab, wenn einer drüber gefahren ist und die noch `rumzappeln. Sind ja selten zur Fahndung ausgeschrieben.“, sinniert nun Jan seinerseits etwas tadelnd vor sich hin.

„Das ist doch vollkommen egal! Wenn du die Zeichen nur richtig lesen kannst, erledigt die Umwelt die Arbeit für dich.“, doziert Willie drauf los.

„Was faselst du da.“

„Na, die Füchsin z.B achtet sehr genau auf ihre Umgebung. Sollten sich da drüben ein paar Gestalten herumtreiben, so werden wir es durch sie erfahren. Wie müssen also nur sie im Auge behalten und nicht die ganze gegenüberliegende Seite. Verstehst du?“

„Ja, das ist schlau. So machen wir das.“

„Halt, halt. Was tust du da?“, erkundigt sich Willie kurz angebunden.

„Na, ich beobachte die Füchsin, wie es vereinbart ist.“, erklärt Jan verständnislos.

„Nein, nein. Das ist meine Füchsin. Die beobachte ich. Such du dir ´ne eigene, die du observieren kannst.“, klärt Willie Jan auf.

„Wie jetzt?“

„Na, zwei Füchse decken doch ein größeres Gebiet ab. Also schau, ob du noch einen Fuchs in einer anderen Richtung ausmachen kannst.“

„Also gut. Wenn es denn unbedingt sein muß.“

„Ja, muß es.“

Widerwillig wendet Jan den Blick von der observierten Füchsin ab, um das Gelände in einer anderen Richtung nach einem kleinen Helfer abzusuchen. Dazu muß er allerdings in ein weiteres Tarnzelt aufsuchen, das eine entsprechende Ausrichtung besitzt.

„Ach, verdammt nochmal!“, hört Jan Willie plötzlich leise fluchen.

„Was ist?“, erkundigt er sich daraufhin.

„Die Füchsin ist weg.“, läßt Willie zerknirscht wissen.

„So ein Pech aber auch.“, stimmt Jan halb ernst zu.

„Na, dann müssen wir wieder ran.“

„Sieht so aus. – Ey! Ich glaub, ich seh‘ da was.“

„Ach ja?“

„Hinten Richtung Karlshorst.“

„Sprayer?“

„Ne, bloß ‘n Hase.“

„So so. Na, dann wird da hinten alles ruhig sein.“

„Sieht so aus.“

„Wo stecken die bloß? Die haben doch nicht etwa die Hosen voll?“

„Wer weiß. Vielleicht haben sie ein paar nette Mädels kennengelernt und haben jetzt Besseres zu tun.“, mutmaßt Jan.

„Pfff! Die Kerls lassen sich doch nicht von ein bißchen Augengeklimper aus der Bahn werfen.“

„Wären ja nicht die Ersten, die einer Frau erliegen und danach nicht mehr Dieselben sind.“

„Auch wieder wahr.“, räumt Willie widerwillig ein.

„Ach ja, die Liebe!“, entfährt es da Jan aus Versehen ein Stück zu laut.

„Was‘n jetzt kaputt?!“

„Ach! Ich bin das Alleinsein einfach leid. Und bei diesem Job werde ich nie jemanden kennenlernen, wenn ich hier Nachts mit dir in Zelten auf Gott weiß wen warte.“

„Nu‘ mal langsam mit den Pferden, Jan. Du bist ein guter Mann, Jan.“

„Ja, vielleicht. Aber auch ein unglücklicher.“

„Ach, komm. Du kennst doch ne Menge netter Kolleginnen. Ist denn da keine für dich dabei?“

„Ja, irgendwie nicht so. Ich weiß auch nicht. Ich glaub, ich würde einfach gerne jemanden kennenlernen, der kein Bulle ist.“

Darauf weiß Willie Haben keinen Rat und schweigt betreten.

Es vergehen einige Minuten, ohne dass etwas Nennenswertes geschieht, bis Willie die Stimme seines Kollegen durch das mitgeführte Funkgerät vernimmt, als Jan mit der Zentrale Kontakt aufnimmt.

 

Aber mehr weiß ich auch nicht

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