Wonder Boys

Michael Chabons Bücher habe ich bisher atemlos verschlungen. Und auch meine Mitstreiter hier im Blog lieben ihn. Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay (Pulitzer-Preis 2001) verzückten mich mit den vielen Comic-Anleihen. In Telegraph Avenue schrieb er einen Satz über siebzehn(!) Seiten, nur in der Vereinigung der jiddischen Polizisten hat er mich nicht ganz abgeholt, auch wenn der Roman alle drei großen amerikanischen Science-Fiction/Fantasy-Preise Hugo, Nebula und Locus/SF gewann, was nur wenigen in der Geschichte gelang. Chabon hat eine großartige Art zu erzählen, ich liebe es, einen dicken Wälzer von ihm in der Hand zu haben. Dies verspricht viel Lesefreude für viele Stunden.
 
Als ich Wonder Boys in der Hand hielt, war ich doch wegen des so geringen Umfangs des kleinen Taschenbuchs enttäuscht. Kann Chabon seine Fabulierkunst in diese wenigen Quadratzentimeter quetschen? Das Buch wurde auch verfilmt, was zugegebenermaßen nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal ist. Nun, geneigter Leser, ich kann sagen, es ist ein ganz anderes, aber nichtsdestotrotz großartiges Buch geworden.
 

Der Collegeprofessor für Kreatives Schreiben, Grady Tripp, arbeitet seit Jahren an seinem Monumentalwerk, das schon stolze 2611 Seiten umfasst (Mit dem Titel Wonder Boys). Fertig wird er nicht, der Schluss ist schon seit Monaten in Arbeit und wurde gefühlte 123-mal umgeschrieben. Grady hat ein Verhältnis mit der Frau seines Fachbereichsleiters und ist ständig stoned. Als ihn sein Verleger Terry Crabtree besucht, erlebt er mit ihm und seinem Studenten James Leer ein wirklich turbulentes Wochenende.
 
„Der Wind war stärker geworden, und ich fröstelte, und auf einmal wurde mir klar, dass Terry Crabtree mit seinem kühlen und unbeteiligt taxierenden Blick im Grunde nicht mehr mich sah, seinen ältesten Freund, mit dem sich für ihn all die exotischen Versprechungen des Lebens und jede Aussicht auf Ruhm von alters her aufs Engste verbanden. Er sah nur noch den potgeschädigten Autor eines aufgeblähten, rückgratlosen, halb imaginären Romankraken von zweitausend Seiten, eines einzigen Schwindels, dessen vertrauensvolle und leichtgläubige Unterstützung ihn Zehntausende von Dollar und anscheinend sogar seine Karriere gekostet hatte,“
 
Die Wege, die diese drei an diesem Wochenende nehmen, sind unbeschreiblich und im wahrsten Sinne des Wortes auch von Leichen gepflastert. Nein, kein Kriminalroman, doch auf skurrile Weise werden in dem Kofferraum von Grady die gefundenen Utensilien dieses Wochenendes gestapelt. Bis es zu einem ‚Blowing-in-the-wind‘-Finale kommt, werden von Grady jede Menge Peinlichkeiten beschritten. Eine wirklich turbulente Tour de Farce durch diese amerikanische, spießige Kleinstadt.
 
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich auf dieses Buch einlassen konnte. Chabon hat es ganz am Anfang seiner Karriere geschrieben und erzählt autobiografisch seinen eigenen gescheiterten Versuch, ein Monumentalwerk zu verfassen. Aber als mich das Buch gepackt hat, kam ich von diesen herrlichen Sätzen und der eigentümlichen, burlesken Geschichte nicht mehr los. Ein Buch, das der geneigte Leser gelesen haben sollte.
 

Wonder Boys ist im November 2008 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Weitere Informationen bei Klick auf das Cover oder auf der Verlagsseite.

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